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Potsdam Von Damaskus nach Potsdam
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12:50 02.07.2014
Setzt sich nicht nur im Beirat für die Integration von Flüchtlingen ein: Jala El Jazairi. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Als Jala El Jazairi im Oktober 2013 in Potsdam ankam, war ihr die Stadt nicht unbekannt: in den vorherigen Jahren hatte sie hier ihren Cousin mehrmals besucht. Danach flog sie aber immer in ihre kriegszerrüttete Heimat zurück. Dennoch, als die Juristin letztes Jahr erfuhr, dass sie in Lebensgefahr geraten war – es gab Morddrohungen gegen sie –, entschied sie, Syrien umgehend zu verlassen. „Es war hilfreich, dass ich meine bisherigen Visa für Deutschland immer ganz brav eingehalten hatte: Ich konnte problemlos eine Einreisegenehmigung bekommen“.

Trotz ihrer Vorkenntnis des Landes fiel es ihr allerdings schwer, zu akzeptieren, dass sie langfristig in Deutschland leben würde. Sie fühlte sich hier nicht heimisch. Bereits zwei Monate nach ihrer Ankunft in Potsdam überlegte sie, nach Damaskus zurückzukehren. „Die Morddrohungen waren aber nach wie vor sehr konkret. Eine Rückkehr nach Hause war für mich zu gefährlich. Dann habe ich mich aber letztlich entschieden: Ich bleibe hier und baue mir ein neues Leben auf. Das anzuerkennen ist für einen Flüchtling der wichtigste Moment“.

Zudem war für Jala El Jazairi das Thema Flucht und Flüchtlinge nichts Neues, da sie jahrelang UN-Projekte für Flüchtlinge in Syrien koordiniert hatte. Als ehemals stabiler und friedlicher Staat mitten im Pulverfass des Nahen Ostens galt Syrien als bevorzugtes Ziel für Vertriebene aus den Nachbarländern. Noch vor drei Jahren hatten zwei Millionen Menschen, größtenteils aus dem Irak und aus Palästina, aber auch aus dem Libanon, Sudan, Eritrea, Afghanistan oder Somalia, Asyl in Syrien bekommen. Jeder zehnte Bewohner des Landes war damals ein ausländischer Flüchtling. Die Juristin betreute meistens Frauen bei flächendeckenden Programmen, um ihnen zu helfen, ihr Leben wieder unabhängig zu bestimmen. „Egal, ob gebildet oder nicht – ein Flüchtling braucht Hilfe, um im neuen Land alles wieder auf null zu stellen. Seine Abschlüsse, seine berufliche Erfahrung sind plötzlich nichts wert. Seine Familie ist oft über mehrere Länder verstreut. Besonders stark betroffen sind die Frauen.“

Gegen ein Leben in der „Wartesaalfalle“
Da der Flüchtling seine Heimat unfreiwillig verlassen habe und nicht wisse, wann er zurückkehren wird – wenn überhaupt –, könne er leicht in die „Wartesaalfalle“ geraten: er isoliere sich von der Gesellschaft des neuen Landes, lerne die Sprache nicht, und weigere sich, sich zu integrieren. „Das kann Jahrzehnte dauern, sogar Generationen übergreifen. Das kennen wir allzu gut im Nahen Osten“, so El Jazairi. Sie rät, der Flüchtling solle sich mit seiner Lage abfinden und auch versuchen, etwas zu tun für die Gesellschaft, die ihn empfangen hat.

Derzeit komme jeder zehnte Flüchtling weltweit aus Syrien, insistiert Jala, und sie ist eine von ihnen. Ihre langjährige Erfahrung mit Flüchtlingen in Damaskus hat ihr geholfen, das „Wartesaalsyndrom“ schnell zu bewältigen. „Nachdem ich alle Hoffnung aufgegeben habe, nach Damaskus zurückzukommen, habe ich angefangen, mein Leben hier in Potsdam zu organisieren. Aber am wichtigsten war mir, meine freie Zeit und meine Kompetenzen sinnvoll zu nutzen“. Jeden Tag nimmt sie vier Stunden Deutschkurs bei der Berlin-Brandenburgischen Auslandsgesellschaft in Potsdam. Den Rest des Tages widmet sie Hilfsprojekten für Flüchtlinge hier und in Berlin. „Ich kann vier Sprachen fließend. In Berlin leiste ich meistens Übersetzungsarbeit ins Arabische für andere Migranten. In Potsdam wiederum widme ich mich Projekten für Flüchtlingsfamilien. Zum Beispiel habe ich einen Syrientag organisiert, um das Land den Potsdamern vorzustellen. Und ich habe bei einem Weihnachtsabend für Kinder aller Länder und Religionen zugepackt, wie es in Syrien ganz normal ist“, betont die muslimische Powerfrau. Mit Religionsgrenzen hat sie keine Probleme. Ihre Schulzeit etwa hat siebei katholischen Maristen in Damaskus verbracht.

Ende Mai ist Jala in den neuen Migrantenbeirat der Landeshauptstadt gewählt worden. Obwohl ihr deutsch noch ziemlich begrenzt sei, begrüße sie diesen großartigen Integrationsmechanismus und die Chance, dadurch die anderen Migranten und sich selbst mit der europäischen Demokratie vertraut zu machen, sagt sie.

Lob für das Engagement Deutschlands
Von den zwei bis drei Millionen Syrern, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind, hat die EU knapp 30.000 aufgenommen. Allerdings bleibt Jala nachsichtig mit Europa: Die europäischen Nationen haben ihre eigenen Krisen zu überwinden, gibt sie zu. Darüber hinaus könnten die Menschen hier kaum verstehen, was in Syrien wirklich los ist. Besonders lobenswert findet sie nichtsdestotrotz das Engagement Deutschlands. „Im Gegensatz zu anderen Ländern hat die Bundesrepublik konkret versucht, die Flüchtlinge aus Syrien zu schützen. Deutschland und Schweden haben viel mehr getan als alle anderen EU-Länder zusammen“.

Es sei aber immer möglich, all das noch weiter zu verbessern. „Die Flüchtlinge sind oft hoch gebildet und qualifiziert. Viele haben die Sprache gelernt und streben nach besserer Integration. Trotzdem finden sie keine Arbeit. Die Politiker müssen sich bemühen, ohne Vorurteile dialogbereit zu sein. Jede Situation ist ein Einzelfall und braucht individuelle Lösungen statt einheitlicher Vorschriften. Dabei kann hoffentlich der Migrantenbeirat etwas tun“.

INTERESSENSVERTRETUNG DER AUSLÄNDISCHEN MITBÜRGER

  • In Potsdam vertritt seit 1992 der Migrantenbeirat der Landeshauptstadt die Belange der ausländischen Einwohner. Er besteht aus neun Mitgliedern und wird von Bürgern mit ausländischem Pass gewählt.
  • Am 25. Mai wurde das Gremium parallel zur Kommunalwahl neu gewählt und komplett ausgetauscht. Nur zwölf Prozent der knapp 8000 Wahlberechtigten nahmen an der Briefwahl teil. In der konstituierenden Sitzung am 17. Juni wählten die Beiratsmiglieder Diana González Olivo aus Mexiko zur Vorsitzenden.
  • Ziel des Gremiums ist es, die Integration der Zugewanderten zu unterstützen und deren Probleme aufzunehmen.
  • Seit 2005 verleiht der Beirat an Menschen, die erfolgreich Ideen zur Integrationspolitik entwickelt haben, einen mit 1000 Euro dotierten „Potsdamer Integrationspreis“.

Von Jean-Michel Hauteville

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