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Potsdam Nach drei Schlaganfällen: Potsdamer Fotograf kämpft sich zurück ins Licht
Lokales Potsdam Nach drei Schlaganfällen: Potsdamer Fotograf kämpft sich zurück ins Licht
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00:22 17.05.2019
Der Potsdamer Fotograf Ulrich Gessner ist spezialisiert auf Ballett und Akt – er hofft, dass seine Arbeiten auch international Anerkennung finden. Quelle: Ulrich Gessner
Potsdam

Da ist wieder dieses Licht. Es liegt schon etwas Goldenes darin, das Versprechen, dass es auch in diesem Jahr wieder Sommer werden wird, selbst wenn es am Morgen noch kühl ist. Wenn Ulrich Gessner in diesen Frühlingstagen kurz nach dem Erwachen auf den Balkon tritt, ist ihm der 7. März 2016 wieder ganz nah. „Das Licht war wunderschön – es war gelb, schon ein wenig warm. Es passte einfach zu meiner Stimmung“, sagt Ulrich Gessner. „Ich hatte mich auf den Tag gefreut. Ich wollte ihn in Ruhe beginnen.“ – Nur an wenig mehr kann er sich erinnern: an den Schmerz hinter dem rechten Auge, der so plötzlich und heftig einschlug, dass er wohl aufgeschrien hat. An den Zusammenbruch. Daran, den Notruf zu wählen – das erste Mal überhaupt. Sich an die Wohnungstür zu schleppen. Auf dem Boden zu liegen. Zu warten. „Ich war in diesem Moment die hilfebedürftigste Person, die man sich vorstellen kann“, sagt Ulrich Gessner. „Ich dachte: Gott, wo geht es mit mir hin? – Dann wurde es immer dunkler in meinem Gehirn.“

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„Ich war immer der Sonnenschein“

Ulrich Gessner (47) hat an jenen Morgen drei Schlaganfälle überlebt, er hat sich zurück ins Leben und in den Beruf gekämpft und ringt dennoch weiter Tag für Tag darum, wieder ganz der Alte zu werden. „Ich war immer der Sonnenschein“, sagt Ulrich Gessner. Ob Schule, Sport, Ausbildung, Studium, die Fotografie, die ihn in ungezählte Ballettsäle, in eine Welt voller Anmut und Perfektion geführt hat: Die meisten Dinge seien ihm leicht von der Hand gegangen, den Rest habe er mit zähem Ehrgeiz und wohl auch mit Geduld geschafft. „Dabei war Geduld wirklich nie meine Stärke – ich bin ein Macher“, sagt Ulrich Gessner. Wer ihn nicht kennt, mag ihn noch immer für einen leichtmütigen Typen halten, für geistig und körperlich flink und wendig. Wie viel Energie er sich aber abverlangt, so froh und frei zu sein, gibt er selten preis, denn der Wettbewerb in der Branche ist hart, die Sorge groß, man würde meinen, er könne nicht mehr mithalten.

Der Potsdamer Fotograf Ulrich Gessner - spezialisiert auf Ballett, Tanz und Akt -  hat sich nach drei Schlaganfällen zurück ins Leben gekämpft. Quelle: Ulrich Gessner

Dass er nicht nur mithalten, sondern etwas ganz Besonderes, Poetisches erschaffen kann, zeigen Ulrich Gessners Arbeiten, von denen er hofft, dass sie international Anerkennung und dermaleinst in namhaften Museen einen Platz finden. Seine Arbeiten, die ihn schon durch Deutschland, nach Italien und Paris geführt und Einladungen nach New York, Boston und Buenos Aires eingebracht haben. „Wenn ich etwas aus meiner Krankheit gelernt habe, dann dass ich noch fokussierter arbeite“, sagt Ulrich Gessner. „Dass ich meine Stärken wertschätze. Dass ich konsequenter meine Ziele verfolge und doch immer darauf achte, dass es nicht um mich, sondern um den Menschen vor meiner Kamera geht. Man kann nichts erzwingen. Aber man kann bis zuletzt kämpfen.“

Der Potsdamer Fotograf Ulrich Gessner liebt den Tanz – und schöne Frauen. Eine Kostprobe aus seinem Werk.

Konzentration und Geduld bringen ihn zurück ins Leben

Heute funktioniert sein Leben vor allem durch Konzentration, sagt Ulrich Gessner: „Ich muss mich in jeden Schritt hineindenken, auf jedes Wort achten – das ist anstrengend. Die Seele ist ganz woanders.“ Wieder hilft ihm der Ehrgeiz – und so viel mehr Geduld, als er sich je hätte vorstellen können. Noch immer hat Ulrich Gessner zweimal in der Woche Reha. Noch immer schafft er nicht jede Straßenbahn und auch nicht jede Ampel. „Ich sage mir dann: Uli, akzeptier – respektier – deine Behinderung und versuch, sie zu meistern! Aber umso mehr freue ich mich auch über jede klitzekleine Verbesserung.“ Dass es ausgerechnet ihn getroffen hat, ihn, der in der Familie der jüngste ist und immer der sportlichste war, schlank, keine gesundheitlichen Auffälligkeiten – das hat ihn anfangs sehr beschäftigt, aber weitergebracht hat es ihn nicht. „Die ersten Tage waren ein Schock. Da ist Stille, nur Stille. Dann habe ich mich das Entscheidende gefragt: Wie komme ich wieder dahin, wo ich mal war?“

Ejne Welt voller Anmut und Perfektion: Ulrich Gessner liebt den Tanz, vor allem das Ballett. Quelle: Ulrich Gessner

Ulrich Gessner packt vieles auf eigene Faust an. Das beginnt schon in der Klinik. Es fällt ihm schwer, rund um die Uhr mit anderen Schlaganfallpatienten zusammen zu sein. „Es war wie Sterben“, sagt er. „Du hast, wenn du da liegst, kein Selbstbewusstsein mehr.“ Als die Ärzte einen Rollstuhl ans Bett schieben, fragt sich Ulrich Gessner, für wen der sei: „Das ist so ein krasser Schnitt. Mein Körper hatte immer funktioniert. Ich konnte ihm alles abverlangen.“ Dass er da so schnell wie möglich raus will – klar. Dass er tatsächlich so schnell rauskommt, kann er selbst kaum glauben.

Auf einem Fußballplatz macht Ulrich Gessner die ersten Schritte

Anderthalb Monate später macht Ulrich Gessner die ersten Schritte in sein neues, dem Schicksal abgetrotztes Leben. Freunde haben ihn zum Fußball mitgenommen. Ulrich Gessner sitzt im Rollstuhl, schaut den Spielern hinterher und fühlt sich sehr unwohl, „hundeelend“ wird er später sagen. Vielleicht genau deshalb macht er, was einer der Begleiter mit der Handykamera festhält: Die Hand auf die Bande gelegt, schiebt Ulrich Gessner einen Fuß vor den anderen...

Nach Hause ist es dennoch ein langer Weg. Als er wieder Wochen später vor dem Wohnblock steht und zu seinen Fenstern im 4. Stock hinaufsieht, packt ihn der Übermut – oder die Verzweiflung. „Ich weiß nur, dass ich den Rollstuhl und den Rollator in den Keller gestellt, abgeschlossen und gehofft habe, die Tür nie wieder aufzuschließen.“ An diesem Tag schafft es Ulrich Gessner aus eigener Kraft hinauf in seine Wohnung, die auch sein Atelier ist – zwar zieht er sich mehr am Geländer hoch als dass er geht, aber er kommt an und ist zurück im Leben. Zurück im Licht.

Mehr Arbeiten von Ulrich Gessner sind auf seiner Homepage zu sehen.

Aktionstag rund um den Schlaganfall

Rund um den Schlaganfall dreht sich heute ein Themen- und Aktionstag, zu dem das Bergmann-Klinikum für 10 bis 15.30 Uhr ans Nauener Tor einlädt.

Der Bus „Herzenssache Lebenszeit“, der durch Deutschland tourt, ist vor Ort: Dort kann man sich über Diabetes und das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen informieren und sein eigenes Risiko testen.

Diverse Untersuchungen werden vor Ort angeboten: Blutdruck-, Diabetes- und Körperfettmessungen, ein Vorhofflimmern-Schnelltest, Schlaganfall-Risiko-Fragebögen.

Ein Erste-Hilfe-Training mit ausgebildeten Notfall- und Rettungssanitätern ist möglich.

Eine Ernährungsberatung klärt, ob Kaffee und Rotwein tatsächlich gut fürs Herz sind – und was es mit anderen Mythen und Superfood auf sich hat.

„Herz trifft Hirn“ heißt es am Mittwoch, 15. Mai, 18 Uhr, in der Villa Bergmann. Anhand von interdisziplinären Fallbeispielen werden neueste wissenschaftliche Erkenntnisse, Leitlinien und Innovationen aus der myokardialen und cerebralen Infarktversorgung vorgestellt.

Von Nadine Fabian

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