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Potsdam „Die DDR-Geschichte wird einen Schwerpunkt bei der Neukonzeption haben“
Lokales Potsdam „Die DDR-Geschichte wird einen Schwerpunkt bei der Neukonzeption haben“
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00:22 06.06.2019
Blick in die „Zirkus“ genannte Lokomotiv-Montagehalle von Orenstein & Koppel in Babelsberg. Das Foto aus dem Jahr 1930, eine spektakuläre Neuerwerbung, ist noch nie öffentlich gezeigt worden. Quelle: Potsdam-Museum
Innenstadt

Wenke Nitz ist die Kuratorin der Sonderausstellung „Umkämpfte Wege der Moderne –Geschichten aus Potsdam und Babelsberg 1914-1945“.

Die Sonderausstellung gewährt einen komplexen Blick in den Alltag jener Zeit. Gab es Erinnerungslücken in der Stadtgeschichte, die Sie bei den Recherchen für dieses Projekt schließen konnten?

Wenke Nitz: Es gibt ja mehrere Lücken, denn die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ist in der Potsdamer Stadtgeschichte bisher nicht aufbereitet worden. Ein Beispiel ist das Vereinswesen. Bei der Vorbereitung der Ausstellung haben wir festgestellt: Es gab einen unglaublichen Boom in der Weimarer Republik. Denn mit der Einführung des Acht-Stunden-Tages hatten die Leute auf einmal Freizeit. Hinzu kam die Weimarer Verfassung, die jedem die Gründung von Vereinen freigab - unabhängig von Politik, Religion etc.

Kuratorin Wenke Nitz in der Ausstellung. Quelle: Bernd Gartenschläger

Welche Dimensionen hatte das Vereinswesen in Potsdam?

Es gab in Potsdam 48 Militärtraditionsvereine, das ist nicht so verwunderlich, aber auch 46 Sportvereine. Und daneben so lustige Vereine wie den Lottoverein „Die Pechvögel“ oder den Anglerverein „Unverwüstlich“. Wir haben angefangen zu forschen, zu recherchieren. Ein Problem ist, dass viele Unterlagen nicht greifbar sind. Es findet sich nicht alles im Vereinsregister. Aber das ist ein Punkt, da könnte man vermutlich auch noch eine eigene Ausstellung zu machen.

Die Potsdamer Industriegeschichte bricht in der Ständigen Ausstellung des Potsdam-Museums zur Stadtgeschichte im 19. Jahrhundert ab. In der Sonderausstellung wird sie unter anderem am Beispiel der Nowaweser Lokomotivenfabrik von Orenstein & Koppel weiter erzählt. Wie kam es dazu?

Bei der Industriegeschichte ist es ähnlich wie beim Vereinswesen, wobei es wenigstens eine gewisse Vorarbeit gibt. So hat die Babelsberger Historikerin Almut Püschel dazu geforscht. Doch eine Ausstellung erzählt Geschichte über Objekte und Alltagsbegebenheiten, und da wurde es dann schnell dünner. Ich war deshalb sehr glücklich, als die Bilder von Orenstein & Koppel, die in der Ausstellung erstmals gezeigt werden, durch einen Zufall ans Haus gekommen sind.

>> Vorher-Nachher-Bilder: So hat sich Potsdam seit 1914 verändert

Wie hat sich das ergeben?

Es sind Bilder eines unbekannten Fotografen, die uns als Ankauf angeboten worden sind. Der Verkäufer hat sie wohl auf einem Flohmarkt gefunden. Wir nehmen an, dass der Fotograf ein Arbeiter war, weil sie wirklich Alltagsleben zeigen. Es gibt auch ein Foto, wo sie im Umkleideraum sitzen und Skat kloppen. Das ist natürlich toll, weil es einen Einblick schafft in das Alltagsleben.

Sind vergleichbare Recherchen auch für die Industrie der Nachkriegszeit geplant, zum Karl-Marx-Werk als Nachfolger von Orenstein & Koppel oder zum Reichsbahnausbesserungswerk?

Mit der DDR fangen wir jetzt erst richtig an. Mit der Ausstellung „Potsdam unter dem Roten Stern - Hinterlassenschaften der sowjetischen Besatzungsmacht 1945-1994“, die ab dem 24. August zu sehen ist, erzählen wir auch DDR-Alltagsgeschichte.

Die Puppenköpfe waren das Geschenk eines französischen Zwangsarbeiters für seinen Babelsberger Vorarbeiter. Quelle: Bernd Gartenschläger

Die Ausstellung präsentiert unter den 300 Fotografien und 200 Objekten eine Vielzahl von Leihgaben. Welche sind für Sie persönlich von besonderer Bedeutung?

Eine ganz entscheidende Leihgabe sind die handgeschnitzten Puppenköpfe, die ein in den Aradowerken eingesetzter französischer Zwangsarbeiter seinem Babelsberger Vorarbeiter geschenkt hat. Eine andere sehr wichtige Leihgabe ist das Jacket mit dem Judenstern. Schließlich auch die Trommel des Potsdamer SA-Spielmannszuges, die auch nach dem Krieg in Benutzung blieb. Es ist schön, dass die Leute bereit sind, solche Dinge für die Ausstellung abzugeben. Viele Leihgaben wurden übrigens vom Förderverein des Museums vermittelt.

Mussten Sie im Zuge der Recherchen für die Ausstellung gängige Annahmen zur Potsdamer Stadtgeschichte revidieren, wurden Legenden gestürzt?

Nein, das nicht. Aber wir haben das vorhandene Wissen teils erheblich ergänzen können. Eine ganz große Geschichte ist, wie ich finde, der Flaggenstreit. Dass sich ein Potsdamer Oberbürgermeister mit dem preußischen Innenminister anlegt, einen Rechtsstreit provoziert und durchzieht, das passte gut zur These von der umkämpften Republik, die hier an diesem symbolischen Ort durchgekämpft wird.

Der Flaggenstreit ist eine unerhörte Geschichte. Potsdam flaggt gegen alle Anordnungen der Landesbehörden das Schwarz-Weiß-Rot des Kaiserreichs statt des Schwarz-Rot-Gold der Weimarer Republik. Wie haben Sie diese Episode entdeckt?

Die Korrespondenz, der Schriftwechsel dazu ist im Landeshauptarchiv aufbewahrt. Und in der Konsequenz, mit der gestritten wurde, mit den Urteilssprüchen war das für mich komplett neu. Es passte natürlich ganz wunderbar zu unserer Vorstellung von diesem doch sehr konservativen Potsdamer Stadtmilieu.

Dass Potsdam sich auch ohne Kaiser an den Titel einer Residenzstadt klammerte, das war doch bekannt?

Natürlich war uns bewusst, dass die Stadt bis 1945 an diesem Titel festhielt. Aber die Begründung, die politischen Auseinandersetzungen, die Geschichte dahinter wird in unserer Ausstellung meines Wissens erstmals erzählt.

Ein Leitmotiv der Ausstellung ist der permanente Konflikt zwischen dem bürgerlich-konservativen Potsdam und dem proletarisch-linken Nowawes, später Babelsberg. Gab es da Überraschungen für Sie?

Überraschend war die Schärfe der Auseinandersetzung. Was immer wieder auftaucht, ist Nowawes als Bedrohung für Potsdam, als Herd der Unruhe und der Gewalt. Das gilt für die frühe Republik und den Kapp-Putsch genau so wie für die späteren Auseinandersetzungen. Die Mentalität im beschaulichen Potsdam illustriert eine Episode aus der Novemberrevolution mit Wilhelm Staab, der im Soldatenrat sagt, es müsse einen Umbruch geben, aber der müsse in Ruhe und Ordnung vonstatten gehen. Das ist Potsdam.

Geschichten aus Potsdam und Babelsberg

Die Ausstellung „Umkämpfte Wege der Moderne. Geschichten aus Potsdam und Babelsberg 1914-1945“ im Potsdam-Museum thematisiert als zweiter Teil einer Doppelausstellung die großen Zäsuren und Brüche der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus regionaler Perspektive.

Mit 300 Fotografien und 200 historischen Objekten werden 50 Alltagsgeschichten aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Militär, Kultur und Stadtentwicklung erzählt und die konfliktreiche Nachbarschaft der beiden Orte dargestellt, die 1939 fusioniert wurden.

Ein Ausstellungsbereich beschäftigt sich mit Grafik und Malerei von Potsdamer Künstlern in dieser Zeit – von den spektakulären „Potsdamer Kunstsommern“ in den 1920er Jahren bis zur NS-Zeit, zu der sich einige Künstler in den Dienst der Propaganda stellten, während andere in die Emigration getrieben wurden.

Wegen großer Resonanz ist die Ausstellung um einen Monat bis 21. Juli verlängert worden. Die am 22. Februar eröffnete Schau hatte bisher fast 5000 Gäste, besonders gefragt sind im Begleitprogramm die Führungen. Zusätzlich werden zwei Führungen am 4. und 21. Juli angeboten.

Info: Mehr auf www.potsdam-museum.de

Ein abgründiges Objekt sind die bis zur Unkenntlichkeit zerkratzten Offiziersporträts. Wovon erzählen sie?

Das ist einer unserer Wahnsinns-Zugänge, weil diese Bilder eine komplexe Geschichte aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erzählen. Aus einem Kasino kamen sie in das Garnisonsmuseum, das nur wenige Jahre nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg im Marstall eröffnet und ein Publikumsmagnet wird. Nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg werden sie ausgesondert, eigentlich vernichtet, dann aber doch nicht verbrannt, sondern mit großem Aufwand zerkratzt und zur Wiederverwendung an Potsdamer Maler abgegeben.

Wie sind diese Bilder ins Museum gekommen?

Markus Wicke, der Vorsitzende des Fördervereins, hatte sie bei einem Besuch in einem Privathaushalt entdeckt. Sie kamen ihm bekannt vor, weil der Förderverein für die Ausstellung zum Fotografen Max Baur im vergangenen Jahr ein Album mit Fotos vom Garnisonsmuseum angekauft hatte, in dem genau diese Porträts abgebildet waren. Gemeinsam mit den Besitzern konnten wir die Geschichte rekonstruieren.

Galerie der zerkratzten Offiziersporträts. Quelle: Michael Lueder

Die Sonderausstellung steht als Wegmarke zwischen der 2013 eröffneten Ständigen Ausstellung „Potsdam. Eine Stadt macht Geschichte“ und einer für die nächsten Jahre angekündigten umfangreichen Überarbeitung. Gibt es Schwerpunkte der Sonderausstellung, die wir in der neuen Dauerausstellung wiederfinden werden?

Ganz sicher. Die Frage der umkämpften Republik wird in der nächsten Ständigen Ausstellung auf jeden Fall eine Rolle spielen. Denn für die Sonderausstellung haben wir Grundlagenforschung geleistet, die für die erste Ausstellung unmittelbar nach der Eröffnung des Museums Am Alten Markt einfach nicht möglich war. Da sind vier Jahre Arbeit reingeflossen und das ist bei weitem noch nicht abgeschlossen. Wir werden weiter forschen. Aber der Anfang ist gesetzt. Was genau übernommen wird, das müssen wir sehen. Aber es ist sicher, dass das 20. Jahrhundert insgesamt, also auch die DDR-Geschichte einen größeren Schwerpunkt bei der Neukonzeption haben wird.


Die DDR-Kulturgeschichte wird 30 Jahre nach dem Mauerfall zum präsenten Forschungsthema.
Wird es auch im Potsdam-Museum auf dem Weg und in Vorbereitung zur neuen Ständigen Ausstellung noch eine Extra-Schau zur DDR geben?

Erste Einblicke liefert „Potsdam unter dem Roten Stern“. Zu weiterführenden Projekten gibt es bislang keine konkreten Überlegungen. Und ehrlich gesagt: So lange ist es nicht hin. In Potsdam-Babelsberg sind vier Jahre Arbeit geflossen. Die Zeit für eine daran anschließende größere, kulturhistorische DDR-Ausstellung ist nicht da. Denn innerhalb der nächsten vier, fünf Jahre soll die neue Ständige Ausstellung dann ja auch stehen.

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