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Potsdam Entwarnung nach Amok-Drohung
Lokales Potsdam Entwarnung nach Amok-Drohung
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20:03 05.03.2014
Mischel (links) und Gina verließen am Mittwoch den Unterricht und wollten nach Hause fahren. Quelle: Christel Köster
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Potsdam

Eine Amok-Drohung hat am Mittwochvormittag für Aufregung in der Friedrich-Wilhelm-von-Steuben-Gesamtschule im Kirchsteigfeld gesorgt. Der Grund: Eine Schülerin hatte am Dienstag in einer Mädchentoilette einen Schriftzug entdeckt, der sinngemäß lautete: Morgen 11.30 Uhr – alle werden sterben. Nach Auskunft des Hausmeisters war die Drohung frisch aufgemalt – stammte vermutlich von Dienstag.

Die Schulleitung informierte Polizei und Schulamt und stellte am Mittwoch den rund 700 Schülern frei, am Unterricht teilzunehmen. Polizeiermittler waren zu der Einschätzung gelangt, dass keine echte Bedrohung bestand. Die Polizei ermittelt nun wegen „Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung einer Straftat“. Ein Tatverdächtiger sei noch nicht bekannt, sagte die Sprecherin der Polizeidirektion West, Jana Birnbaum.

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Polizeischutz für die Steuben-Gesamtschule. Quelle: Christel Köster

Mit vier Streifenwagen war die Polizei am Mittwochmorgen zunächst am Ort des Geschehens. Um 9 Uhr standen noch zwei Funkwagen vor der Steuben-Schule. Eltern und Schüler reagierten verunsichert. „Ich bin ruhiger, wenn Tim heute zu Hause ist“, sagte Anita König. Die zweifache Mutter holte ihren Sohn aus der Schule ab. Nein, Panik habe es nicht gegeben, erzählt der 13-Jährige. Auch Sandra Berger und Marzena Olkuska nehmen ihre Kinder Lena und Maciej, beide Siebtklässler, mit heim. Sie erinnern sich an die TV-Bilder vom Amoklauf in Winnenden, der liegt mittlerweile fünf Jahre zurück. „Man kann nicht in die Köpfe derer reingucken, die so was tun“, sagt Sandra Berger. „Man macht sich halt viele Gedanken. Ich finde das schon beängstigend“, ergänzt Marzena Olkuska. Und Sohn Maciej sagt, es sei ein „komisches Gefühl“ von dieser Drohung zu wissen.

Drei ähnliche Vorfälle in Potsdam seit 2008

  • 700 Schüler und 62 Lehrer lernen respektive lehren an der Gesamtschule „Friedrich Wilhelm von Steuben“ im Kirchsteigfeld. Es sei nicht möglich gewesen, sagt Direktor Frank Brandt, alle Betroffenen rechtzeitig darüber zu informieren, dass der Schulbesuch am Mittwoch wegen der besonderen Vorkommnisse fakultativ ist. „Es schaut ja nicht jeder zu jeder Zeit auf unsere Internetseite“, so Brandt.
  • Nach dem Amoklauf von Winnenden (Baden Württemberg) im März 2009, bei dem ein 17-Jähriger 15 Menschen tötete, gab es „Trittbettfahrer“-Aktionen. Bereits damals war die Steuben-Schule in den Schlagzeilen. Ein Schüler hatte gedroht, „alle abzuknallen und bei den Lehrern zu beginnen“. Der jugendliche Täter wurde mit einer Woche Jugendarrest bestraft.
  • 2002 hatte es im Gutenberg-Gymnasium in Erfurt den ersten Amoklauf an einer deutschen Schule überhaupt gegeben. Dabei hatte der 19-jährige Robert Steinhäuser 16 Menschen und am Ende sich selbst getötet.
  • Zwei ähnliche Vorfälle wie die Gewaltandrohung 2009 in der SteubenGesamtschule – gab in den vergangenen etwa sechs Jahren an Bildungseinrichtungen in der Landeshauptstadt: am Oberstufenzentrum I (Technik) in der Jägerallee (Nauener Vorstadt) im Jahr 2011 und am Hermann-von-Helmholtz-Gymnasium in der Kurfürstenstraße (Innenstadt).
  • Wie Stadtsprecher Markus Klier gestern erklärte, hätten in all diesen Fällen „lediglich Anzeichen für eine mögliche Gefahrensituation“ vorgelegen.

Frank Brandt scheint ein Fels in der Brandung der Aufregungen dieses Tages zu sein. Seit 2010 leitet er die Gesamtschule. Der 50-Jährige hatte eine schlaflose Nacht. „Es ist schwierig zu reagieren. Ich wollte auf keinen Fall Panik auslösen“, sagte er. Deshalb waren nur wenige eingeweiht. Doch nach der Befragung von Schülern und Lehrern durch die Ermittler hatte sich die Drohung über soziale Netzwerke wie ein Lauffeuer verbreitet. „Irgendwer hat die Sache bei Facebook eingestellt“, so Brandt. Das heizte die Gerüchteküche an. Mit „Blut“ soll die Todesbotschaft geschrieben worden sein, berichteten Mischel und Gina (beide 13) am Mittwoch, die an der Tram-Haltestelle warteten, um nach Hause zu fahren. Laut Brandt war es „wohl nur ein Edding-Stift“. Solche Gerüchte hatte der Pädagoge vermeiden wollen. Und so klingelte das Telefon im Schulsekretariat am Mittwochvormittag ohne Unterlass. „Was aus der Messerstecherei von gestern geworden ist, wollten Eltern wissen“, erzählte Brandt.

In seinem Zimmer auf dem Tisch lag der „Notfallplan“. Aufgeschlagen waren die orangefarbenen Seiten, die das Vorgehen bei Ankündigung einer Gewalttat regeln. „Der Plan stammt von 2009 vom damaligen Minister Holger Rupprecht. Danach habe ich gehandelt“, sagte Brandt. Bereits nach den Ermittlungen am Dienstag sei gemeinsam mit der Polizei und dem Schulamt entschieden worden, den Unterricht nicht ausfallen zu lassen. Ein Lehrerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, sagte: „Was denken Sie wie viele Gewaltandrohungen es nach der Wende gab! Wenn wir das jedesmal ernst genommen hätten...“

Laut Schulleiter Brandt hatte es am Morgen eine Einlasskontrolle gegeben. „Gut, dass sich die Schüler an die breiten Schultern von Herrn Brandt anlehnen können“, sagt Sandra Berger lachend beim gehen. Tochter Lena, gerade zur Schülersprecherin gewählt, fühle sich ansonsten „sehr wohl“ an der Schule.

Von Carola Hein

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