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Potsdam Potsdamer Klinikum schult Heilkundige
Lokales Potsdam Potsdamer Klinikum schult Heilkundige
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09:11 13.11.2014
Am lebensechten „Patienten“: Kursleiter Ralf Größle und die ärztliche Direktorin Ortrud Vargas Hein. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

"Also nochmal!“, ruft die ärztliche Direktorin des KlinikumsErnst von Bergmann“, Ortrud Vargas Hein, und fängt laut zu zählen an. Jeder Arzt und jede Krankenschwester hier im Raum presst heftig in dem von Vargas vorgegebenen Rhythmus auf eine Puppe. Diese besteht nur aus einem Kopf, der auf der Nachbildung einer Brust sitzt.

Den Ernstfall zu Bee Gees-Musik proben
Die Gruppe probt die Wiederbelebung. Als der Oberarzt und Anästhesist Ralf Größle hinzutritt und einen Kassettenrecorder mit dem Bee-Gees-Hit „Stayin’ Alive“ einschaltet, meint man sich in einer Parodie zu befinden. Dabei ist alles todernst. Wer den Takt und Schwung verinnerlicht, findet genau den Rhythmus für eine sachgemäße Wiederbelebung. Und die Wiederbelebung ist eine grundlegende Technik, die jeder Mensch in medizinischen und Gesundheitsberufen beherrschen muss.

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Eine Ausbildungsstätte auf höchstem Niveau
Üben könnte man das auf diese Weise im echten Notfall natürlich nicht. Üben können es Ärzte, Pfleger, Sanitäter und andere Menschen in Gesundheitsberufen aber schon seit September im neuen Simulations- und Trainingszentrum des KlinikumsErnst von Bergmann“, das diese Woche offiziell eröffnet wurde. Die Klinik hat das Souterrain der erst im Sommer 2013 von ihr erworbenen ehemaligen Villa ihres Namensgebers in der Berliner Straße 62 zu einer Ausbildungsstätte auf höchstem Niveau ausgebaut.Geleitet wird die Einrichtung vom Facharzt für Anästhesiologie, Torsten Schröder. Für das Kurstraining ist der Anästhesist Ralf Größle verantwortlich.

Puppen für 15.000 Euro
Wiederbelebungspuppen sind noch die einfachsten Utensilien des Zentrums. Auf rund 300 Quadratmetern findet sich der Nachbau einer Intensivstation und eines Operationssaals. Die „Patienten“ dort sind lebensgroße Puppen mit unglaublichem Innenleben. Sie können atmen und röcheln, die Augen öffnen und schließen, sie haben einen Puls und einen Blutdruck. Allein die Kosten einer „OP-Puppe“ schätzt Facharzt Schröder auf rund 15000 Euro, die der ganzen Einrichtung auf „eine gute halbe Million“.

„Belebt“ werden die Figuren von einem eigenen Steuerungsraum aus. Als „Puppenspielerin“ fungiert in den Kursen die Anästhesistin Anna Nothnagel. Sie kann den künstlichen Patienten zum Beispiel zum Röcheln bringen, wenn er nicht richtig intubiert, also der Beatmungsschlauch nicht richtig gesetzt ist. „Wenn der Tubus zum Beispiel zu tief sitzt, wird nur eine Seite der Lunge beatmet“, sagt Nothnagel. Die Rechner in ihrem Zimmer registrieren das und Nothnagel kann die Puppe entsprechend reagieren lassen. Im simulierten OP oder in der simulierten Intensivstation neben an zeigen dann auch die Instrumente die Situation und schlagen Alarm. Erst wenn der Teilnehmer eines Kurses den Schlauch richtig gesetzt hat, hört die Puppe auf zu röcheln und die Instrumente zeigen wieder normale Werte an. Ähnliches passiert bei allergischen Reaktionen des „Patienten“ gegen Medikamente oder bei plötzlichem Herzstillstand.

Probe zu realistischen Bedingungen
„Es geht einfach darum, in stressigen Situationen die richtige Entscheidung zu treffen“, erläutert Kursleiter Größle den Sinn. Und Zentrums-Chef Schröder ergänzt: „Wir können hier seltene Ereignisse öfter darstellen.“ Wann erlebe eine Krankenschwester schon im Alltag einen totalen Kreislaufkollaps? Hier könne sie sich die rettenden Maßnahmen unter ziemlich realistischen Bedingungen antrainieren. Dabei spielten auch oft unterschätzte Dinge wie die gute Kommunikation im Team eine Rolle. Nicht zuletzt können auch einfache Maßnahmen wie Blutdruckmessen an den Puppen gelernt werden, ohne Versuchspersonen zu belasten.

Todesfälle in kritischen Situationen sollen vermieden werden
Etwa zehn Kurstage pro Monat soll es künftig im Trainingszentrum geben. Die Kurse mit zehn bis 15 Teilnehmern aus dem ganzen Bundesgebiet dauern von einem halben Tag bis hin zu einer Woche. Solches Training bieten derzeit schätzungsweise 20 deutsche Kliniken an. Es ist kein Luxus. Laut amerikanischen Studien hätten im Jahr 2000 rund 98000 Todesfälle vermieden werden können, wenn sich Ärzte und Sanitäter in kritischen Situationen richtig verhalten hätten. Umgerechnet auf deutsche Verhältnisse wären das laut Schröder rund 38000 Todesfälle, die durch routiniertes Handeln in brenzligen Situationen vermieden worden wären.

Solche Zahlen motivieren auch erfahrene Ärzte wie den Kinderheilkundler David Szekessy, das Kursangebot zu beachten. „Ich persönlich lasse mich gerne auch mal zur Behandlung größerer Patienten schulen“, sagt er. Umgekehrt könnte er sich gut vorstellen, selbst Kurse über lebensrettende Maßnahmen bei Neugeborenen für das Zentrum zu entwickeln.

Mediziner und Wahl-Potsdamer: Ernst von Bergmann

  • Ernst von Bergmann wurde am 16. Dezember 1836 in Riga, im heutigen Lettland, als Sohn eines Pastors geboren. 
  • 1854 begann er in Dorpat (Estland) Medizin zu studieren. Ab 1860 war er Assistent an der Chirurgischen Klinik Dorpats
  • 1882 wurde Ernst von Bergmann an die Friedrich-Wilhelms-Universität, die heutige Charité, berufen. 
  • 1891 verwirklichte der Chirurg seinen Traum, in Potsdam zu leben. Er ließ direkt am Tiefen See die Villa Bergmann errichten. Das Anwesen beeindruckt durch seinen italienischen Stil. Von Bergmann lebte bis zu seinem Tode am 25. März 1907 in dieser Villa. 
  • Begraben liegt der Arzt und Professor auf dem Alten Friedhof an der Heinrich-Mann-Allee. 
  • Bahnbrechend war seine Behandlung von Verletzungen des Kniegelenks. Von Bergmann operierte nicht, sondern stellte das Gelenk nach Bandage mit dem Listerschen Wundverband im Gipsverband ruhig. Das reduzierte tödliche Verläufe durch Sepsis dramatisch.

Von Rüdiger Braun

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