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17:10 08.09.2017
Die Eigentümer Uta und Marcus Hertneck (l.) laden mit Denkmalpfleger Jörg Limberg am Sonntag in die Villa des „Persil-Erfinders“ Otto Liebknecht ein.
Die Eigentümer Uta und Marcus Hertneck (l.) laden mit Denkmalpfleger Jörg Limberg am Sonntag in die Villa des „Persil-Erfinders“ Otto Liebknecht ein. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Babelsberg

Uta und Marcus Hertneck – sie 51, er 55 Jahre alt – erinnern sich noch ganz genau: „Es war an einem kalten Februartag im Jahr 2005, als wir uns das Haus in der Domstraße 10 zum ersten Mal angesehen haben. Und es hat uns sofort fasziniert, denn dieses Haus hat innen eine warme Ausstrahlung. Es hat gute Penaten, gutmütige Hausgötter, Schutzgötter, ehemalige Hausbewohner, die den Herd bewachen.“

Nach weiteren Besuchen und reiflichem Abwägen des finanziellen Spielraums erwarb das Ehepaar die sogenannte Liebknecht-Villa von der Eigentümerin Eva Castellanos, einer Enkelin der einstigen Besitzer Otto und Elsa Liebknecht. Castellanos lebte in Südamerika, wohin ihre jüdische Familie bereits Ende der 1930er-Jahre vor den Progromen der Nazis geflüchtet war. Als beim Notar die Tinte unterm Vertrag trocken war, umarmten sich beide Seiten.

Die Historie des Hauses ist durchaus filmreif

Die neuen Eigentümer – sie Theater- und Filmdramaturgin, er Drehbuchautor von Beruf – übernahmen mit dem Haus zugleich eine Historie, die durchaus filmreif ist: Otto Liebknecht (1876–1949), der als Chef-Chemiker der Degussa 1907 das Natriumperborat entwickelte und damit quasi das Waschmittel „Persil“ erfand, war der Sohn des Mitbegründers der deutschen Sozialdemokratie Wilhelm Liebknecht (1826–1900. Einer seiner älteren Brüder war der marxistische Politiker und Potsdamer Reichstagsabgeordnete Karl Liebknecht (1871–1919), welcher nach der Abdankung Wilhelms II. vom Balkon des Berliner Stadtschlosses die Republik ausrief. Otto Liebknechts Sohn Kurt wiederum folgte in seinen politischen Überzeugungen seinem Onkel Karl, ging während der NS-Zeit in die Sowjetunion und wurde nach seiner Rückkehr erster Präsident der Bauakademie der DDR.

Blick in die Veranda der Liebknecht-Villa. Quelle: Bernd Gartenschläger

„Otto Liebknecht war Sozialist und zugleich Bourgeois. In unserem Heim war die schöne bürgerliche Kultur ebenso zu Hause, wie sozialistische Ideen“, erzählt Marcus Hertneck. So habe ihnen Frau Castellanos erzählt, dass sie in der 30er-Jahren als kleines Kind manchmal bei ihrer Oma in diesem Haus war. „Elsa Liebknecht war Pianistin. Der Flügel soll genau da gestanden haben, wo auch heute unser Flügel steht.“ Auch habe es Papageien gegeben, die im Wintergarten lebten.

Nach der Wende war die Villa eher eine Ruine

Doch von dieser bourgeoisen Pracht war nicht mehr viel übrig als das Ehepaar Hertneck die Liebknecht-Villa kaufte. Der im Jahr 1898 vom Architekten Emanuel Heimann zunächst als Sommervilla errichtete zweigeschossige Bau, der später mehrfach erweitert wurde, glich eher einer Ruine. 1945 zur Potsdamer Konferenz von den Sowjets beschlagnahmt, stand das Gebäude bis 1954/56 im Sperrgebiet – Nutzung unbekannt. Später wurde das Haus von verschiedenen Institutionen als Lehrlingswohnheim genutzt, ehe es 1994 vom Amt zur Regelung offener Vermögensfragen rückübertragen wurde.

„Nach dem Kauf waren wir auf die Hilfe der Denkmalpflege angewiesen“, erinnert sich Marcus Hertneck, „und wir haben gute Erfahrungen mit ihr gemacht.“ Ein Lob, das Jörg Limberg gerne annimmt. Der Architekt und profunde Kenner der Neubabelsberger Villenkolonie stand stets mit Rat und Tat zur Seite, wenn es darum ging, den Urzustand möglichst wieder herzustellen. „Dabei haben wir manchmal auch miteinander gerungen“, ergänzt Uta Hertneck lachend. Als Beispiel nennt sie die Auswahl der Fliesen im Eingangsbereich. Limberg empfahl weiße Farbtöne, auch wenn diese schwerer zu reinigen sind. Der Grund: Im Wintergarten sieht der Fliesenboden ähnlich aus, beide Räume haben nun wieder einen Bezug, „sprechen“ miteinander.

Liebknecht-Villa in der Babelsberger Domstraße 10. Quelle: Bernd Gartenschläger

„Man ist nur eine gewisse Zeit zu Gast in einem Denkmal“, weiß der Hausherr – deshalb wollen die Hertnecks am Sonntag andere Menschen an ihrem Glück und der Geschichte ihrer Villa teilhaben lassen.

Einige Meter entfernt, oben an der Sternwarte, wird Denkmalpfleger Jörg Limberg um 11.30 und 15 Uhr – quasi als Kontrastprogramm – einen Vortrag über die „verlorenen Schätze von Neubabelsberg“ halten.

Potsdams Orte zum Tag des offenen Denkmals

Am Wochenende findet der Potsdamer Dreiklang aus Potsdamer Jazztagen, der Kunst-Genuss-Tour und dem Tag des offenen Denkmals statt.

Am Samstag öffnen zahlreiche Galerien und Museen in der Innenstadt.

Der Tag des offenen
Denkmals am Sonntag steht bundesweit unter dem Motto „Macht und Pracht“. Der Denkmaltag wird um 10 Uhr mit einem Konzert in der Villa Treitel feierlich eröffnet.

In Potsdam können 60 Denkmale besichtigt werden, darunter das Leibniz-Institut für Astrophysik, das Jagdschloss am Stern, der Alte Friedhof Klein-Glienicke, die Hofgärtnerei im Park Babelsberg, die Nowaweser Weberstube, der Backofen Babelsberg, der optische Telegraf auf dem Telegrafenberg, das Große Waisenhaus, die Arnim’sche Villa, der Winzerberg, das Museum Alexandrowka, die Gedenkstätte Leistikowstraße, der Park der Villa Jacobs und diverse Kirchen.

Schwerpunkt des Denkmaltages ist in diesem Jahr die Villenkolonie Neubabelsberg, wo 22 Villen und Landhäuser besichtigt werden können.

Im Angebot sind auch thematische Führungen, etwa zu den Bahnhöfen am Park Sanssouci. Infos: www.potsdamer-dreiklang.de

Von Jens Trommer

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