Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Nur 320 Gramm: Das leichteste Frühchen Brandenburgs darf nach Hause
Lokales Potsdam Nur 320 Gramm: Das leichteste Frühchen Brandenburgs darf nach Hause
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:52 12.11.2019
Gestatten? Muhammad Raza Syed. Geboren am 5. August – fast vier Monate zu früh. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Wie viel wiegt ein Wunder? Exakt 320 Gramm, fragt man die Familie Syed. 320 Gramm – so leicht war ihr jüngster Sohn Muhammad, als er im Ernst-von-Bergmann-Klinikum in Potsdam das Licht der Welt erblickt hat. Das war am 5. August und Muhammad viel zu früh dran. Genau genommen dürfte der Kleine auch heute noch gar nicht geboren sein. Mit seiner Ankunft hatten die Eltern und Ärzte für den 28. November gerechnet – wenn alles normal verlaufen wäre.

Endlich können sie ihr Glückskind mit nach Hause nehmen

Was aber im Leben ist schon normal? Erst recht, wenn es einem ein Wunder in die Arme legt? Muhammad ist das leichteste Frühchen, das je in Brandenburg entbunden und gesund aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte. Am Dienstagnachmittag war es endlich soweit: Tooba und Mohsin Raza Syed sind zum letzten Mal in die Neonatologie gekommen – endlich können sie ihr Glückskind mit nach Hause nehmen. Wochen, Monate des Wartens sind nun vorüber. „Wir sind sehr, sehr glücklich“, sagt Mohsin Raza Syed (48). „Wir sind aufgeregt. Aber ängstlich sind wir nicht. Nicht mehr.“

Muhammad und seine glücklichen Eltern Mohsin Raza und Tooba Syed. Quelle: Bernd Gartenschläger

Die Angst saß lange mit an Muhammads Bettchen, wenn die Eltern zu Besuch auf der Station waren. Schon einmal hatte die Familie, zu der bereits Mustafa Raza (5) und Ali Raza (13) gehören, um ein Frühchen gebangt. Das Baby, das bei der Geburt schwerer als Muhammad und auch reifer war, starb nach 70 Tagen in der Klinik. Drei Jahre ist das her. „Es war eine schwere Zeit“, sagt Mohsin Raza Syed. „Aber die Bedingungen waren auch andere – sie waren nicht so gut wie hier in Deutschland, wie hier in Potsdam.“

Das Baby war viel zu leicht für die 25. Schwangerschaftswoche

Mohsin Raza Syed und seine Frau Tooba stammen aus Pakistan. Der Tierarzt, der inzwischen in der Veterinär-Pharmazie tätig ist, lebt seit 1998 in Deutschland. Im vergangenen Herbst sind Tooba (35) und die Jungen zu ihm nach Zossen (Teltow-Fläming) gezogen. Als die Syeds im Sommer nach Pakistan reisen, um in der alten Heimat ein wenig Urlaub zu machen, um die Familie und Freunde zu besuchen, bemerkt die in der 25. Woche schwangere Tooba, dass es noch einmal heikel werden könnte – Wehen setzen ein. Die besorgten Eltern konsultieren einen Experten – ein enger Freund. Das Baby, heißt es, ist leicht – viel zu leicht für die 25. Woche. „Mein Freund sagte, dass wir uns nicht zu viele Hoffnungen machen sollten“, erzählt Mohsin Raza Syed.

Muhammad Raza hat drei Monate lang auf der Neonatologie des Potsdamer Bergmann-Klinikums gelegen, drei Wochen lang wurde er beatmet. Quelle: privat

Die Familie weiß, dass das Baby in Pakistan keine Überlebenschancen hat, bucht um und schafft es gerade noch zurück nach Deutschland. Tooba Syed stellt sich im Krankenhaus in Ludwigsfelde vor und wird von dort an die Potsdamer Spezialisten überwiesen. Die handeln schnell. „Muhammad ist über die Plazenta nicht mehr ausreichend versorgt worden und es gab auch kaum noch Fruchtwasser“, erklärt David Szekessy, der Leiter der Bergmann-Neonatologie. „Wir versuchen zwar, ein Ungeborenes so lange wie möglich im Mutterleib zu halten, denn dort sind die Entwicklungschancen einfach die besten. In diesem Fall aber war ganz klar, dass das Kind in Gefahr ist.“ Die Ärzte führen einen Kaiserschnitt durch: So retten sie Muhammads 320 Gramm leichtes Leben – vorerst.

Muhammad war ein Höchstrisikopatient

Ob Pakistan oder Deutschland: Frühchen mit einem Geburtsgewicht unter 500 Gramm haben nur geringe Überlebenschancen. Lunge, Nieren, Darm, Herz, das Immunsystem – je früher ein Kind geboren wird, desto unreifer sind seine Organe. Infektionen verlaufen schwer, oft tödlich. Das Risiko, Hirnblutungen zu erleiden, ist hoch. Auch Muhammad war den Anforderungen eines Lebens außerhalb des Mutterleibs noch nicht gewachsen. Ein Höchstrisikopatient. Muhammad wird mehrere Wochen beatmet und über eine Sonde ernährt, rund um die Uhr überwacht.

Die Potsdamer Neonatologie hat Platz für 20 Plätze für Babys, die so früh geboren sind, dass sie einer besonderen Fürsorge bedürfen. Quelle: Bernd Gartenschläger

Die Wahrscheinlichkeit ernsthafter Komplikationen, sinke laut David Szekessy zwar mit jedem Tag auf der Station. Dennoch habe sich der Zustand des Babys eines Tages rapide verschlechtert. „Es gab eine Phase, in der die Nierenfunktion massiv eingeschränkt war“, erzählt der Arzt. Die Eltern rechnen in diesen Tagen mit dem Schlimmsten – Mohsin Raza Syed bereitet die Beerdigung vor: „Wir sind Moslems. Wir müssen unsere Toten innerhalb eines Tages begraben – aber wie nur sollte ich das schaffen?“ Als er sich im Klinikum erkundigt, wie es um die Möglichkeiten bestellt ist, erholt sich Muhammad so plötzlich wie er in die Krise gerauscht war. „Er hat mich erhört!“ Mohsin Raza Syed schüttelt den Kopf und lacht.

40 bis 60 Kinder kommen pro Jahr mit weniger als 1500 Gramm zur Welt

Das Bergmann-Klinikum schafft es im Jahr auf etwa 2000 Geburten. Zwischen 40 und 60 Kinder kommen mit weniger als 1500 Gramm zur Welt. Nicht alle Geschichten finden ein so gutes Ende wie die von Muhammad. „So ein Tag wie heute erfüllt uns mit Stolz“, sagt David Szekessy. „Das war Teamwork. Das haben Ärzte und Schwestern Hand in Hand geschafft.“ Die Syeds nicken: „Das Team hat exzellent und hart gearbeitet. Tausend Dank.“

Lesen Sie auch: Frühgeborene sind häufiger krank als sogenannte Reifgeborene

Muhammad – auch er trägt wie sein Vater und die Brüder den zweiten Vornamen „Raza“ – bringt zur Entlassung 2215 Gramm auf die Waage, das Siebenfache seines Startgewichts. Mit dem Antrittsbesuch in Pakistan sollte er sich aber gedulden, raten die Ärzte. Kein Problem, meinen die Syeds: „Unsere Familie kommt. Sie hat jetzt den schönsten Grund, uns zu besuchen.“

Wenn das Leben zu schnell beginnt

Eine Schwangerschaft dauert etwa 40  Wochen.

Frühchen sind Babys, die vor vollendeter 37. Woche geboren werden.

Zwischen 34. und 37. Woche spricht man von späten Frühgeborenen. Gewicht und Größe unterscheiden sich kaum von Reifgeborenen.

Bei einer Geburt vor der vollendeten 28. SSW spricht man von einer extrem frühen Frühgeburt; das Gewicht liegt meist unter 1000 Gramm.

In Deutschland gilt das Erreichen der 23. Woche als Grenze der Lebensfähigkeit von Frühgeborenen mit medizinischer Hilfe.

Von Nadine Fabian

In der unabhängigen Literatur- und Kunstszene der DDR agierte der Lyriker als wichtiger Strippenzieher. 1991 flog Sascha Anderson als Stasispitzel auf. Wie empfing ihn das Publikum bei einer Lesung in Potsdam?

12.11.2019

Es ist elektrisch betrieben und kann etwa 300 Liter transportieren: Mit dem Urban-Water-Cargo-Bike kann man ab nächsten Sommer die Potsdamer Bäume bewässern. Nun beginnt die Testphase.

12.11.2019

Mit dem MAZ-Schulprojekt Medien an der Schule (MADS) lernen Jugendliche seit dieser Woche am Beispiel ihrer Heimatzeitung, wie Nachrichten gemacht werden.

12.11.2019