Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Polizei rechtfertigt Vorgehen gegen Polterabend
Lokales Potsdam Polizei rechtfertigt Vorgehen gegen Polterabend
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:06 16.08.2018
Polizeieinsatz gegen Polterabend
Polizeieinsatz gegen Polterabend Quelle: privat
Anzeige
Nauener Vorstadt

Die Potsdamer Polizei hat ihren massiven Einsatz gegen einen Polterabend am vergangenen Freitag begründet und ihre bislang erklärte Version der Ereignisse bekräftigt. In einigen Details ging die Behörde am Donnerstag über frühere Darstellungen hinaus oder änderte sie.

Einen umfangreichen Fragenkatalog der MAZ beantwortete sie mit einer allgemein verfügbaren Pressemitteilung, mit der jeder Vorwurf der Partygäste verworfen wird, doch die bleiben im Wesentlichen bei ihren Versionen der Ereignisse.

Die MAZ stellt hier die Aussagen der Polizei und Teilnehmer der Feier gegenüber, die sich meist komplett widersprechen.

Wie laut war die Musik?

Der Erklärung zufolge stellte die mit zunächst vier Beamten anrückende Polizei beim ersten Einsatz um 23.06 Uhr „eine größere Personengruppe“ fest, „die lautstarke Musik hörte und sich ebenso laut unterhielten“.

„Stimmt nicht“, sagt der Grundstücksbesitzer Knud Brandis. Die Musik sei nur so laut gewesen, dass man sich dabei geruhsam unterhalten konnte. Im so genannten Kutscherhaus am Festplatz hätten Kinder geschlafen. Fünf Nachbarn aus dem Haus des Beschwerdeführers, etwa 20 Meter hinter dem abschirmenden Kutscherhaus, sagen, sie hätten von der Feier so gut wie nichts mitbekommen und sogar bei offenen Fenstern geschlafen. Die Polizei habe die Lautstärke offenbar weder gemessen, noch videotechnisch dokumentiert.

Warum ging man nicht nach drinnen?

Die Polizei sagt, man habe den Anwesenden „vorgeschlagen, die Feier ins Innere zu verlegen, doch Brandis habe das mit dem Argument abgelehnt, die Musik sei nicht zu laut, die Nachbarn sollten sich „mal nicht so haben“. Man habe ihm „polizeiliche Folgemaßnahmen bei Nichtbeachtung angekündigt“. Die würden „für gewöhnlich beim wiederholten Erscheinen der Polizei am Ort der Ruhestörung durchgesetzt. Diese können sich auch in der Auflösung der Feierlichkeiten niederschlagen.“

Das hatte die Polizei in einer früheren Auskunft an die MAZ anders formuliert. Am Dienstag hieß es noch, man habe „dem Objektverantwortlichen mitgeteilt, dass ein wiederholtes Erscheinen der Polizei wegen ruhestörendem Lärm ... die Beendigung der Feier ... nach sich ziehen werde“, nicht könnte.

Drohungen gegen den Nachbarn?

Der Beschwerdeführer aus dem Nachbarhaus rief die Polizei wenig später erneut an, und berichtete, Brandis und zwei weitere Gäste der Feier seien nach dem Polizeieinsatz bei ihm gewesen und hätten ihn zur Alarmierung der Polizei befragt. Die Musik sei wieder laut gestellt worden, und Brandis habe ihm Konsequenzen angedroht, sollte er nochmals die Polizei anrufen.

Stimmt so nicht, sagt Brandis. Tatsächlich sei er mit dem Bräutigam und Gastgeber Christian M. und dem Partygast Adrian W. zu dem bis dahin unbekannten Beschwerdeführer gegangen, habe sich vorgestellt, für etwaige Belästigungen entschuldigt, ihn zur Feier eingeladen und ihm seine Handynummer angeboten, falls etwas vorfalle. Das habe der Beschwerdeführer abgelehnt. Statt dessen behauptete er gegenüber der MAZ, die drei hätten an seine Tür gehämmert und ihn beleidigt.

Widerspricht der Darstellung der Polizei: Gastgeber Knud Brandis. Quelle: Rainer Schüler

Wie gelangte die Polizei auf das Grundstück?

Die Musik wurde nach dem ersten Einsatz leiser gedreht; und der Einsatz war damit vorerst beendet, berichtet die Polizei. Als man nach dem zweiten „Notruf“ wiederkam, gegen 23.48 Uhr und diesmal mit drei Streifenwagen, hätten die Beamten „erneut laute Musik und ruhestörenden Lärm von mehreren Personen auf demselben Grundstück“ wahrgenommen.

Stimmt nicht, sagt Brandis: „Die Musik war längst abgestellt.“

Die Polizisten seien nicht aufs Grundstück gekommen, weil die „ehemals geöffneten Tore verschlossen“ waren, hieß es am Donnerstag. Brandis sei „deutlich aufgefordert“ worden, „den Zugang zum Grundstück zu gewährleisten. Dieser Aufforderung kam er jedoch nicht nach. Erst nachdem dem ... die Türöffnung durch einen Schlüsseldienst angekündigt wurde“, habe Brandis „auf einen seitlichen, ungesicherten Zugang zum Hof“ verwiesen und den Zugang „gestattet“.

„Stimmt nicht“, sagt Brandis: „Die haben gefragt, ob es offene Türen gibt.“ Das habe er bestätigt, aber zugleich den Zutritt untersagt, weil es keine Ruhestörung und damit keinen Grund gebe. So kamen die Beamten wohl entgegen früheren Vermutungen zwar nicht über den Zaun oder über verschlossene Tore, aber gegen den Willen des Grundstücksbesitzers auf das Gelände.

Zeigte sich der Gastgeber uneinsichtig?

Die Polizei hat nach eigener Darstellung „mehrere Personen“ festgestellt, „welche noch immer im Außenbereich saßen“. Brandis sei „mehrere Minuten erklärt“ worden, dass es erneut zu einer Ruhestörung gekommen sei und man die Feier nun, wie vorher angekündigt, für beendet erklären müsse. Die anwesenden Personen seien „gebeten“ worden, „sich von dem Grundstück zu entfernen.“

Laut Aussage der Polizeibeamten habe sich Brandes „erneut sehr uneinsichtig“ gezeigt und die Gäste aufgefordert, im Haus weiter zu feiern, „was die Polizisten jedoch untersagten, da eine erneute Ruhestörung bei der Nichtauflösung für mehr als wahrscheinlich gehalten wurde.“

„Stimmt“, bestätigt Brandis. Man habe draußen ohne Musik weitergefeiert. Und er habe den Gästen vorgeschlagen, drinnen weiterzumachen.

Polizisten als „Penner“ beschimpft?

Die Polizei behauptete am Donnerstag, „ein Gast der Feierlichkeit“ habe gegenüber den eingesetzten Polizisten gesagt: „Das sind doch alles Wichser!“ Ein 34-Jähriger (der Bräutigams –d.Red.) habe die Beamten als „Penner“ beschimpft. Dagegen habe man Anzeige erstatten und die Personalien des Mannes erheben wollen, doch der sei weggerannt.

„Stimmt nicht“, sagt Brandis: „Ich war genau daneben. Ich kenne diese Spielchen.“ Einer der Polizisten habe das Wort „Wichser“ gesagt in der Hoffnung, jemand gehe darauf und wiederhole das Wort, vielleicht als Frage „Wichser? Was soll das denn?“ Dann hätten die Polizisten das auf sich bezogen und als Beleidigung geahndet. „Ich habe den Bräutigam sofort daran gehindert, irgendwas zu antworten. Niemand von uns hat da diese Worte benutzt.“ Und die Personalienfeststellung war unsinnig, da sie Angaben schon beim ersten Einsatz erhoben worden waren, schriftlich. „Die wussten genau, wie der Bräutigam heißt und wie er gekleidet war: rote Hose, weißes Shirt, unverwechselbar.“

Gegen die Festnahme gewehrt?

Hatte es in einer früheren Pressemitteilung noch geheißen, der Bräutigam Christian M., sei auf die Beamten zu gerannt. Nun heißt es, er sei weggerannt und habe sich mit Tritten gegen seine Festsetzung gewehrt.

Brandis sagt, die Polizisten hätten Christian M. zu dritt „am Boden festgenagelt“, einer habe ihm den Arm auf den Rücken gedreht, ein andere den Kopf zur Seite gedreht und ihm das Knie seitlich auf den Hals gedrückt, einer ihm sogar den Fuß auf den Kopf gestellt. Der Bräutigam habe kaum noch Luft bekommen und sich nicht gewehrt - „konnte er gar nicht“; er habe sich erst bewegt und geschrien, als das Knie von seinem Hals genommen wurde.

Warum kam es zum Pfefferspray-Einsatz?

„Mehrere Gäste solidarisierten sich daraufhin mit dem am Boden liegenden M. und gingen gezielt auf diesen zu, wohl mit der Absicht die polizeiliche Maßnahme zu stören“, berichtete die Polizei am Donnerstag. Dies sei „durch die körperliche Präsenz von mehreren Polizeibeamten vor dem am Boden fixierten M. und durch die Ankündigung des Einsatzes von Pfefferspray verhindert“ worden. „Lediglich eine weibliche Person (die Braut –d.Red.) kam dieser konkreten, wiederholt angekündigten Aufforderung nicht nach, sodass gegen sie Pfefferspray eingesetzt werden musste.“

„Das ist ja der Sinn dieser Festsetzungen und der Folter des Festgesetzten, einer klaren Körperverletzung“, sagt Brandis: „Man provoziert die Solidarisierung anderer, stuft das als Bedrohung ein und hat einen Vorwand für hartes Durchgreifen.“ Niemand habe die Polizisten bedroht, und Videos zeigen, dass Partygäste versuchten, die Polizisten zu beruhigen. Die Braut wollte Brandis zufolge zu ihrem Bräutigam und wurde daran gewaltsam gehindert, durch einen oder zwei Beamte. Sie wurde weggeschubst und mit Pfefferspray anegriffen. „Schon das Wegschubsen hätte gereicht“, sagt Brandis: „Das ist eine kleine, ehe schmächtige Frau, keine Bedrohung für solche Männer.“ Ob sie die Androhung des Pfeffersprayeinsatzes überhaupt gehört hat, bezweifelt er.

Was hatte es mit dem Messer auf sich?

Ein 36-jähriger Mann (der Bruder und Trauzeuge des Bräutigams –d.Red.) sei mit einem Messer auf Polizisten zugegangen und habe nicht angehalten, obwohl man ihn mehrfach aufforderte, stehen zu bleiben und das Messer wegzuwerfen, heißt es in der Presseerklärung vom Donnerstag. „Anstatt dieses zu tun, baute er sich jedoch vor den Polizisten auf und ging weiter auf diese zu. Ein Beamter drohte erneut den Einsatz von Pfefferspray an, sollte der S. nicht stehen bleiben und das Messer wegwerfen. Dies ignorierte er immer noch, sodass dann zu Abwehr, der nun konkret vorliegenden Gefahr für die Polizeibeamten Pfefferspray eingesetzt wurde. Anschließend ließ er das Messer fallen.“

„Völlig falsch“, sagt Brandis. Der Mann habe sich am Buffet etwas abschneiden wollen und dazu ein spitzes Küchenmesser gegriffen, doch als die Polizisten schrien „Waffe! Waffe“ sei er wie erstarrt stehen geblieben, die Spitze des Messers habe hinter ihn gezeigt, weg von den Polizisten. Er, Brandnis, habe ihm trotzdem das Messer aus der Hand geschlagen, das ja offenbar als Waffe angesehen wurde. Man legte dem Trauzeugen Handschellen an und nahm ihn zusammen mit dem Bräutigam mit auf die Wache.

Strafanzeigen gestellt, Ermittlungen laufen

Die Polizei erklärte, sie habe „mehrere Strafanzeigen gegen vier der anwesenden Personen“ erstattet und eine wegen des Verdachts der Körperverletzung an einem Polizisten. Die Ermittlungen liefen noch, heißt es, insbesondere würden noch Äußerungen der Polizisten und der Partygäste aufgenommen. Eine Strafanzeige gegen die Polizei wegen des Verdachts der Körperverletzung werde durch das Landeskriminalamt untersucht.

„Bei mir oder anderen Gästen hat kein Ermittler bislang nach dem Ablauf der Ereignisse gefragt“, stellt Brandis Aufklärungsversuche in Frage: „Keiner wollte unsere Fotos oder Videos sehen.“

Im Einsatz waren acht Streifenwagen. Die Beamten kamen laut Mitteilung nicht aus der Bereitschaftspolizei, wie die Partygäste glaubten, sondern aus der Polizeidirektion West und trugen „ihre normale, alltägliche, persönliche Kleidung/Ausrüstung gemäß Polizeidienstvorschrift“.

Von Rainer Schüler

Potsdam Polio-Selbsthilfe in Potsdam - Ein Leben mit der Kinderlähmung
16.08.2018