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Potsdam Der Mann, der in die Zukunft blicken kann
Lokales Potsdam Der Mann, der in die Zukunft blicken kann
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09:40 21.10.2019
HPI-Professor Andreas Polze an der Strecke der Erzgebirgsbahn. Quelle: SRCC Annaberg-Buchholz
Babelsberg

Kommunizierende Schienen, die mit einem Zug „sprechen“ und ihm alles Wichtige übermitteln können? „Daten-Staubsauger“, die alle relevanten Dateninformationen in der näheren Umgebung erfassen? Und ein „Dr. Computer“, der aus der Ferne den Gesundheitszustand von Herzpatienten checkt und ihnen bis zu zwei Jahren mehr Lebenszeit schenken kann? Klingt alles wie Hightech-Magie. Und doch sind es keineswegs Hirngespinste. Professor Andreas Polze arbeitet mit seiner Forschungsgruppe daran, dass das alles Realität werden kann.

Am Hasso-Plattner-Institut, das Ende des Monats sein 20-jähriges Bestehen feiert, leitet der 54-Jährige das Fachgebiet Betriebssysteme und Middleware. Als er 2001 von der Humboldt-Universität Abschied nahm, um an das Institut am Griebnitzsee zu wechseln, schenkten ihm die Bald-Ex-Kollegen einen wunderbaren Globus. In Zeiten von Google Earth hat so ein Globus einen ganz besonderen Charme. Nützlich ist er obendrein, wenn man es mag, mit dem Zeigefinger Fantasiereisen rund um den Erdball zu unternehmen. Bei Andreas Polze blieb es jedoch nicht bei Träumereien: Flugmeilen hat der Informatik-Professor, der zugleich Prodekan der Digital Engineering Fakultät ist, mittlerweile in rekordverdächtigem Umfang gesammelt. Der Grund ist die exzellente Doktorandenausbildung am Hasso-Plattner-Institut.

Die HPI Research School betreibt Außenstellen an der University of Cape Town in Südafrika, dem Technion in Haifa in Israel und an der chinesischen Nanjing University, 300 Kilometer von Shanghai. Der Forschungsschwerpunkt der Research School liegt auf den verschiedenen Perspektiven des Themas „Service-Oriented Systems Engineering“ – Technologien, die den Alltag erleichtern sollen. Seit 2005 ist Polze Sprecher des Doktorandenkollegs.

Studenten des Hasso-Plattner-Instituts mit Direktor Christoph Meinel (Mitte). Quelle: HPI/Kay Herschelmann

Herzstück und „Mutterhaus“ im HPI-Kosmos ist der Campus in Potsdam: Moderne Gebäude, eine internationale Studenten-Community mit ebenso internationalen Lehrkräften – all das eingebettet ins Landschaftsidyll. Von seinem Bürofenster hat Andreas Polze einen schönen Blick auf die Grünfläche inmitten des Campus. Im Büro des Top-Informatikers ist beileibe noch nicht alles Hightech und Gutenberg noch längst nicht von gestern, denn die Bücherregale sind beeindruckend gut gefüllt.

Im Gespräch ist Polze, der in der Nähe von Oranienburg geboren worden ist und in Ost-Berlin aufwuchs, weder abgehoben noch arrogant. Er strahlt enormen Enthusiasmus aus, wenn er erzählt – zum Beispiel von der Erzgebirgsbahn. Der Grund für seine Begeisterung wird in einem Videofilm verständlich: Darin ist aus der Vogelperspektive eine Zuggarnitur zu sehen, die an einem schönen Sommertag auf einer Schienenstrecke dahinsaust. Über Brücken, durch Nadelwald. Das Ganze könnte ein Imagefilm für fröhliche Ferien im Erzgebirge sein – auf den ersten Blick.

Züge der Zukunft werden sogar mit den Schienen „sprechen“ können. Quelle: Privat

Denn auf den zweiten geht es um das, was sich zwischen dem Schienenstrang und dem „Cockpit“ der Zugführer abspielt: Beide stehen in regem Kontakt zueinander, Informationen werden ausgetauscht, etwa über den „Gesundheitszustand“ einer Weiche. „Das heißt: über ihren Verschleiß“, erläutert Polze. Die Weichen sind mit Sensoren ausgestattet, neben den Schienen stehen Sendemasten – die Kommunikation erfolgt über ein eigenes Wlan-Netz. Die vernetzte Schienenwelt bietet noch mehr: Auf Knopfdruck kann ein Fahrgast am Bahnhof einen Haltewunsch an den nahenden Zug senden. Dafür muss man nur eine Taste betätigen, die genauso aussieht wie die an den Fußgängerampel-Masten.

Züge werden künftig "smart" fahren. Haltewünsche können Fahrgäste dann per Knopfdruck an den Bahnhöfen deponieren. Quelle: Privat

Im Film ist auch ein Auto zu sehen, das sich einer geschlossenen Schranke an einem Bahnübergang nähert. Wie von Zauberhand hebt sie sich. Des Rätsels Hightech-Lösung: Es handelt sich um eine „Komfort-Schranke“, die auf ein Signal aus dem Auto reagieren kann. Auch hier wirkt ein Sendemast als Nahtstelle. Momentan ist das alles noch Zukunftsmusik für den normalen Zugverkehr. Realität ist es hingegen schon im Digitalen Testfeld der Deutschen Bahn – einer Teststrecke der Erzgebirgsbahn zwischen Annaberg und Schwarzenberg. Dort hat Polze im vergangenen Sommer mit seinen Studenten einen mehrwöchigen Feldversuch durchgeführt: „Es ist eine große Herausforderung, Sicherheit in offenen Systemen wie einer Bahnstrecke herzustellen. Ein zentraler Punkt ist die Kommunikation zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmern.“

Bereits heute können Autos über das sogenannte „Car2Car-Protokoll“ Daten miteinander austauschen. Darüber werden etwa Notrufe abgesendet und Verkehrsteilnehmer vor Gefahrenstellen gewarnt. Künftig werden zum Beispiel Notarztwagen in direkten Kontakt mit anderen Autos in ihrer Nähe treten können, um schneller eine Rettungsgasse frei zu bekommen. Die Technologie der kurzen Kommunikationswege im Verkehr soll auch bei der

Als eine Digitalklausur der Bundesregierung am Hasso-Plattner-Institut stattfand, war das ein großes Nachrichtenthema mit vielen Berichterstattern vor Ort. Quelle: Peter Degener

Bahn von Nutzen sein: „Unser Ziel ist es, dieses Protokoll auch für die Kommunikation zwischen Bahnübergang und Auto sowie Haltestelle und Zug zu nutzen“, erläutert der Informatik-Professor das Entwicklungsprojekt, bei dem das HPI mit renommierten Partnern zusammenarbeitet: Neben der Deutschen Bahn sind das Siemens Mobility und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Für Andreas Polze bedeutete der Wissenschaftsaufenthalt zudem ein „Zurück zu den Wurzeln“, wie er erzählt: „Meine Familie väterlicherseits kommt aus dem Erzgebirge und ich schätze den munteren Geist der Menschen in der Region seit meiner Kindheit.“

Andreas Polze in den Institutsräumlichkeiten. Quelle: Bernd Gartenschläger

Als „gelerntem“ Berliner sind ihm aber auch die Gegebenheiten des umliegenden Brandenburger Flächenlandes bestens vertraut – Nachteile inklusive. Der Ärztemangel ist immer wieder in den Schlagzeilen. Wie man mit IT-Technologie dagegen angehen kann, hat das HPI im Pionierprojekt „Fontane“ erforscht. In einer fünfjährigen Studie, die in Nordbrandenburg durchgeführt wurde, konnte man erstmals nachweisen, dass Telemedizin das Leben von Herzpatienten verlängern kann und diese weniger Tage im Krankenhaus verbringen. 2018 wurden die Ergebnisse vorgestellt. Die Patienten unterziehen sich daheim selbst den täglichen Medizin-Checks wie Blutdruckmessung – die Daten werden an die Computer der Berliner Charité übermittelt und dort ausgewertet. „Bisher können einzelne Telemedizinzentren aber nicht mehr als 500 Patienten aus der Ferne betreuen – dabei ist der Bedarf viel größer“, erläutert Polze.

Institutsgründer Hasso Plattner (l.) mit Ministerpräsident Dietmar Woidke (Mitte) und dessen Vorgänger Matthias Platzeck (beide SPD). Quelle: Bernd Gartenschläger

Das vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Anschlussprojekt Telemed5000 möchte erreichen, dass künftig bis zu 5000 Patienten über ein Zentrum betreut werden. Das HPI entwickelt als einer der Projektpartner eine Software, die dem medizinischen Personal Arbeit abnimmt. So sollen etwa Blutwerte vorsortiert werden. Und: Mithilfe der Software soll eine Art Frühwarnsystem greifen, die Alarm schlägt, sobald der Zustand eines Patienten kritisch erscheint.

Keine Frage: Künstliche Intelligenz – kurz: KI – kann das Leben enorm erleichtern. Dennoch ist das, was Andreas Polze wirklich antreibt, immer noch die reale Intelligenz – die seiner Studenten. Für einen Lehrenden wie ihn bleibt das die größte Motivation: „Unser ,Produkt‘ ist der Absolvent.“ Wenn er deren erfolgreiche Lebensläufe verfolgt – vom Silicon Valley bis zu Top-Universitäten in aller Welt – ist das für den Professor die lohnendste Reise seines Lebens.

Von Ildiko Röd

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