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Potsdam Punks in der DDR-Zeit in Potsdam
Lokales Potsdam Punks in der DDR-Zeit in Potsdam
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11:20 06.10.2014
Sequenz aus dem 1988 gedrehten Antifa-Film mit dem Einzug in das Civil-Waisenhaus.
Sequenz aus dem 1988 gedrehten Antifa-Film mit dem Einzug in das Civil-Waisenhaus. Quelle: Privat
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Potsdam

Mit der Grenzöffnung Ungarns hatte die Massenflucht von DDR-Bürgern einen neuen Höhepunkt erreicht. Man befürchtete Provokationen und nahm sofort Witterung auf, als eine Gruppe von "Jungerwachsenen mit zum Teil dekadentem Äußeren" am 10. September 1989 zum Gedenktag für die Opfer des Faschismus auf Platz der Einheit in Potsdam auftauchte und Richtung Rednertribüne zog.

Einer der Punks berichtet heute: "Ich hatte das Transparent noch gar nicht aus der Tüte geholt, da sind sie schon rauf auf mich. Die haben uns geschubst, beschimpft, einen Gang gebildet und uns mit Schlagstöcken und Fäusten rausgeprügelt." Dass sie nicht gleich zum Volkspolizeikreisamt in der Bauhofstraße mitgenommen wurden, erklärt er sich damit, dass sie "vielleicht zuerst dachten, wir sind Ausreisewillige. Und dann waren sie erst einmal unsicher".

Auf dem Transparent, das bei dem Gerangel zerfetzt wurde, stand: "Warnung! Neonazis auch in der DDR!" Bei einer Frau fand man ein Transparent mit der Aufschrift: "Wehret den Anfängen!" Die Warnung der jungen Leute rüttelte an der letzten Grundüberzeugung der DDR, die sich als Bollwerk gegen den Faschismus verstand. Dabei war es schon seit Jahren offenkundig, dass dieser Staat ein Problem mit Neonazis hatte.

Gegründet hatte sich die Potsdamer Antifa-Gruppe im Herbst 1987. Am 17. Oktober hatten rechtsextreme Skinheads ein Konzert der Band Element of Crime in der Ost-Berliner Zionskirche überfallen. Am 1. November prügelten Nazi-Skins in Velten Polizisten krankenhausreif und zerstörten einen Streifenwagen. Erstmals fanden sich in DDR-Medien Meldungen über rechtsextreme Vorfälle im eigenen Land. In Potsdam kam es zu einer Häufung von Übergriffen: "Die Geschichten sind nicht nur bei Punks und Linken, sondern auch bei den Faschos herumgegangen", sagt einer der Antifas, die ihre Namen nicht in der Zeitung lesen wollen.

Am 6. November 1987 starteten sie die erste Flugblattaktion. Sie beklebten Häuserwände und umrandeten die "Warnung! Neonazis auch in der DDR!" mit schwarzer Farbe. Spuren finden sich noch am Filmmuseum. Im Civil-Waisenhaus an der Berliner Straße, einer Einrichtung der Evangelischen Kirche, fanden sie Asyl. Der Ort war in gewisser Weise prekär, weil die Kneipe "Zur Fähre" gleich nebenan ein Faschotreff war.

Ein Dutzend junger Frauen und Männer gehörte zum harten Kern der Antifa, zu deren donnerstäglichen Treffen zeitweise bis zu 40 Leute kamen. Die Gruppe betrieb Bildungsarbeit, recherchierte, hielt Vorträge: "Wir haben viel miteinander diskutiert und uns die Welt erklärt." Im Sommer 1988 drehten sie einen Film mit einer Super-8-Kamera über rechte Überfälle und Punks, die mit wehender Fahne zum Plenum kommen, dann aber wieder abziehen, weil sie keine Lust auf Theorie haben, sondern Bock auf Bier.

Es gab weitere Überfälle auf Punks und Linke in der Innenstadt, vor dem Café "Heider", auch direkt vor dem Civil-Waisenhaus. Im Winter 1988 stürmten 40 Punks ein Lokal mit mehreren rechten Schlägern, die am Vortag am "Heider" einem Linken aufgelauert hatten. Mehrere der Beteiligten wurden später zu Haftstrafen verurteilt. Dutzende ihrer Freunde, die zur Verhandlung kamen, wurden von der Polizei vor dem Gerichtsgebäude eingekesselt und in die Bauhofstraße gebracht. In der Nacht gab es Bockwurst für die Verhafteten.

Am 29. Juli 1989 richteten sie in der Erlöserkirche den einzigen Antifa-Tag der DDR aus mit den Potsdamer Punkbands "Litertanten", "Fraktion" und "Jigs", mit Diskussionsrunden, Schautafeln und einigen hundert Teilnehmern aus fast allen größeren Städten des Landes. Die Staatsorgane vermuteten überall Provokation, hatten aber selten eine Handhabe. 15 Leute wurden am Rande der Kundgebung vom 10. September vorläufig festgenommen, zwei kamen für mehr als einen Monat in Stasi-Untersuchungshaft. Ihnen wurde "Rowdytum" und "staatsfeindliche Hetze" vorgeworfen.

Potsdamer Punks um 1988 bei einem Konzert unter dem Dach der Evangelischen Kirche. Quelle: Privat

Zur ersten größeren Protestdemonstration am 7. Oktober zum 40. Jahrestag der DDR in der Innenstadt formierten Punks erstmals einen "Schwarzen Block", der auch nicht stehen blieb, als Bereitschaftspolizei die Jägerstraße mit "Robur LO"-Transportern absperrte. Es gab die erste Straßenschlacht. "Als wir die 'Ellos' beiseite geschoben haben, hat sich etwas befreit", sagt einer. Mehr als 100 Teilnehmer wurden verhaftet und teils über Wochen in der Bauhofstraße festgehalten.

Die Antifa hatte schließlich Sitz und Stimme an dem von der jungen Demokratiebewegung gebildeten Runden Tisch und im Komitee zur Auflösung der Staatssicherheit. Am 13. Dezember luden sie über die Lokalzeitungen zur Feier der ersten offiziellen Hausbesetzung in die Gutenbergstraße ein. Nach dem Scheitern der sozialistischen Utopie schildert einer die rasch wachsende Anzahl besetzter Häuser als "Rückzug in die soziale Selbstverwirklichung", ein anderer spricht vom "Rückzug in die Anarchie".

NAZI-SKINS IN POTSDAM

  • Potsdam und umliegende Gemeinden wie Werder, Caputh, Michendorf und Belzig entwickelten sich um 1987 zu einem überregionalen Treff- und Kontaktort der rechtsextremen Skinheadszene, so die von der Bundeszentrale für politische Bildung 2013 veröffentlichte Forschungsarbeit „Mit schwachem Schild und stumpfem Schwert – Staatssicherheit und rechtsextreme Skinheads in Potsdam 1983–1989“ von Jan Johannes.
  • Schon 1984 gab es demnach Hinweise örtlicher Dienststellen auf „besorgniserregende Tendenzen einer wachsenden Fremdenfeindlichkeit und Faschismusverherrlichung unter Jugendlichen“. Neben Skinheads gab es zu dieser Zeit auch „Nazi-Punks“, die aber später auch äußerlich in das Skinhead-Lager wechselten.
  • 1986 wurde im Plattenbaugebiet Am Stern aus einem Freundeskreis heraus ein „Bund der Neudeutschen“ mit eigenem Statut gegründet, der nach dem Vorbild der NS-Sturmabteilung uniform in braunen Hemden auftrat und erst nach einer Reihe von Straftaten 1988 ausgehoben wurde.
  • Im Sommer 1987 begannen Potsdamer Skinheads einen „regelrechten Feldzug gegen Punks, Ausländer und Homosexuelle“. Zeitweilig marschierten Skinheads in einem Potsdamer Jugendzentrum regelmäßig militärisch in Zweierreihe ein.
  • Ende 1989 wurde das rechtsextreme Gewaltpotenzial in der untergehenden DDR auf 15 000 Personen geschätzt.

Von Volker Oelschläger

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