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Potsdam Plötzlich 70!
Lokales Potsdam Plötzlich 70!
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17:32 25.03.2019
Die MAZ liegt unserer Reporterin zu Füßen und bleibt doch unerreichbar. Quelle: Gartenschläger
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Potsdam

Die Last spüre ich in dem Moment, als ein Luftzug an mir vorbei zieht. Soeben hat mich eine Dame mit ihrem Rollator überholt. Abgehängt vor dem Kühlregal wird mir schwindelig. Kurze Pause, dann ziehe ich weiter.

Age-Man heißt der Anzug, in den eigentlich Altenpfleger, Auszubildende und Medizin-Studenten schlüpfen sollen, um nachzuempfinden, wie ältere Menschen Alltagssituationen meistern. Seit anderthalb Jahren schult das Brandenburger Unternehmen „Landesausschuss für innere Mission“ (Lafim) seine Mitarbeiter mit dem Altersanzug. An diesem Vormittag stecke ich in dem bleischweren Greisen-Kostüm und will testen wie es ist, plötzlich von einer auf die andere Sekunde mehr als doppelt so alt zu sein.

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Doch zurück zum Test-Beginn. Vor dem Netto-Marken-Discount an der Holzmarktstraße schnallt mir Lafim-Mitarbeiterin Christiane Soyeaux Gewichte um Arme, Beine und den Rumpf, darüber eine bleischwere Latzhose und eine Jacke. Über meine Ohren stülpt sie Kopfhörer, die Geräusche abschirmen, sodass sie dumpf wie unter Wasser klingen. Meine Haare verschwinden unter einem Helm mit gelbem Visier. Das Sichtfenster simuliert die veränderte Farbwahrnehmung im Alter. Meine Hände tragen Handschuhe, die das Greifen erschweren. In voller Montur sehe ich jetzt aus wie ein Astronaut – Zeit sich ein Spaceshuttle zu holen.

Die Zeitung auf Bodenhöhe ist quasi unerreichbar, Münzenzählen an der Kasse wird zur Geduldsprobe. Im Supermarkt warten auf Senioren einige Hürden. Unsere Kollegin hat getestet, wie es ist. Sie ist im Alters-Simulator im Supermarkt einkaufen gegangen.

Bis zum Einkaufswagen, jedoch, ist es ein weiter Weg. Mit jedem Schritt drückt mir mein Alter von 70 Jahren auf die Knochen. Ich fühle mich unsicher, stütze mich auf den Einkaufswagen, um die Ein-Euro-Münze in den Schlitz zu stecken. Doch meine Finger sind steif. Es klappt erst beim zweiten Versuch. Ich betrete den Supermarkt, bewusst Schritt für Schritt setzend wie in Zeitlupe, schlurfe auf das Kühlregal zu. Was würde ich darum geben, dass mich jemand stützt!

Wie wichtig es ist, älteren Menschen unter die Arme zu greifen, können Pflegekräfte der Lafim mit dem Age-Man-Anzug nachempfinden. „Dadurch lernen unsere Pflegekräfte zum Beispiel, dass sie ihre Patienten anschauen sollen, wenn das Gegenüber schlecht hört“, erklärt Christiane Soyeaux. Denn ab einem gewissen Zeitpunkt federt der Mensch nicht mehr elastisch durchs Leben: Die Muskulatur lässt im Alter nach, Bewegungen dauern länger, Geräusche können nicht mehr deutlich wahrgenommen werden – und man erkennt Farben nicht so genau. Blau und Grün etwa lassen sich kaum unterscheiden. „Natürlich kann man Defizite ausgleichen, wo es keiner merkt. Der eine hört oder sieht früher schlecht, der andere später, aber ich denke, mit 70 hat man die ersten Einschränkungen. Fragen Sie sich mal, wie lange Sie morgens im Bad brauchen und wie lange jemand mit 70 braucht“, sagt Soyeaux. Zum Glück kommen die Gebrechen im wahren Leben schleichend – anders als im Altersanzug: Streift man ihn über, ist man von einer auf die andere Sekunde steinalt.

Einen Schokopudding und ein Sechser-Pack-Fruchtzwerge später komme ich am Wasserregal an. Extrem hoch gestapelt, die Flaschen. Mir gehen die Worte der Lafim-Mitarbeiterin durch den Kopf: „Wer körperliche Gebrechen hat, hat nicht automatisch auch geistige.“ Ich stelle mich auf die Zehenspitzen, verliere fast das Gleichgewicht, ein Sturz wäre fatal in meinem Alter, schießt es mir durch den Kopf – aber: Ich hab dich, du Flasche!

Schwieriger wird es, als ich entziffern will, welche Aromen im Mineralwasser stecken. Das Kleingedruckte verschwimmt vor meinen Augen. Wieder ist mir duselig. Es wird Zeit, dass ich zum Ausgang komme. Ein letzter Halt am Zeitungsregal. Zum Glück liegt die MAZ bauchnabelabwärts im Regal. Doch in die Hocke zu gehen schmerzt bis in die Knie. Ganz runter geht’s nicht, ich angele deshalb von oben. Irgendwann liegt die Zeitung im Einkaufswagen. Fast ein bisschen stolz gehe ich zur Kasse, gemächlich – denn alte Leute haben ja angeblich viel zu viel Zeit.

Die letzten Waren sind soeben über das Einkaufsband gerollt. „Fräulein, wieviel macht das?“, will ich wissen. Die Supermarkt-Kassiererin bewegt ihre Lippen, doch welchen Betrag sie formen, höre ich nur aus der Ferne. „Können Sie etwas lauter sprechen? Wissen Sie, ich höre schlecht“, erkläre ich. Sie wiederholt. „Ich hab’s passend“, sage ich, zerre mein Portemonnaie aus der Tasche, krame Kleingeld hervor. Weil ich die Münzen nicht zu fischen kriege, kippe ich die ganze Geldbörse aus, beuge mich mit einem Ächzen hinunter und schiebe die Münzen vor mir hin und her. Warum sehen die 2-Cent- und die 5-Cent-Münze verdammt noch mal aus wie Zwillinge? Hinter mir der Kunde schaut genervt, ich atme hastig, Schweiß läuft mir den Rücken herunter. Die Kräfte verlassen mich. „Hier, Fräulein, schauen Sie mal, ob was dabei ist“, sage ich und reiche der Kassiererin meine Geldbörse hinüber. Wird Zeit, dass ich mich setze.

Von MAZonline

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