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Potsdam Potsdam im "Dirty-Dancing"-Fieber
Lokales Potsdam Potsdam im "Dirty-Dancing"-Fieber
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14:41 06.10.2014
Patrick Swayze hält Jennifer Grey beim Abschlusstanz zu "(I’ve Had) The Time of My Life" in der Schwebe. Quelle: Veranstalter
Potsdam

Der amerikanische Tanzfilm "Dirty Dancing" lieferte mit Titeln wie "(I've Had) The Time of My Life" zu wildem Mambofieber den Soundtrack für das Wendejahr 1989. Den ganzen Sommer hindurch lief dieser Film in der DDR mit größtem Erfolg. In Potsdam sollte sich die Begeisterung im Herbst noch einmal auf außergewöhnliche Weise steigern. Es war eine Episode im Schatten der friedlichen Revolution, an die sich heute nur noch wenige erinnern.

Ausnahmezustand am Jugendzentrum "Drushba" in der Heinrich-Mann-Allee: Vor dem Eingang hat sich eine Menschenmenge versammelt, die rhythmisch gegen die Blechwand der Halle trommelt und dazu skandiert: "Wir wollen rein, wir wollen rein!" Matthias Freydank erinnert sich sehr gut an diesen Tag: "Es war so laut, dass wir dachten, das Dach fällt ein. Fast konnte man Angst bekommen. Es war der helle Wahnsinn." Weil sich bereits zu viele Tanzpaare in dem großen Saal drängten, hatte die Leitung des Hauses angeordnet: "Wir schließen die Tür ab."

Das Blauhaus kurz vor dem Abriss. Quelle: Bernd Gartenschläger

An diesem 10. Oktober 1989 hatte der Wendeherbst schon volle Fahrt aufgenommen. Am 7. Oktober waren in Berlin, Potsdam und anderen Städten noch Hunderte von Demonstranten gejagt, zusammengeknüppelt und verhaftet worden. Doch am 9. Oktober waren erstmals mehr als 70.000 Menschen protestierend um den Leipziger Ring gezogen, so viele, dass der Staat vor erneuten Zusammenstößen zurückschreckte. Es war die Zeit der offenen Briefe und Willensbekundungen. Der Schriftstellerverband des Bezirks Potsdam mahnte am 10. Oktober "in tiefer Sorge um unser Land": "Die Spanne zwischen der Wirklichkeit und unseren Idealen wird immer größer."

Im "Drushba" aber, das man später in "Blauhaus" umbenannte, erfüllte sich an diesem Abend für einige hundert Potsdamer ein Sommertraum: Zum ersten Mal gab es in der Bezirksstadt einen "Dirty-Dancing"-Tanzkurs mit Unterweisung in Mambo, Boogie und Rock'n'Roll. Die Nachfrage war so enorm, dass man zum nächsten Termin in die benachbarte Sporthalle auswich. "Die Halle war schwarz vor Menschen und wir standen mittendrin auf mehreren Podesten und haben gleichzeitig unterrichtet."

Matthias Freydank heute in seiner Tanzschule. Quelle: Christel Köster

"Dirty Dancing" mit Jennifer Grey und Patrick Swayze war 1988 der erfolgreichste Film in der Bundesrepublik und ein Jahr später auch in der DDR, obwohl er da erst zum Sommeranfang in die Kinos kam. Am 21. Juni war der Kinostart im Babelsberger Thalia. Seit dem 21. Juli lief der Film dort mit einer eigenen Vorverkaufskasse zweimal täglich. Ab dem 18. August flimmerte die Geschichte vom 17-jährigen Wohlstandskind Frances Houseman und dem aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Tanzlehrer Johnny Castle dreimal täglich über die Leinwand: um 17 Uhr, um 19 Uhr und um 21 Uhr. Keine Frage: Matthias Freydank und sein Rock'n'Roll-Tanzclub "Let's Rock" hatten mit ihrem "Dirty-Dancing"-Kurs einen Nerv getroffen.

Zum Tanzen kam der 1963 in Potsdam Geborene über den obligatorischen Tanzkurs vor der Jugendweihe in der 8. Klasse nur mit Widerwillen: "Natürlich sind wir alle nicht freiwillig gegangen. Aber es gab einen Marschbefehl von den Eltern und dann ging es ab." Wider Erwarten machte es ihm Spaß und er blieb dabei. Die erste namhafte Adresse nach mehreren privaten Tanzschulen war der "Tanzsportclub Rot-Gold" im damaligen Clubhaus der Energiearbeiter "Walter Juncker".

1984 schließlich gründeten sie mit sechs Beteiligten ihren eigenen Rock'n'Roll-Tanzclub "Let's Rock", der bald auf bis zu 20 Paare anwachsen sollte. Eine Einstufung als Volkskunstkollektiv erlaubte ihnen Auftritte für Geld bei Volksfesten und Betriebsfeiern. In der DDR gab es eine kleine Rock'n'Roll-Tanzszene mit Aktiven in Dresden, Berlin, Wittenberge, Wernigerode und Rostock. Zu einer ersten Begegnung mit westdeutschen Tänzern kam es 1985 bei einem Weltkongress von Rock'n'Roll-Tanzverbänden in einem Ort "mit einem unaussprechlichen Namen" in der Nähe des Balatons in Ungarn.

Zwei Paare des Rock’n’Roll-Tanzclubs „Let’s Rock!“ in Pose vor dem Schloss Sanssouci. Matthias Freydank ist aufrecht stehend dabei. Quelle: Privat

Als vorteilhaft erwies sich die dort geknüpfte Freundschaft mit dem West-Berliner Rock'n'Roller Horst Todt: "Er hat uns Schallplatten rübergeschmuggelt, einen alten Fernseher, einen Videorecorder, das war ja Goldstaub damals." Auch das Video und die Schallplatte mit der Musik des Films "Dirty Dancing" hatten sie dank Todt beizeiten: "Deshalb waren wir damit bei uns sehr früh am Start." Den legendären Abschlusstanz "haben wir sofort in unsere Show integriert. Damit sind wir richtig durchgestartet". Der unverhoffte Ansturm auf den Tanzkurs im Blauhaus aber war für Freydank "eine typische Vorwendegeschichte auch mangels anderer Möglichkeiten. Was hatte man denn groß? Es war ja alles begrenzt."

Blauhaus, Filmjubiläum, Mauerfall

  • Das Anfang der 1970er Jahre errichtete Blauhaus in der Heinrich-Mann-Allee sollte eigentlich ein Einkaufszentrum werden, wurde wegen der Weltfestspiele der Jugend 1973 aber kurzerhand zum Jugendzentrum "Drushba" umfunktioniert. Mit Platz für 1000 Menschen war es zeitweise Potsdams größte Veranstaltungshalle. 2013 wurde das Blauhaus abgerissen.
  • Der 20. Jahrestag des Kultfilms "Dirty Dancing" wurde von den Potsdamern im März 2007 mit einem Tanzwettbewerb und Salsa-Kursen auf drei Tanzflächen in der Biosphäre mit Lehrern der Tanzschule "Balance" und des Clubs Latino sowie einem „"Dirty-Dancing-Wochenende" in der Schinkelhalle und im Waschhaus gefeiert.
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Doch das "Dirty-Dancing"-Fieber hielt auch nach dem Mauerfall an. Am 18. Dezember 1989, als der SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi vor der Nikolaikirche über das Recht der Deutschen auf staatliche Einheit spricht und die Alternativrockband "Die Firma" mit den späteren "Rammstein"-Musikern Paul Landers und Christoph Schneider im "Spartakus"-Jugendclub auftritt, wird "Dirty Dancing" noch einmal bis weit ins nächste Jahr hinein ins tägliche Programm des Kinos "Charlott" in Potsdam-West aufgenommen.

Schließlich sollten dem von "Dirty Dancing" ausgelösten Mambofieber mit Salsa und Lambada dann aber doch andere Tanzmoden folgen. "Dirty Dancing lief auch wieder aus", sagt Freydank. Der Rock'n'Roll-Club "Let's Rock" erlebte mit mehr als 100 Tänzern Anfang der 1990er Jahre noch einmal eine Blütezeit, dann setzte der Niedergang ein: "Die einen hatten keine Zeit mehr, die anderen kein Geld, manchen fehlte beides." Freydank selbst absolvierte eine dreijährige Ausbildung zum ADTV-Tanzlehrer und baute in dieser Zeit im damaligen Restaurant "Auerochs" am Schlaatz für West-Berliner Partner eine Tanzschule auf, die er später selbst übernahm. Heute unterrichtet er mit mehreren Angestellten in seiner ADTV-Tanzschule "Balance" am Moosfenn in der Waldstadt II wöchentlich zwischen 700 und 1000 Schüler aller Altersstufen.

"Dirty Dancing" aber blieb gegenwärtig. Der Hit "Mambo Nr. 5" von Lou Bega sorgte 1999 für ein erneutes Revival der aus den 1930er Jahren stammenden Tanztechnik, die dem populäreren Salsa sehr ähnlich ist. 2004 hatte das Musical zum Film Weltpremiere. Bis heute wird "Dirty Dancing" immer wieder einmal im Fernsehen und in den Kinos gezeigt. Am 25. Juli um 21.45 Uhr läuft die Geschichte von Frances und Johnny im Programm des Waschhaus-Freilichtkinosommers in der Schiffbauergasse.

Von Volker Oelschläger

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