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Potsdam Willo Göpel baut Kellertorwache wieder auf
Lokales Potsdam Willo Göpel baut Kellertorwache wieder auf
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00:26 17.01.2015
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Potsdam

Fischers Fritze fischte einst frische Fische. Das weiß jedes Kind. Aber was passierte, wenn er die Fische gefangen hatte? In Potsdam hat man sich das so vorzustellen: Da durfte besagter Fritze mit seinem fangfrischen Fisch nämlich nicht einfach so fröhlich in die Stadt schippern, sondern musste seine potenzielle Ware erst mal verzollen. Am Kellertor zum Beispiel, dort, wo die Stadtmauer des uralten Fischerkiezes auf den Stadtkanal traf. Nur einen Steinwurf entfernt waren die „Gardes du Corps“-Kaserne und das „Tobacksgärtlein“, in dem der Nachschub für die Pfeifen der Potsdamer gezogen wurde.

-Das Kellertor war eines von zwei Wassertoren Potsdams – das andere befand sich am Havelende der Dortustraße.-1788 war das Haus mit schmuckreicher Säulenfassade und aufwändigem Dachfirst fertiggestellt.-In den letzten Kriegstagen 1945 beschädigten Bomben die Wache, später explodierte direkt daneben ein Blindgänger. Die DDR ließ die Reste 1958 daher abreißen. Quelle: Archiv

Das Kellertor war ein Schiebe- oder Klapptor aus Holz, an dem Fischers Fritze seine Mehrwertsteuer – damals „Akzise“ genannt – an den Torschreiber entrichten musste. Der registrierte mit aller zu Gebote stehenden preußischen Korrektheit, was das Boot an Bord hatte. Danach fuhr Fritze auf dem Kanal zum Wilhelmplatz (heute: Platz der Einheit) weiter, um seinen Fang zu verkaufen. Und der Torschreiber zog sich nach getaner Arbeit in sein Domizil zurück, die Kellertorwache an der Stadtmauer, deren Räumlichkeiten er sich mit ein paar Wachsoldaten teilte und von der heute kein Stein mehr aufzufinden ist. Nur ein paar Fotos aus längst vergangener Zeit zeigen ein kleines Gebäude, das weniger einem Wachhaus ähnelt als einem antiken Tempel mit seinen runden Säulen vor dem Eingang und dem Trophäenschmuck auf dem Dach: Römerhelme, Beuteflaggen, das Goldene Vlies und als Symbol für das Torschreiber-Amt ein Aktenbündel.

Fotodokumente gesucht

Weil sich Familie Göpel bei der Rekonstruktion der Wache in erster Linie auf Bildmaterial stützt, hofft sie auf Privatleute, die möglicherweise noch alte Foto-Ansichten von dem historischen Gebäude besitzen.

Heutzutage hat Fischers Fritze sein Boot längst mit einem Motorboot getauscht und wirft die Angel nur mehr in der Freizeit aus. Und der Stadtkanal ist nur noch trauriges Stückwerk. Aber eines könnte es irgendwann in naher Zukunft wieder geben: einen Torschreiber. Zumindest theoretisch und ehrenhalber. Denn das Kellertorwachhaus, das in den 1950er Jahren dem Boden gleich gemacht wurde, soll bald seine Wiederauferstehung erleben – dank Willo Göpel und seiner Frau Isabel Geigenberger. Läuft alles glatt mit der Baugenehmigung, dann kann schon zu Ostern mit der Pfahlgründung begonnen werden.

Für Göpel – seines Zeichens Historiker, danach zwar nicht Tor-, sondern Zeitungsschreiber und nun Projektentwickler – ist die Kellertorwache mehr als nur eine schicke Heimstatt im Historien-Look. Eher Berufung. Und so wird ein Gespräch über die Wache und das Kellertor schnell zum Abenteuerausflug in die ganze Stadtgeschichte mit Göpel als Tür- und Toröffner in die Vergangenheit. Der Ex-Berliner mit der Statur eines Langen Kerls hat ein enzyklopädisches Wissen über das alte Potsdam. Tore, so erzählt er, gab es seinerzeit in heute ungeahnter Hülle und Fülle, schätzungsweise 20 im Laufe der Jahrhunderte. Da waren beispielsweise das Alte Wassertor am südwestlichen Ausgang des Stadtkanals gegenüber den Planitzinseln und das Neue Wassertor am Bassinplatz an der heutigen Hebbelstraße, schräg gegenüber vom jetzigen Parkhaus. Der Wasserlauf, der das Bassin mit dem Heiligen See verband, wurde hier von der Paddenbrücke überquert. Padden? „Das bedeutet Kröte“, erklärt Göpel den Namen, der auf ein reiches Feuchtbiotop im einstigen Sumpfgebiet schließen lässt. Viele Tore zeigten mit ihren Namen schon die (Fern-)Ziele an: Brandenburg, Berlin und Teltow/Leipzig. Das Teltower Tor, auch als Leipziger Tor bekannt, stand zunächst auf der Schlossseite der Langen Brücke, später stadtauswärts und schließlich auf der Mitte der Brücke.

In Potsdam gab es im Laufe der Jahrhunderte schätzungsweise 20 Tore. So das Neue Wassertor am Bassinplatz, das Teltower Tor, das Neustädter Tor. Sehen Sie historische Aufnahmen einiger Tore. Wer weitere Aufnahmen hat, gern per E-Mail an online@maz-online.de.

Auch viele andere Tore „wanderten“ durch die Stadt, je weiter sich diese ausdehnte. So stand das Brandenburger Tor zunächst auf Höhe der heutigen Hermann-Elflein-Straße. Und das Neustädter Tor hatte noch im 17. Jahrhundert am Neuen Markt gestanden – damals die Stadtgrenze. Im 18. Jahrhundert wurde es an die Breite Straße vor dem heutigen Marktcenter verlagert. Gleich dahinter war schon die Havel. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Bucht mit Bombenschutt aufgefüllt wurde, konnte die Breite Straße bis zur Zeppelinstraße verlängert werden.
Im 19. Jahrhundert fiel die barocke Stadtmauer. Anders als in den süd- und norddeutschen Städten, wo die Mauern zur Verteidigung dienten, waren die Befestigungen in der Mark ein Mittel der inneren Kontrolle des Gemeinwesens. Für die oftmals zwangsrekrutierten Soldaten, die in hoher Zahl zu türmen versuchten, sollten sie ein unüberwindbares Hemmnis darstellen. Und den Bauern und Fischern von außerhalb konnte man an den Toren am bequemsten die Akzise abknöpfen.

Willo Göpel hält am Donnerstag um 18 Uhr im Potsdam-Museum am Alten Markt auf Einladung des Museumsfördervereins einen Vortrag über die Kellertorwache. Quelle: Bernd Gartenschläger

Natürlich veränderten die immer wieder neu errichteten Tore – allein vom Berliner Tor gab es vier Versionen, die mit der wachsenden Stadt immer weiter Richtung Hauptstadt rückten – mit jeder Etappe ihr Aussehen. Von ländlich-einfach zu barocker Pracht mit viel Zierrat. Auch bei den Häusern schätzte man reichen Schmuck mit inhaltlicher Botschaft. „Trophäen wie Römerhelme waren Symbole: Rom wurde in der damaligen Zeit mit Zivilisation gleichgesetzt“, erklärt Willo Göpel das Denken der Altvorderen. Auf der Kellertorwache wird er einen Teil der Trophäen rekonstruieren lassen.

Das Haus selbst wird auch wieder in schönstem „Jaune de Potsdam“ erstrahlen, in jenem für das Barock typischen Gelbton, das im Süden als „Schönbrunner Gelb“ bekannt ist. Ziemlich blau dürften hingegen manchmal die Anwohner der schönen gelben Kellertorwache gewesen sein. So genehmigten sich die Soldaten in der nahen Kaserne sicher zum Frustabbau manchen Schoppen, und was sich im Kurfürstlichen Weinkeller an der nahen Heiliggeiststraße so abspielte, kann auch nur gemutmaßt werden. Der Weinkeller war übrigens auch der „Taufpate“ für das Kellertor an der Stadtmauer.

Mit dem Wiederaufbau der Wache wird auch ein Stück Mauer wiedererstehen. Einige Details wird Familie Göpel hingegen netterweise bei der Rekonstruktion weglassen. Die „Sitzbremsen“ zum Beispiel. Sie waren einst auf den stufenartigen Mauereinbuchtungen unterhalb der Fenster montiert: Eisenstangen mit spitzen, steil aufragenden Zähnen, die sehr gemein pieken konnten und so auf hinter(n)listige Weise verhinderten, dass sich Fischers Fritze und andere Rastsuchende hier ein Päuschen gönnen konnten.

Von Ildiko Röd

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