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Potsdam „Rosen sind ein Klischee“: So bepflanzt diese 92-jährige Bornstedterin ihren Balkon
Lokales Potsdam „Rosen sind ein Klischee“: So bepflanzt diese 92-jährige Bornstedterin ihren Balkon
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16:51 21.09.2019
Der Balkon von Christa Lehmann in Bornstedt. Quelle: Friedrich Bungert
Bornstedt

Draußen sitzen möchte Christa Lehmann nicht mehr. Zu kalt ist es auf ihrem sonnigen Südbalkon, zu windig. „In meinem Alter hat man ja das Privileg, die Gäste ins Wohnzimmer zu bitten“, sagt sie. 92 Jahre alt ist Christa Lehmann. Seit zwei Jahren verwitwet, bewohnt und bewirtschaftet sie ihre Drei-Zimmer-Wohnung in Bornstedt allein. Gerade ihre Liebe zu fast allem, was grünt und blüht macht der betagten Dame viel Arbeit. „Ich mag eigentlich alles außer Rosen“, sagt sie. „Die sind ja nur ein albernes Klischee, Nelken sind mir lieber, wenn es schon Schnittblumen sein müssen.“

Balkongarten mit Tomaten, Salat und Petersilie

Salat und Petersilie sind für dieses Jahr durch, die Tomate allerdings trägt noch sechs pralle Früchte. „Die kommen noch“, ist Christa Lehmann sicher. Dabei wollte sie das rote Gemüse eigentlich gar nicht haben, die Schwiegertochter hat es mitgebracht. Und Christa Lehmann hat die Pflanze aufgenommen, wie so viele, die Freunde und Familie ihr überlassen.

Die Mini-Sonnenblume, die im Topf auf dem Tisch steht etwa, hat ihr viel Freude gemacht. Der Roseneibisch hingegen: „Völlig verlaust.“ Die Seniorin musste zum Äußersten greifen – zur Sprühflasche mit Bio-Läusegift, um das Blümchen zu retten, das viele auch als Hibiskus kennen. Blüten ranken aus den Balkonkästen, ein kleines Vogelhaus lockt Spatz und Amsel zur Pause und zwei bequeme Stühle sind für die Menschen da. Selbst die Tischdecke ist von Blüten überzogen. Ob sich der ganze Aufwand lohnt, vermag Christa Lehmann dabei nicht zu sagen: „Ich mache mir die Arbeit halt einfach.“

Die Balkonkästen blühen auch Mitte September noch üppig. Quelle: Friedrich Bungert

So pragmatisch ist sie immer. „Meine Freundinnen und die Familie kommen damit klar“, sagt sie. „Ich verstelle mich eben nicht.“ Das geht bisweilen bis zu schonungsloser Ehrlichkeit. „Ich habe mein Leben lang eine Heimat gesucht“, sagt Christa Lehmann. Denn 1946, da ist sie 17 Jahre alt, verliert Christa Lehmann ihr Zuhause. Das 108. von insgesamt 143 der so genannten Beneš-Dekrete –benannt nach dem Mitbegründer und damaligen Staatspräsidenten der Tschechoslowakei, Edvard Beneš –konfisziert sämtliches Vermögen der deutschen Einwohner der ČSR. Rund drei Millionen Menschen werden zum Verlassen ihrer Häuser gezwungen, darunter die junge Christa und ihre Familie.

Nach Vertreibung: Rückkehr ist undenkbar

Sie möchte über diese Zeit nicht sprechen. Christa Lehmanns Gesicht wird hart, ihre Stimme dünn. „Unbeschreiblich schrecklich“, das ist alles, was sie hervorbringt. Bis heute denke sie manchmal an die Vertreibung, die im tschechischen Odsun, Abtransport, genannt wird. „Aber es verblasst mit den Jahren, zum Glück, und dann konzentriert man sich auf die guten Sachen.“

Christa Lehmanns erster Job: bei Förster-Stauden in Potsdam. Quelle: Friedrich Bungert

Immer wieder ist Christa Lehmann später in das Land gereist, das heute Tschechische Republik heißt. „Aber das ist alles nicht mehr da, der Wald hat sich das Land zurückgenommen“, sagt sie. Eine Rückkehr? Undenkbar. „Wenn man etwas so verloren hat wie wir, dann ist es unwiederbringlich.“

Arbeit in der Gärtnerei Förster-Stauden

Stattdessen hat sie versucht, sich eine neue Heimat zu erschaffen. Zunächst ging die Familie nach Sachsen, Christa aber führte der Weg mit gerade einmal 18 Jahren allein zu einer Tante nach Berlin. „Wenn man da heute drüber nachdenkt, denkt man ja ,um Himmels Willen’“, sagt sie. „Aber es waren andere Zeiten.“ Schnell findet die junge Frau eine Anstellung – ausgerechnet in der traditionsreichen Gärtnerei Förster-Stauden. „Damals ging das mit den Pflanzen los, das kann ich auf jeden Fall festhalten“, sagt sie.

Die Tomate kommt schon noch. Quelle: Friedrich Bungert

Durch einen großen Zufall lernte sie dann Fritz kennen. „Ich war mit einer Bekannten verabredet, die aber einfach nicht auftauchte“, sagt Christa Lehmann. „Wer aber da war, war mein späterer Mann.“ Schnell heiraten die beiden jungen Leute, gründen eine Familie. Aber: „Die große Liebesheirat war das nicht.“ Man habe sich gut verstanden und arrangiert, sagt Christa Lehmann, „es war eine gute Zeit.“ Die beiden Söhne zieht das Paar in einem kleinen Häuschen in Bornim groß, Ehefrau und Mutter Christa hat ihre Arbeit für einige Zeit aufgegeben, später wird sie drei Jahrzehnte lang in einem Kaffeehaus die Gäste umsorgen. „Dort konnte man immer Menschen kennenlernen, das mochte ich ja immer sehr“, sagt sie.

Leben in der DDR: Gemüseanbau war notwendig

Nebenher bewirtschaftet Christa Lehmann den Garten, der zum Häuschen gehört. „Es war ja eine reine Notwendigkeit, selbst Gemüse anzubauen“, erinnert sie sich. „Wir hatten alles, was man im Alltag braucht.“ Denn nicht alles an der DDR gefällt dem Ehepaar Lehmann. „Wir sind viel gereist, wir waren in Yalta, in Bulgarien, da kann ich mich nicht beschweren, aber es waren die kleinen Sachen.“ Etwa das ständige Schlangestehen für Artikel des täglichen Bedarfs. „Und dass man nie wirklich offen sprechen konnte, das habe ich als Belastung empfunden.“

Und sogar auf der Tischdecke sind Blumen. Quelle: Friedrich Bungert

Eines Tages folgt der Eklat. Fritz und Christa Lehmann gehen nicht wählen. „Das gab Ärger“, sagt sie. „Aber ich habe argumentiert, denn bei uns in der Küche war eine Baustelle, die Handwerker waren einfach abgezogen und haben sich um nichts mehr gekümmert“, sagt Christa Lehmann. Nach der Beschwerde seien die Arbeiter wiedergekommen – und die Lehmanns gingen wieder zur Wahl. „Das ganze Gerenne, die ganzen Diskussionen, das war es einfach nicht wert“, sagt Christa Lehmann, wie immer pragmatisch.

Ein Leben in drei Welten

Heute lebt Christa Lehmann einmal mehr in einer anderen Welt: die Kindheit in Böhmen, das Erwachsenenleben von ersten bis zum letzten Tag der DDR, nun der Lebensabend in der Bundesrepublik. Die Satellitenschüssel auf dem Balkon ist die Verbindung in die weite Welt, Frau Lehmann schaut liebend gern Krimis. Außerdem löst sie Rätsel, trifft mindestens einmal wöchentlich die Freundinnen zum Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiel, besorgt den Haushalt und eben all die Pflanzen, die Wohnung und Balkon begrünen.

Von ihrem Platz auf dem Sofa hat Christa Lehmann einen guten Blick auf ein Blumentischchen, auf dem einige Steine liegen, Urlaubsmitbringsel. „Ich habe sogar einen aus der Grundmauer von zuhause“, sagt sie. Denn mit „zuhause“ meint sie zwar oft ihre kleine Wohnung in Bornstedt mit all den Blüten und dem gepflegten Grün, oft aber auch die Heimat, die Christa Lehmann verloren hat.

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Groß, klein, Süd, West, Nord, Ost, mit Dach und ohne, in schwindelnder Höhe und im Hochparterre – Potsdam ist voll von Balkonen. Jeder ist besonders, denn jeder ist anders – so wie die Menschen, die es sich dort gemütlich machen.

Sie züchten Rosen auf Ihrem Balkon? Oder ernten sie lieber Tomaten? Sie haben sich mit Sofa, Teppich und Co. eingerichtet? Oder steht da nur ein Klappstuhl? Sie laden gern zu Partys auf Ihren Balkon ein? Oder genießen Sie lieber die Ruhe?

Die MAZ stellt Potsdamer und ihre Balkone vor. Sie wollen dabei sein – oder kennen jemanden, der dabei sein sollte? Sie erreichen uns unter 0331/28 40 280 und per E-Mail an potsdam-stadt@maz-online.de

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