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Potsdam Schwere Vorwürfe gegen Bergmann-Klinikum in Potsdam
Lokales Potsdam Schwere Vorwürfe gegen Bergmann-Klinikum in Potsdam
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16:14 30.10.2019
Verteidiger Robert Kain (M.) kam in seinem Plädoyer vor dem Potsdamer Landgericht zu einem vernichtenden Fazit. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Im Sicherungsverfahen gegen eine ehemalige Patientin der Psychiatrie des städtischen Klinikums haben sowohl die Verteidigung als auch die Staatsanwaltschaft in ihren Plädoyers Vorwürfe gegen das „Ernst von Bergmann“ erhoben. Demnach hat das Verfahren massive Versäumnisse vor allem bei der Kontrolle und den Sicherheitsvorkehrungen, aber auch bei der Behandlung und bei der Aufklärung des Geschehens aufgedeckt. Der psychiatrische Gutachter Mathias Lammel hatte die Zustände in der Fachklinik In der Aue bereits zu Prozessbeginn kritisiert.

Das Klinikum kommentierte die neuerlichen Vorwürfe nicht und verwies lediglich auf ein im April veröffentlichtes Statement, wonach es Abläufe und Sicherheitsstandards evaluiert habe.

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„Das Fehlen von Engagement und das Fehlen von Kompetenz“

Das Fazit von Anwalt Robert Kain ist indes vernichtend. Die Krankenakte von Inga W. (36) offenbare: „Das Kernproblem des Bergmann-Klinikums ist das Fehlen von Engagement und das Fehlen von Kompetenz. Hier entsteht der Eindruck, die Klinik schreibt all das auf, was sie selbst aus einer möglichen Haftung entlassen könnte.“ Staatsanwalt Gerd Heininger betonte, dass auch er „insgesamt mit der Leistung des Klinikums alles andere als zufrieden“ und ins Auge zu nehmen ist, „ob aus Angst vor Schadenersatzforderungen oder Reputationsverlust etwas passiert ist, was für uns relevant ist“.

Dennoch sieht er es als bewiesen an, dass Inga W. in der Nacht auf den 10. Juli 2017 ihrer 82-jährigen, depressiven Mitpatientin das Gesicht mit Faustschlägen zertrümmert und sie mit bloßen Händen erwürgt hat. Dafür sprechen laut Heininger zum einen objektive Spuren wie die DNA der Beschuldigten, die man am Leichnam gefunden hat. Zwar wurden auch Spuren eines Mitpatienten festgestellt – diese könnten aber ebenfalls von Inga W. übertragen worden sein, denn sie habe mit dem Mann kurz vor der Tat Geschlechtsverkehr gehabt.

Zum anderen spreche laut Heininger eine Einlassung der Beschuldigten für ihre Täterschaft. Inga W., die seit ihrer Jugend an einer paranoiden Schizophrenie erkrankt ist, hat dem Gutachter anvertraut, sie habe ihre Mitpatientin als „Gummifrau, die ihr die Gedanken entziehen wollte, als Robotermensch, den man auf sie angesetzt hatte“ wahrgenommen. Sie habe nicht gedacht, dass es sich um eine echte Person handle, sei zu der Frau gegangen und habe sie gewürgt. An Einzelheiten könne sie sich nicht erinnern, nur an den Schrecken, als sie sah, dass die Frau tot ist.

Die Verteidiger halten die Beschuldigte nicht für gefährlich

Verteidiger Kain hält die Aussage, die an eine akute Psychose anknüpft, für strafrechtlich nicht belastbar („Das ist nichts, nichts, überhaupt nichts!“) und rügte die Strafverfolgungsbehörden. So habe man keine vernünftige Spurensicherung durchgeführt. „Wir haben nicht nur einen oder zwei – wir haben auf dieser Station bis zu 24 mögliche Täter! Wir haben zwei Dutzend Leute, von denen man hätte Fingerabdrücke und DNA-Spuren nehmen können, aber nichts ist passiert.“ Kain und der zweite Verteidiger Bodo Zielonka fordern, Inga W. freizusprechen und den Antrag auf Unterbringung abzulehnen. „Wir können nicht mit der erforderlichen Sicherheit sagen, was passiert ist und dass es nur Frau W. gewesen sein kann“, so Kain. „Es bleiben deutliche Zweifel.“ Bodo Zielonka ergänzte, er sehe an der Beschuldigten aktuell keine Gefährlichkeit: „Sie ist medikamentös klar eingestellt, sie ist reflektiert und konnte mit ihrer Krankheit immer soweit umgehen, dass sie rechtzeitig gesagt hat ,Ich brauche Hilfe’.“

Bei dem Verfahren handelt es sich um ein Sicherungsverfahren, bei dem es nicht um Bestrafung und Gefängnis, sondern um die Unterbringung der Beschuldigten in einer Fachklinik geht.

Das letzte Wort im Verfahren blieb der Frau überlassen, die seit den dramatischen Ereignissen im Sommer 2017 in eine Psychiatrie lebt – „in Gefangenschaft“, wie sie selbst sagt. „Ich habe keine konkreten Erinnerungen, möchte aber sagen, dass es mir leid tut, wenn ich es gewesen sein sollte“, so Inga W. Sie versicherte, dass eine Behandlung und kontinuierliche Tabletteneinnahme unverzichtbar und selbstverständlich seien und dass ihre Familie und Freunde sie unterstützen werden. Das Urteil fällt am 1. Juni.

Hinter Gittern und in der Klinik

In Deutschland sind Maßregelvollzug, Strafvollzug und Sicherungsverwahrung zu unterscheiden.

Beim Strafvollzug sitzen schuldfähige Rechtsbrecher eine gerichtlich verhängte Freiheitsstrafe in der JVA ab.

Der Maßregelvollzug wird in speziellen Fachkliniken durchgeführt. So soll gewährleistet werden, dass Straftäter, die zum Beispiel wegen einer psychischen Erkrankung nicht oder vermindert schuldfähig sind, sicher untergebracht sind und fachgerecht behandelt werden.

Bei der Sicherungsverwahrung müssen besonders gefährliche Straftäter über das Ende ihrer Haft hinaus im Gefängnis bleiben – so soll die Allgemeinheit vor ihnen beschützt werden. nf

Von Nadine Fabian