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Potsdam Potsdam schaltet umstrittenes Glockenspiel der Garnisonkirche ab
Lokales Potsdam Potsdam schaltet umstrittenes Glockenspiel der Garnisonkirche ab
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12:38 05.09.2019
Feierliche Einweihung des Garnisonkirchenglockenspiels auf der Plantage am 14. April 1991. Quelle: Christel Köster
Innenstadt

Die Stadt Potsdam schaltet zum 7. September das Glockenspiel der Garnisonkirche auf der Plantage ab. Das hat Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) am Mittwoch im Hauptausschuss bekannt gegeben.

Die Entscheidung sei in Absprache mit der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche (FWG) getroffen worden.

Das Glockenspiel sei ein Geschenk an die Stadt gewesen, die FWG habe „nicht den Plan“, das Glockenspiel in den Turmneubau zu integrieren. Die Stadt müsse nun überlegen, wie sie damit umgeht.

Was steht in den Widmungen auf dem Glockenspiel?

Vor Überlegungen zum weiteren Umgang mit dem Glockenspiel sollen laut Schubert in einer wissenschaftlichen Untersuchung insbesondere die Widmungen an den Glocken „im Detail betrachtet“ werden, um zu prüfen, „wer darauf verewigt ist und wie man damit umgeht“.

Die Untersuchung werde in einen „öffentlichen Diskussionsprozess münden“, so der Oberbürgermeister. Er kündigte zugleich eine neue Beschlussfassung zum weiteren Umgang der Stadt mit dem Garnisonkirchenneubau vor dem Jahreswechsel an. Aktuell sei die Beschlusslage so vielschichtig, dass jeder seine Sicht bestätigt finde.

Kaiserfamilie und ehemalige deutsche Ostgebiete

Details zu den Inschriften der Glocken nannte Schubert nicht. Nach Angaben der „Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“ sind die Namen der Kaiserfamilie und altpreußischer Gardetruppen eingraviert.

Von sieben Glocken seien bereits „Widmungen für die ehemaligen deutschen Ostgebiete“ entfernt worden. Geblieben ist laut BI eine Inschrift für den „rechtsnationalen Soldatenbund ,Kyffhäuser’“.

Impressionen vom Aufbau und der Einweihung des Garnisonkirchenglockenspiels auf der Plantage am 14. April 1991.

Nach der letzten Mitteilung der Stadt zum Glockenspiel auf eine Anfrage der Anderen vom Januar 2018 hieß es, noch sei „nicht absehbar, ob die Glocken ... in den Turm übernommen werden.“ Denn die Stiftung Garnisonkirche habe sie „noch nicht auf ihre Wiederverwendbarkeit hin geprüft“.

Unter der Hand war bei der Garnisonkirchenstiftung am Mittwoch zu erfahren, dass Max Klaars Glocken tatsächlich nicht beim Kirchenneubau eingesetzt werden sollen. Ihre Qualität sei einfach „zu schlecht“.

Bundeswehr-Oberst Max Klaar am 14. April 1991 in Potsdam. Quelle: Christel Köster

Das Garnisonkirchenglockenspiel wurde in den 1980er Jahren auf Initiative einer „Traditionsgemeinschaft Glockenspiel“ (TPG) um den Bundeswehr-Offizier und Rechtsaußen Max Klaar über Spenden rekonstruiert und am 17. Juni 1987 zunächst in Iserlohn eingeweiht.

Zum 46. Jahrestag der Bombardierung Potsdams am 14. April 1991 wurde es auf der Plantage in Potsdam nahe dem Grundstück der früheren Garnisonkirche aufgestellt. Die TPG, die für das Glockenspiel 500.000 Euro Spenden eingeworben hatte, sammelte nun für den Wiederaufbau der Garnisonkirche.

Ein Wallfahrtsort für Rechtsextreme?

Dieses Projekt war von Anfang an umstritten. Kritiker verwiesen auf die Gefahr, dass mit der Kulisse des symbolischen Händedrucks von Hitler und Hindenburg zum Tag von Potsdam am 21. März 1933 ein Wallfahrtsort für Rechtsextreme entstehen könnte.

Immer wieder war das Glockenspiel in den nächsten Jahren Zielobjekt von Protestaktionen. Für einen Skandal sorgte 1996 der Künstler Mike Bruchner, der das Glockenspiel zum Festival „Kunst im Stadtraum“ mit Hakenkreuzbändern umwickelte. Die Bänder wurden von der Polizei entfernt.

Das Glockenspiel nach der Bauschaum-Attacke vom 23. Oktober 2003. Quelle: Christel Köster

Im Oktober 2003 brachten Unbekannte das Geläut mit Bauschaum zum Verstummen. Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD), Superintendent Bertram Althausen und Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) riefen gemeinsam zur Spendensammlung für die Reparatur auf, die 4000 Euro kostete.

„Im Widerspruch zu einem angemessenen Gedenken“?

Die Trennung von TPG und Kirche bahnte sich 2001 mit Veröffentlichung des Konzeptes „The spirit of change – Veränderung ist möglich“ an, das von der TPG abgelehnt wurde. In seinem letzten Rundbrief von 2015 bekräftigte Max Klaar seine Ansicht, dass damit „das Symbol Garnisonkirche gebrochen werden“ solle. Auch der Potsdamer Unternehmer Stephan Goericke äußerte sich nach der Abschaltung des Glockenspiels kritisch.

Kritik am Glockenspiel kam zuletzt von der „Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“. Vor dem Jahrestag der Bombardierung am 14. April 2019 hatte sie den Oberbürgermeister in einem offenen Brief aufgefordert, das Glockenspiel nicht nur vom Gedenkläuten der Potsdamer Kirchen zur Erinnerung an das Bombardement auszuschließen, sondern ihr Geläut „am 14. und 15. April komplett zu unterbinden“. Das Glockenspiel stehe „in mehrfacher Hinsicht im Widerspruch zu einem angemessenen Gedenken“.

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Von Volker Oelschläger

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