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Potsdam Katrin und Lutz geben sich das Ja-Wort auf der Intensivstation
Lokales Potsdam Katrin und Lutz geben sich das Ja-Wort auf der Intensivstation
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09:57 17.10.2019
Am 26. September 2019 haben Katrin Holy und Lutz Kalinowski auf der Intensivstation des St. Josefs Krankenhauses geheiratet. Quelle: St. Josefs Krankenhaus
Potsdam

Zwischen Leben und Tod, Hoffnung und Verzweiflung haben sie sich das Ja-Wort gegeben. „Das schaffen wir schon“, sagt Lutz Kalinowski. „Ja, das schaffen wir“, antwortet Katrin Holy und drückt seine Hand, die schmal geworden ist. Seit drei Wochen sind die beiden Mann und Frau – Katrin Holy (59) und Lutz Kalinowski (57) aus Mahlow (Teltow-Fläming) haben auf der Intensivstation des Potsdamer St. Josefs Krankenhauses geheiratet.

„Ich will wieder ein normales Leben führen“

Katrin Holy sitzt am Bett ihres Mannes, der dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen ist, wie er sagt. Lutz Kalinowski weiß, dass ihm die nächsten Wochen viel Kraft und Geduld abverlangen werden. „Ich schau aber trotzdem voraus – ich will wieder ohne Hilfe zurechtkommen. Ich will wieder ein ganz normales Leben führen: Auto fahren, einkaufen gehen, im Garten arbeiten, mit dem Enkelkind Fußball spielen.“

Nur ein-, zweimal kommt es vor, dass die Potsdamer Standesbeamten zu einer Eheschließung ins Krankenhaus oder ins Hospiz kommen. Wie stimmungsvoll so eine Nottrauung sein kann, sehen Sie hier.

Lutz Kalinowski hat COPD, eine nicht heilbare, lebensbedrohliche Lungenkrankheit, die zumeist durchs Rauchen verursacht wird. Lutz Kalinowski nickt nachdenklich: „Ich habe über 40 Jahre lang geraucht“, sagt er. Wenn er Nachtschicht hatte – und die hatte der CNC-Dreher oft – , sei er locker auf anderthalb Schachteln am Tag gekommen.

Mit 13 die erste Zigarette

Die erste Zigarette schmeckt bitter. Lutz Kalinowski ist kein Kind mehr und noch lange kein Mann: „Ein Bengel, vielleicht dreizehn Jahre alt.“ In der Clique sind auch Ältere, Lutz Kalinowski macht den ersten Zug. „Mir ist direkt schlecht geworden“, erzählt er. „Im Hals hat’s gekratzt, es war nicht schön.“

Und doch beginnt an jenem Tag eine glühende Leidenschaft, von der er weiß, dass sie ihn womöglich ins Grab bringt. Ist er heute sauer auf sich? „Klar denke ich darüber nach, wie blöd ich gewesen bin – aber ich trauere der Vergangenheit nicht nach. Geschehen ist geschehen.“

Lutz Kalinowski, der West-Berliner, und Katrin Holy aus Mahlow lernen sich Ende der Neunziger in einer Gartensparte auf märkischem Sand kennen. Ein Paar sind sie seit 13 Jahren. „Wir haben immer gesagt, irgendwann heiraten wir“, sagt Lutz Kalinowski: „Aus ,Irgendwann’ sind dreizehn Jahre geworden. Es ist einfach immer wieder was dazwischen gekommen.“ Der Hausbau, Familienangelegenheiten und zuletzt beinahe der Tod.

2016 erhält Lutz Kalinowski die Diagnose. „Ich schaffte auf einmal nicht mehr so viel, bekam keine Luft, musste Pausen machen.“ Selbst der Feierabend-Weg von der Drehmaschine in die Umkleide und weiter zum Auto wird unendlich lang. Oft sitzt Lutz Kalinowski halb umgezogen auf der Bank und weiß nicht weiter. Die Arbeitskollegen feixen: „Du wirst ja auch immer älter!“ Der Chef schickt ihn nach Hause, aber Lutz Kalinowski will sich nicht schonen. „Er war ein Arbeitstier“, sagt Katrin Holy. „Er hat seine Arbeit geliebt. Er hat sich gequält und so getan, als ob nichts wäre.“

Zusammenbruch vor dem Arzttermin

Bis Ende 2018 arbeitet Lutz Kalinowski. An einen Novembersonntag will er zur Nachtschicht aufbrechen, aber die Kraft reicht nicht mehr aus. Als er sich am Montagmorgen für den Arzt fertigmacht, sackt er zusammen. Noch im Rettungswagen muss er intubiert werden.

Lutz Kalinowksi hat eine doppelseitige Lungenentzündung, er liegt zehn Tage im Koma. Nach dieser beängstigenden Episode sei ihnen klar geworden, dass sie sich mit der Hochzeit nicht mehr allzu viel Zeit lassen sollten, sagt Katrin Holy: „Wir wollten die Dinge regeln, so dass ich mich in jeder Situation um ihn kümmern kann.“ – „Ich wollte, dass sie abgesichert ist“, sagt Lutz Kalinowski.

Mehrmals im künstlichen Koma

Das Paar plant, im Juni 2019 zu heiraten, aber der Juni wird heißer als für Lutz Kalinowski zu ertragen ist. Das Atmen fällt ihm in der Hitze schwerer denn je, es geht ihm schlecht und man beschließt, die Hochzeit in den Herbst zu verschieben – Anfang August ist Lutz Kalinowski dem Tod plötzlich näher als dem Leben. Er wird sechs Minuten lang wiederbelebt, erneut ins künstliche Koma gelegt, in verschiedenen Kliniken behandelt.

Im September kommt er ins St. Josefs – die Ärzte legen einen Bypass zwischen der Aorta und den beiden Leistenarterien, ein komplexer Eingriff. Drei Tage nach der OP heiraten Katrin Holy und Lutz Kalinowski auf der Intensivstation des katholischen Hauses.

Trauzeugen in Türkis und Blau

„Nottrauung“ nennt das Gesetz die Zeremonie, in der einer der Partner in einer lebensbedrohlichen Verfassung ist und zu der die Potsdamer Standesbeamten ein- bis zweimal im Jahr in eines der Krankenhäuser oder auch ins Hospiz kommen. Dass es am 26. September trotz der einschüchternden Atmosphäre einer Intensivstation dennoch feierlich wird, ist vor allem dem Team der Station zu verdanken.

Katrin Holy kann ihre Trauzeugen in Türkis und Blau nicht alle aufzählen, so gerührt ist sie, wenn sie von ihrem unverhofft schönen Hochzeitstag erzählt. „Ich möchte sie alle umarmen – ich habe sie alle ins Herz geschlossen. Sie haben hier alles, wirklich alles für uns getan! Sie haben das Zimmer geschmückt und eine Hochzeitstorte gebacken, sie haben Ringe für uns gebastelt – sogar eine Fliege, aber die kam wegen der Beatmungsmaschine nicht zum Einsatz.“

Nicht nur die Brautleute weinen

Eine der Damen bringt von daheim ein nagelneues, noch verpacktes Hemd ihres Mannes mit und zieht es Lutz Kalinowski an. Katrin Holy entscheidet sich in letzter Sekunde doch für das weiße Kleid, dass schon eine Weile daheim im Schrank hängt. Die Standesbeamtin traut, die Krankenhausseelsorgerin stimmt mit den Schwestern ein Lied an – und es fließen ein paar Tränen, nicht nur bei den Brautleuten.

„Es war wunderschön“, sagt Katrin Holy. Ihren Namen hat sie – erst einmal – nicht abgeben wollen. „Holy – das bedeutet heilig“, sagt sie: „Heilig und glücklich.“ Im nächsten Jahr wird sie 60. „Das feiern wir ganz groß“, sagt Katrin Holy. „Wir feiern dann auch unsere Hochzeit nach und zeigen allen, wir leben noch!“

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Von Nadine Fabian

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