Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Warum Potsdams OB einen roten Knopf unter dem Schreibtisch hat
Lokales Potsdam Warum Potsdams OB einen roten Knopf unter dem Schreibtisch hat
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:18 16.10.2018
OB Jann Jakobs (SPD) in seinem Büro im Stadthaus mit Sekretärin Sandra Ziem und Pressesprecher Stefan Schulz (l.). Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Die Nacht vom 27. auf den 28. November, Schlag Mitternacht – ist in der einschlägigen Fachliteratur auch als Beginn der „Geisterstunde“ bekannt. Im Potsdamer Polit-Kalender wird sie hingegen als „Oberbürgermeisterstunde“ Eingang finden. Markiert sie doch den Übergang von der Amtszeit von Langzeit-OB Jann Jakobs (SPD, von 2002 bis 2018) hin zur Amtszeit des bisherigen Sozialdezernenten Mike Schubert (SPD). Staffelstabübergabe, zumindest symbolisch, denn um diese Uhrzeit liegen beide wohl schon in ihren Betten. Es sei denn, Schubert übt noch immer seine Rede zur Amtseinführung. Denn die findet am 28. November statt.

Nun drängt sich förmlich die Frage auf: Warum erst dann, wo doch schon am 14. Oktober die Würfel gefallen sind? Muss Schubert nach dem anstrengenden Wahlkampf noch ein paar Wochen auf einer Wellness-Farm entspannen? Oder braucht Jakobs so lange, um sein Büro auszuräumen?

Zugefallene Tür sorgte für Einspruch von Wählern

Weder noch. „Es besteht eine Frist für Einsprüche; erst dann kann – formell betrachtet – auch die Ernennung und Vereidigung des Oberbürgermeisters erfolgen“, erläutert Jakobs im MAZ-Gespräch in seinem Büro, in dem sich die Akten zu einer ordentlichen kleinen Hügellandschaft sortiert auf dem großen Schreibtisch stapeln. Daneben steht eine Glasdose mit Bonbons – Nervennahrung, denn so ein OB-Job beseht nicht nur aus Bändchen-Durchschneiden und mit dem Dienstwagen herumchauffiert werden. Aber dazu später.

Die spitze Feder von Jörg Hafemeister. Quelle: Jörg Hafemeister

Noch einmal zurück zur Einspruchsfrist. Welche Art von Einsprüchen könnte es denn so geben, um die Wahl anzufechten? In Greifswald, erzählt Jakobs, war es zum Beispiel einmal so, dass eine geöffnete Schwingtüre zum Wahllokal aus Versehen zugeschnappt war und es keiner mitkriegte. Daraufhin beschwerten sich fünf Leute, dass man sie an der Ausübung ihres Wahlrechtes gehindert habe. Der Fall kam bis vor die Verwaltungsgerichte, aber letztlich hatte es keine Konsequenzen, weil sich aufgrund der geringen Zahl der Beschwerdeführer nichts an dem Ergebnis geändert hätte.

OB Jann Jakobs öffnet die Türe zwischen seinem Büro und dem Plenarsaal der Stadtverordneten.

Schneller Draht zum Polizeipräsidium Potsdam

Immerhin kann die Zeit bis zur Vereidigung am 28. November sinnvoll genutzt werden. Stichwort: Staffelstabübergabe. Da gibt es natürlich jede Menge kleiner Details. Der rote Knopf unter der Schreibtischplatte im OB-Büro zum Beispiel. Der dient nicht dazu, mal eben den Zimmerservice zu rufen, sondern ist der direkte heiße Draht zum Potsdamer Polizeipräsidium. Besteht Gefahr für Leib und Leben, kann man mittels Knopf Sofort-Hilfe anfordern.

Natürlich gibt es auch etliche Tipps und Tricks, um sich das Akten-Leben einfacher zu machen. Lachend zeigt Jakobs auf einen seiner treuesten Weggefährten – eine sogenannte „Löschwippe“, mit der man die tintengeschriebene Unterschrift trocknen kann, so dass sie nicht verschmiert. „60 bis 70 Unterschriften täglich ist nichts“, sagt der Rathaus-Chef mit dem durchtrainierten Tintenfüller-Arm.

Oberbürgermeister in Potsdam: Ein Job mit drei Schwerpunkten

Wenn der Langzeit-OB eines schriftlich geben kann, dann das: So toll sein Job trotz der Vielfältigkeit auch ist, so lang können auch die Tage sein. Um halb neun entert er für gewöhnlich die gediegene alte Holztreppe hinauf zu seinem Büro, das schon zu Kaisers Zeiten genutzt wurde. Und vor halb zehn abends ist meist nicht Feierabend. Arbeitszeiten, die einer Familie oft ganz schön viel Verständnis abverlangen. Einfach mal so spontan ins Kino gehen? Nicht wirklich. „Man braucht vor allem ein stabiles und vertrauenswürdiges Umfeld“, lautet Jakobs’ Lebenslehre an seinen Nachfolger.

Denn im Allgemeinen erinnert das Dasein eines Potsdamer Rathauschefs an den Bestseller-Titel „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“. Denn der Job besteht aus drei Hauptschwerpunkten: Zum einen dem Repräsentieren nach außen mit unzähligen Terminen – von der Kita-Grundsteinlegung bei Wind und Wetter bis hin zum glamourtauglichen M100-Mediengipfel.

Langweilig wird einem da garantiert nicht. Zum zweiten ist ein Oberbürgermeister auch qua Amt in alle städtischen Unternehmen (Pro Potsdam, Stadtwerke, Ernst-von-Bergmann-Klinikum) involviert – sei es als Gesellschaftervertreter oder als Aufsichtsratschef. Und bei der Mittelbrandenburgischen Sparkasse ist Jakobs beziehungsweise dann Schubert zudem auch noch Mitglied des Verwaltungsrates.

OB Jann Jakobs in seinem Büro im Potsdam mit einer "Löschwippe". Quelle: Bernd Gartenschläger

Nicht zu vergessen, der Städte- und Gemeindebund, in dem die Landeshauptstadt natürlich auch vertreten ist. Zusammengefasst heißt das: Wer eine Vorliebe für stundenlange Sitzungen hat, wird hier bestens bedient. In den nächsten Wochen wird sich Jakobs mit seinem Nachfolger und jemandem vom Bereich Beteiligungssteuerung zusammensetzen: „Dann gehen wir die ganzen Unternehmensbeteiligungen durch und besprechen die anstehenden Entscheidungen.“

Mike Schubert (2.v.l.) nach seinem Wahlsieg mit Dietmar Woidke, Matthias Platzeck und Jann Jakobs. Quelle: Bernd Gartenschläger

Bleibt noch Teil drei der breitgefächerten Aufgabenpalette: Chef der Rathausverwaltung, die immerhin 2400 Mitarbeiter hat – allein schon das ist keine Kleinigkeit.

Hauptausschuss statt Italienreise

Und welchen Rat hat der scheidende OB für seinen Nachfolger parat? Ganz klar: Sich klar zu machen, dass die ganze Aufmerksamkeit, die einem zuteil wird, nicht der eigenen Person gilt, sondern dem Amt. „Machtmissbrauch“, so Jakobs nachdenklich, „beginnt da, wo man sich nicht vor Augen führt, dass man in einer bestimmten Funktion an den Veranstaltungen teilnimmt. Da muss man einen inneren Kompass haben.“

Einmal bekam Literaturfreund Jakobs eine extrem verlockende Einladung der berühmten Verleger-Witwe Inge Feltrinelli, die er bei M100 kennengelernt hatte: Eine Italienreise, Übernachten im römischen Stipendiaten-Refugium Villa Massimo, anschließend Eröffnung einer Buchhandlung in Potsdams Partnerstadt Perugia. Der Oberbürgermeister wäre liebend gerne gefahren. Doch dann rief der damalige OB-Büroleiter Wolfgang Hadlich zur politischen Räson: „Er hat mir gesagt: ,An dem Tag hast du aber Hauptausschuss!’“ Und das war’s dann mit Jakobs’ italienischer Reise.

Aber bald hat er ja ausgiebig Zeit, sich Neuem zuzuwenden. Neulich, erzählt der Oberbürgermeister gut gelaunt zum Schluss, habe er zu Hause im Briefkasten ein an ihn adressiertes Schreiben der IHK vorgefunden: Ein Coaching-Angebot – für Nachwuchsführungskräfte.

Von Ildiko Röd

Das Potsdamer Amtsgericht hat einen Besetzer der Fachhochschule am Alten Markt verurteilt. Der Student soll Widerstand bei der Räumung des Gebäudes geleistet haben. Gegen ihn haben zwei Polizisten ausgesagt. Haben Sie sich zuvor abgesprochen?

18.10.2018

Der künftige Amtsinhaber Mike Schubert (SPD) erreichte am Sonntag zwar das Quorum ohne Not, kann aber nur auf ein Fünftel aller wahlberechtigten Potsdamer bauen

16.10.2018

Zwei große Namen sind im Museum Barberini in Potsdam für die kommenden Jahre angekündigt. Von dem Impressionisten Claude Monet werden Anfang 2020 rund 110 seiner bekanntem Werke gezeigt. Davor ist Vincent van Gogh mit Stillleben zu Gast.

18.10.2018