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Potsdam Chicken-Wings-Räuber bleibt in der Psychiatrie
Lokales Potsdam Chicken-Wings-Räuber bleibt in der Psychiatrie
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17:19 04.03.2019
Justitia hat gesprochen.
Justitia hat gesprochen. Quelle: dpa
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Potsdam

Die 1. Strafkammer des Landgerichts Potsdam hat den unter einer Schizophrenie leidenden Nicholas W. (23) vom Vorwurf der räuberischen und versuchten räuberischen Erpressung freigesprochen – und zugleich seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet. „Wir sind überzeugt davon, dass Sie wegen Ihrer psychischen Erkrankung zum Tatzeitpunkt schuldunfähig waren und für die von Ihnen begangenen Straftaten nicht zur Verantwortung gezogen werden können“, sagte der Vorsitzende Theodor Horstkötter. Zudem sei man überzeugt, dass Nicholas W. aufgrund seiner psychischen Erkrankung dazu neigt, weitere, auch schwere Straftaten zu begehen – insbesondere mit Körperverletzungen sei zu rechnen.

W. hatte im Februar 2018 einen Mann, den er kurz zuvor in der Tram angesprochen hatte, verletzt, weil er seine Chicken Wings nicht teilen wollte. Einen Monat später bedrohte W. einen Kunden im Automatenraum der Commerzbank – der Mann hatte ihm kein Geld geben wollen.

Außer Kontrolle, wenn der psychotische Schub kommt

Schon vor und auch noch nach den beiden vor Gericht behandelten Fällen war W. der Polizei aufgefallen, kam häufiger in Gewahrsam, auch in die Psychiatrie. Die Taten zeigen, dass er außer Kontrolle gerät, wenn er einen psychotischen Schub erleidet: So schlug er in den Bahnhofspassagen einem Passanten unvermittelt die Faust ins Gesicht, er griff im Flüchtlingsheim Mitbewohner an, bedrängte Frauen sexuell, stahl Lebensmittel und Alkohol, fuhr volltrunken Rad, entkleidete sich auf offener Straße, kletterte auf ein Auto und sprang auf dessen Dach herum, warf in der Klinik mit Stühlen und griff auch das Personal an – W.s Ausfälle machten einer Mitarbeiterin so große Angst, dass sie den Beruf gewechselt hat.

„All diese Fälle zeigen das erhebliche Gefahrenpotenzial, das Sie leider mit sich bringen“, sagt Horstkötter. Es ist ihm wichtig, dass W. versteht, wie das Gericht zu der für ihn folgenschweren Entscheidung gekommen ist. Das Urteil begründet der erfahrene Richter denn auch besonders gemach, so dass der aus Kenia stammende W. und sein Dolmetscher in aller Ruhe folgen können.

Mal übergriffig und aggressiv, mal ruhig und freundlich

Ist W. dieser übergriffige, aggressive und gewalttätige Typ, wie er in den Akten auftaucht? Nicht nur. Die Wurzel seiner Taten liege in W.s Erkrankung, die eine Wesensänderung hervorrufe: W. sei auch ein anderer Mensch. Einer, den Sozialarbeiter und der behandelnde Arzt als ruhig, angepasst und freundlich beschreiben, als guten Kumpel.

Seit einigen Monaten hat dieser Kumpel wieder die Oberhand, bestätigen Ärzte: W. gilt als symptomfrei, auch ohne Medikamente. Aber: Wie stabil ist er? Ist zu verantworten, ihn auf freien Fuß zu setzen? Schizophrenie birgt ein extrem hohes Rückfallrisiko. Das allein aber reicht nicht aus, um die Unterbringung anzuordnen. Drei Punkte nimmt das Gericht daher in den Blick: W.s Krankengeschichte, Selbstwahrnehmung und Umfeld – alles in allem „ein sehr instabiles Gebilde“, so der Befund.

„Sie müssen sich Hilfe suchen, wenn Sie wieder in Freiheit sind“

Vier Jahre lang – seit Ankunft in Deutschland – war W. stark psychotisch. Die Behandlungen blieben erfolglos. „Eventuell haben Ihnen die Reise, der fremde Kulturkreis, der Druck sich einzufinden, zugesetzt“, so der Richter. Aber: W. selbst sehe nicht ein, dass er krank ist und Hilfe benötigt. Er setzte auf eigene Faust die Tabletten ab, floh aus der Klinik. „Drehtürpatient“ nennen Ärzte Fälle wie ihn. Hinzu komme, dass W. niemanden in Deutschland habe: keine Familie, keine Freunde. Er sei auf sich allein gestellt und wohl auch überfordert. In der Klinik hingegen halte man „alle Probleme, die sonst auf Sie einprasseln“ fern. „Sie müssen sich Hilfe suchen, wenn Sie irgendwann einmal wieder in Freiheit sind, weil es allein nicht funktioniert“, betonte Horstkötter. – Gegen das Urteil kann Nicholas W. binnen einer Woche Revision einlegen.

Von Nadine Fabian

04.03.2019