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Potsdam Das Kriegsende 1945 in Potsdam – ein Tagebuch in sieben Teilen
Lokales Potsdam Das Kriegsende 1945 in Potsdam – ein Tagebuch in sieben Teilen
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19:46 18.05.2020
Familie Andrae aus Potsdam im Januar 1940 , v.l.. Elisabteh, Kurt, Margarete Ehmig, geb Andrae, Walter ,Trude Quelle: privat
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Potsdam

Fünfzehn Seiten lang ist der Bericht von Margarete Ehmig, verfasst zwischen dem 22. April und dem 16. Mai 1945 in ihrer Potsdamer Wohnung in der Brandenburger Vorstadt. Eine Abschrift auf einer Schreibmaschine hat sich seit dem Krieg in Familienbesitz erhalten und wurde nun exklusiv der MAZ zum Abdruck und zur historischen Einordnung zur Verfügung gestellt.

In sieben Teilen schildert Margarete Ehmig (1881-1965) ihre Sorgen um die Verwandtschaft und die Ereignisse in ihrer Straße und der ganzen Stadt. Doch die Worte der Frau lassen 75 Jahre später aufhorchen. Denn ihre Perspektive ist die eines reinen Opfers. Von den deutschen Verbrechen des schrecklichen Krieges schreibt sie kein Wort. Die großbürgerliche Herkunft Ehmigs und ihr nationalkonservativer Patriotismus scheinen zusammen mit einer treuen Einstellung zum NS-Regime immer durch.

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Wer war die Frau, die den Bericht verfasst hat, überhaupt? Ihr Urenkel Christoph Rodatz at mit der MAZ darüber gesprochen, was er aus der Familiengeschichte weiß:

Wie sind die Ansichten von Margarete Ehmig heute einzuordnen? Mehrere Zeithistoriker haben das Tagebuch auf Bitten der MAZ gelesen und kommentiert.

Doch nun sollen Margarete Ehmig und ihr Tagebuch-Bericht für sich selbst sprechen. In sieben Folgen ist das seltene Zeugnis ungekürzt erschienen.

Margarete Ehmig inmitten ihrer Geschwister im Januar 1940 : v.l.. Elisabeth, Kurt, Margarete Ehmig, geb Andrae, Walter und Trude. Quelle: privat

In Folge 1 berichtet sie vom Bombenangriff auf die historische Potsdamer Innenstadt wenige Tage zuvor. Und sie überlegt, wie es ihren Geschwistern in den anderen Teilen des Deutschen Reiches geht.

Die Ansicht der brennenden Heilig-Geist-Kirche Ende April 1945 in Potsdam Quelle: © Potsdam Museum - Forum für Kunst und Geschichte

In Folge 2 beschreibt die 63-jährige Margarete Ehmig, wie die Stadt unter Beschuss der sowjetischen Truppen gerät und wie plötzlich zahlreiche Flüchtlinge in ihrer Wohnung untergebracht werden.

Eine Handskizze Ehmigs, in der sie die Kriegsflüchtlinge porträtiert, die in ihrer Wohnung unterkommen. Quelle: privat

In Folge 3 von Margarete Ehmigs Kriegstagebuch tauchen die ersten sowjetischen Soldaten in der Brandenburger Vorstadt auf. Sie und ihre Mitbewohner verbringen die meiste Zeit im Keller des Hauses und hören von Gerüchten, dass Sanssouci zerstört sei.

Das Wohnhaus von Margarete Ehmig steht noch heute. Aus der Waldemarstraße wurde allerdings die Sellostraße. Quelle: Varvara Smirnova

In Folge 4 des Kriegstagebuchs von Margarete Ehmig greifen sowjetische Soldaten die Frauen in ihrem Wohnhaus an. Mehrere Nachbarn wollen zudem gemeinsam Selbstmord begehen.

Margarete Ehmig, Autorin des Kriegstagebuchs aus Potsdam auf einem Foto von 1903. Sie war etwa 22 Jahre alt, als das Bild entstand. Quelle: privat

In Folge 5 des Berichts vom Kriegsende in Potsdam erschrickt Margarete Ehmig darüber, dass die Deutschen die Lebensmittellager plündern. Auch die erste Nachricht von einer Konferenz der Alliierten in Potsdam macht die Runde.

Die Glienicker Brücke im Jahr 1945. Ehmig schildert, dass alle Havelbrücken bei Kriegsende zerstört waren. Quelle: Sammlung Lutz Hannemann

Folge 6 des Potsdamer Kriegstagebuchs von Margarete Ehmig: Die alte Frau fürchtet den drohenden Mangel an Lebensmitteln und findet einen friedlichen Platz in der Stadt für sich.

Margarete Ehmig und ihr Ehemann Paul. Der Architekt ahnte vermutlich, was die Nazis anrichten. Er beging 1938 Selbstmord. Quelle: privat

In der siebten und letzten Folge des Potsdamer Kriegstagebuchs gedenkt Margarete Ehmig ihrem Mann, der mit düsteren Vorahnungen schon 1938 Selbstmord beging – und sie ehrt am Ende ihres Berichts noch wortreich Adolf Hitler.

Der Zeithistoriker Martin Sabrow hat sich das Tagebuch für die MAZ genauer angeschaut. Quelle: imago stock&peopleimago stock&people

„Tief bewegt hat mich das Schicksal des Führers“, schreibt Margarete Ehmig in den letzten Zeilen, bevor sie ihren Bericht abschließt. Ihre Einlassungen zur Niederlage und zu Adolf Hitler hat der Potsdamer Zeithistoriker Martin Sabrow, Direktor des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) für die MAZ kritisch in einem eigenen Beitrag beleuchtet.

Von Peter Degener

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