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Potsdam Potsdams schwerer Weg zur Großartigkeit
Lokales Potsdam Potsdams schwerer Weg zur Großartigkeit
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18:53 19.06.2012
Mehr als 1000 Potsdamer wollten Hasso Plattner umstimmen: Die Kunsthalle, so der Mäzen in seiner Rede, könnte nun doch anstelle des Hotels Mercure entstehen.
Mehr als 1000 Potsdamer wollten Hasso Plattner umstimmen: Die Kunsthalle, so der Mäzen in seiner Rede, könnte nun doch anstelle des Hotels Mercure entstehen. Quelle: MAZ-Archiv
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Potsdam

Eine große Menschenmenge hat am 18. Juni 2012 für die Errichtung einer Kunsthalle am Havelufer demonstriert. Die Rufe von der Straße sollte Hasso Plattner hören, Gründer des Software-Weltkonzerns SAP, ein Milliardär mit Faible für Potsdam und größter Mäzen der Stadt. Er ist Spender der barocken Schlossfassaden-Kopie (20 Millionen Euro), des historisch korrekten Kupferdachs (zwei Millionen Euro), Gründer der privaten Informatikhochschule Hasso-Plattner-Institut (200 Millionen Euro), Bauherr des SAP-Innovationslabors und eines dazugehörigen Stadtteils am Jungfernsee (400 Millionen Euro).

Talkmaster Günther Jauch, Modedesigner Wolfgang Joop, die Schauspielerin Nadja Uhl – das „Who’s Who“ der Landeshauptstadt – wollten sich in den Protestzug einreihen. Dabei ist Protestzug ein schiefer Begriff angesichts einer Bewegung, bei der mit Solidaritätsadressen von der griechischen Protestfront nicht zu rechnen ist. Die Menschen gehen dafür auf die Straße, dass der Mann mit den XXL-Spendierhosen eine Kunsthalle direkt gegenüber dem Landtag finanziert.

Eine solche Stiftung hatte Plattner – er will in der Kunsthalle Werke von DDR-Künstlern zeigen – in Aussicht gestellt, machte aber in der vergangenen Woche nach kritischen Zwischenrufen einen Rückzieher. Seither brodelt es in der Stadt.

„Dieses Jahrhundertgeschenk nicht anzunehmen wäre der Gipfel von rückwärtsgewandter Arroganz und größtmöglicher Dummheit“, schäumt Günther Jauch, der für seine Wahlheimat schon tief in die Tasche gegriffen hat, er stiftete unter anderem ein Schloss-Portal. Der Städtebauverein „Mitteschön“ hat gar einen „Aufstand der Vernunft“ ausgerufen“.

Gegenrede gibt es, wie immer, wenn in Potsdam das Stück „der große Graben“ aufgeführt wird, auch: „Herr Plattner soll sich nicht so haben! Ist das gekränkte Eitelkeit wegen ein paar kritischer Stimmen? Und die Promis sollen sich mal etwas weniger anbiedern“, schreibt ein User namens „Icke“ in dem am Sonntag freigeschalteten Abstimmungsblog „kunsthalle-potsdam.de“. Fußball-Ultras von Babelsberg 03 und die im Stadtrat vertretene radikallinke Gruppierung „Die Andere“ haben Störaktionen angekündigt. Zur Erinnerung: Es geht um bildende Kunst und Städtebau.

Das Kunsthallen-Projekt an sich ist unstrittig. Keiner hat etwas gegen ein Ost-MoMa. Der Potsdamer Architekturprofessor Ludger Brands spricht sogar von einer „Aufgabe von nationaler Bedeutung“.

Dem Vorhaben steht ein langer Lulatsch im Weg: das ehemalige Inter-Hotel, ein 17-Geschosser, der heute als „Mercure“-Hotel zum Accor-Konzern gehört. Der Pachtvertrag bei der Investmentgesellschaft Blackstone ist bereits zum Jahresende abgelaufen. Bis zum 15. Juli noch steht das Grundstück samt Mercure zum Verkauf. Und Plattner hätte zugeschlagen: Mehr als 40 Millionen Euro hätte er sich Grundstückskauf, Hotelabriss und Kunsthallen-Neubau kosten lassen.

Es gibt kaum jemanden, der das asbestbelastete Hochhaus wirklich mag oder gar liebt. Es taugt, anders als der Palast der Republik, nicht als Schmelztigel von Ost-Erinnerungen. Zu exklusiv war der Zugang, ein Interhotel war eben kein Haus des Volkes. Dennoch: Als Plattner seine Schenkung quasi mit dem Mercure-Abriss verband, gab es kritische bis satirische Zwischenrufe. Studentenvertreter schlugen vor, das Hochhaus in ein Studentenwohnheim umzuwandeln, denn eine Bude ist in Potsdam kaum noch unter 300 Euro im Monat zu haben. Ein Stadtverordneter kam mit einem Interhotel-Motivglas zu einer Sitzung. Leserbriefschreiber vermuteten, Plattner lasse sich in Potsdam ein „Mausoleum“ errichten.

Als Verteidigerin der Ost-Betonmoderne warf sich die Potsdamer Linkspartei, immer noch mächtig und streitfreudig, in Pose: Ihr Fraktions-Chef Hans-Jürgen Scharfenberg äußerte mit Verweis auf Kunsthalle und Mercure-Abriss, „dass man so ein positives Vorhaben nicht mit einer Abrissentscheidung belasten sollte“. Es gebe neben dem Mercure-Hotel noch zahlreiche „weiße Flecken“ in der Innenstadt. Was die Potsdamer Links-Traditionalisten wurmt: Mit der Wohn-Platte Staudenhof und dem für sein Raumfahrt-Mosaik berühmten Rechenzentrum sollen zwei weitere prominente DDR-Bauten weichen, Letzteres ausgerechnet für den umstrittenen Garnisonkirchennachbau.

Solche Anwürfe, so erklärte ein erzürnter Plattner vorige Woche, brauche er sich als engagierter Privatmann nicht anhören. Auf der eigenen Scholle, einem Terrain am Jungfernsee am Stadtrand, wo gerade ein Innovationslabor von SAP entsteht, wolle er nun die Sammlung ansiedeln. Die Grundstücke am Jungfernsee seien „wunderbar geeignet“ für eine Kunsthalle, sagte Plattner. „Es gibt keinen Grund für mich, mit auch nur einem Bürger wegen der Idee einer Kunsthalle über Kreuz zu liegen.“

Dass es nur die Sticheleien der üblichen Verdächtigen waren, die den 68 Jahre alten gebürtigen Berliner auf die Palme brachten, darf man bei genauer Lektüre der Plattner- Äußerungen bezweifeln. Immer wieder erwähnte er Probleme mit der Weißen Flotte, die an dem angepeilten Bauort eine Halle plant und ältere Rechte hat. Die Regelung dieser Fragen und der Abriss des Hotels würden ihn viel Geld kosten. „So viele Bilder, wie ich davon kaufen könnte, hat die ehemalige DDR-Kunst nicht“, ätzte er.

Ist alles schon zu spät? Müssen Kunstsinnige künftig an den Stadtrand radeln, um Wolfgang Mattheuer, Bernhard Heisig und Co. zu bestaunen? „Ich habe noch keine Baugenehmigung und ich habe auch noch nicht angefangen zu graben“, sagte der Mäzen, fügte aber hinzu, er sei nicht der „weiße Ritter“, der Potsdams städtebauliche Probleme lösen könne.

Hektisch räumt nun die Stadtverordnetenmehrheit Hindernisse aus dem Weg. Die Sache mit der Weißen Flotte werde man schon regeln, ließ man wissen und stellte einen entsprechenden Antrag. Vielleicht hat der Hinweis Plattners ja gewirkt, in Süddeutschland gebe es auch einen Baugrund am Wasser.

Von Ulrich Wangemann