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Potsdam Golmer Ortsvorsteherin will Drahtseilbahnen
Lokales Potsdam Golmer Ortsvorsteherin will Drahtseilbahnen
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00:20 18.06.2019
Idee: Drahtseilbahn als Ergänzung des öffentlichen Nahverkehrs in Potsdam. Quelle: Gartenschläger/Montage: MAZ
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Potsdam

Ist ein Netz von Drahtseilbahnen die Alternative zum permanenten Potsdamer Verkehrsinfarkt? Der Ortsbeirat Golm soll ernsthaft darüber diskutieren. Mitte Mai meldete sich die Ortsvorsteherin und CDU-Landtagsabgeordnete Saskia Ludwig erstmals mit der Idee, zunächst eine Teststrecke zwischen dem Universitätsgelände Golm und dem Babelsberger Uni-Campus zu ziehen.

Gondeln über dem Park Sanssouci und der Havelbucht: Die Fotomontagen unserer Bild-Redaktion zeigen das Stadtbild mit einem neuen Verkehrsmittel.

„In kleiner Runde“, so Ludwig jetzt, seien mittlerweile drei potenzielle Varianten für den Stadtverkehr lokalisiert worden: neben der „Charlottenhof-Route“ als Direkt-Verbindung zwischen Babelsberg und Golm eine „Nedlitz-Route“ mit Schwenk zum Norden und eine „Templiner Route“ für den Süden. Über Anträge könne erst geredet werden, wenn der neue Ortsbeirat „sprachfähig“ sei, so Ludwig. Konstituierende Sitzung ist am 18. Juni.

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Das Ergebnis einer ersten Ideenwerkstatt in kleiner Runde in Golm mit drei Seilbahnlinien. Quelle: Detlev Scheerbarth

Mit dem Bau sogenannter „urbaner Drahtseilbahnen“ nimmt die Ortsvorsteherin ein Thema auf, das mittlerweile bundesweit diskutiert wird. „Städtische Seilbahnen sind ein innovatives Verkehrsangebot immer dort, wo wenig Platz und Geld zur Verfügung steht oder wo schwieriges Gelände zu überwinden ist – in Potsdam zum Beispiel das Wasser“, sagte Anja Hänel, Landesgeschäftsführerin des ökologisch orientierten Verkehrsclubs Deutschland (VCD), auf MAZ-Anfrage.

Seilbahnen seien bei den Nutzern „sehr beliebt, weil sie staufrei und modern sind“. Bau- und Betriebskosten seien deutlich geringer als bei anderen Bahnen. Der VCD sei deshalb der Meinung, „dass der Einsatz von Seilbahnen auch für Potsdam geprüft werden sollte“.

Die erste urbane Seilbahn wurde nach Recherchen des VCD 2004 im kolumbianischen Medellin in Betrieb genommen und 2007 mit einer zweiten Linie auf zehn Kilometer verlängert. Seither wächst die Liste von Städten mit Drahtseilbahnen stetig. Taipeh und Caracas sind dabei, Rio de Janeiro, Lissabon, Ankara, Istanbul, Singapur, Portland und Madrid.

In Deutschland wird der Bau von Seilbahnen laut VCD unter anderem in Bonn, Dachau, Düsseldorf, Ingolstadt, Kiel, Konstanz, München, Pforzheim, Rottweil, Reutlingen, Stuttgart und Wuppertal diskutiert. Der Projektstand reiche „von ersten Ideen bis hin zu konkreten Trassenvorschlägen“.

Potsdams Partnerstadt Bonn hat bereits eine Machbarkeitsstudie für eine zunächst 4,3 Kilometer lange Strecke mit fünf Stationen, 24 Masten und einer Gesamtreisezeit von zwölf bis 15 Minuten. Im Sommer wird nach Informationen des „Generalanzeiger“ ein Gutachten zur Wirtschaftlichkeit erwartet, die Bauzeit läge bei einem Jahr, Kritik kommt von einer Bürgerinitiative „Bonn bleibt seilbahnfrei“.

Bundesweit bekannt ist die zur Bundesgartenschau 2011 über den Rhein gespannte Drahtseilbahn in Koblenz, die pro Stunde 7600 Personen befördern kann. Nächstgelegene ist die zur IGA 2017 in Berlin-Marzahn errichtete Drahtseilbahn, die fast 1,6 Kilometer überbrückt.

Ländersache ist der Bau urbaner Drahtseilbahnen in Baden-Württemberg, wo vor einem Jahr eine Machbarkeitsstudie „Hoch hinaus in Baden-Württemberg“ vorgestellt wurde, und in Bayern, dessen Verkehrsministerium 2018 einen „Leitfaden für die Entwicklung von Seilbahnen an urbanen Standorten“ herausgegeben hat. Bayern zahlt laut „Süddeutscher Zeitung“ auch die Hälfte der Machbarkeitsstudie für eine Drahtseilbahn in der Münchner Innenstadt.

In Potsdam sind urbane Drahtseilbahnen noch kein Thema: „Eine Seilbahn ist ein innovatives Verkehrsmittel für Städte, das als Zusatzangebot zum ÖPNV dienen kann“, sagt Rathaussprecherin Christine Homann, „bisher bekannte Technologien bieten jedoch noch keine reguläre Erschließung über eine große verzweigte Fläche, benötigen viele Zwischenstationen, bieten keine Umsteigealternativen für lange Strecken und sind somit als Verkehrsmittel für die Abwicklung von Pendlerverkehren noch nicht sehr gut geeignet.“

„Als ÖPNV-Ersatz mit seiner feingliedrigen Netzstruktur und kurzen Zugangswegen sind sie mit ihren wenigen Zu- und Abgangspunkten ungeeignet“, sagt Stefan Klotz, Sprecher der Verkehrsbetriebe (ViP). Hinzu komme, dass eine Integration in bebauten Gebieten, insbesondere bestehenden Stadtzentren, eine erhebliche Herausforderung darstellen dürfte, so Klotz: „Insofern spielen Seilbahnen momentan keine Rolle bei den strategischen Überlegungen der ViP.“

Potsdam habe mit dem Regionalexpress- und Regionalbahn-System, der S-Bahn und der Straßenbahn „leistungsfähige Schienenverkehrsmittel, die weiterentwickelt werden können“, sagt Klotz.

Auch das Land winkt auf MAZ-Nachfrage ab: „Bislang ist uns keine Verkehrsgesellschaft bekannt, die die Einrichtung und den Betrieb einer Drahtseilbahn als ein ,Verkehrsmittel im ÖPNV’ über einen langen Zeitraum erwägt“, sagt Steffen Streu, Sprecher des Verkehrsministeriums: Landesförderung für ein solches Projekt sei „derzeit nicht möglich“.

Die Ortsvorsteherin und CDU-Landtagsabgeordnete Saskia Ludwig. Quelle: Friedrich Bungert

Golms Ortsvorsteherin Ludwig aber warnt davor, „die Hände in den Schoß zu legen und den Verkehrskollaps weiterhin ,passiv’ zu beobachten. Bei dem Bauboom, wie ihn zum Beispiel der Ortsteil Golm erlebt, wäre dies fatal“.

Ihr persönlicher Favorit für eine erste Potsdamer Seilbahnlinie wäre die Charlottenhof-Route zwischen Babelsberg und Golm: „Entlang der vorhandenen Strecke der Regionalexpresslinien RE1, RB20 und RB21 wäre dies die kürzeste und am schnellsten realisierbare Variante.“ Als Tangente würde diese Linie bei einer Gesamtlänge von 11,5 Kilometern auch am Hauptbahnhof vorbeiführen.

Von Volker Oelschläger

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