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Potsdam Märchenerzählerin verrät, was wir jetzt unbedingt lesen sollten
Lokales Potsdam Märchenerzählerin verrät, was wir jetzt unbedingt lesen sollten
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17:04 05.12.2019
Silvia Ladewig aus Potsdam ist Märchenerzählerin. Quelle: Bernhardt Link/Farbtonwerk
Potsdam

Märchen, Mythen und Geschichten befreit Silvia Ladewig aus der engen Welt zwischen den Buchdeckeln. Kommendes Jahr feiert die Märchenerzählerin 15. Bühnenjubiläum. Der MAZ verrät sie, weshalb die Adventszeit wie gemacht zum Erzählen ist und welche Geschichten man jetzt unbedingt lesen – oder sie sich besser noch anhören – sollte.

Es war einmal ein Mädchen…

Silvia Ladewig: ...das hatte mit Märchen nicht so viel am Hut. Ich habe zwar als Kind schon viel gelesen, aber keine Märchen. Klar habe ich sicher auch mal ein Märchenbuch in die Hände bekommen, aber ich bin nicht intensiv mit Märchen aufgewachsen. Ich habe gern praktische Sachen gelesen und zum Beispiel die „Was ist was“-Reihe verschlungen. Das Insektenbuch konnte ich auswendig!

Dann wollten Sie also lieber Räuberhauptmann als Prinzessin sein?

Ich habe Karl May geliebt und konnte mich nie entscheiden, ob ich lieber Old Shatterhand sein will oder Winnetou. Meist hat Old Shatterhand gewonnen. Diese Figur, die Karl May da erschaffen hat, ist zutiefst von Menschlichkeit geprägt. Er lässt ihn wie einen Märchenhelden alles Böse – auch das, was wir in uns tragen – überwinden und besiegen. Old Shatterhand und Winnetou: Ich denke, es gibt schlechtere Figuren, mit denen man sich als junger Mensch identifizieren kann.

Karl May ist für sein kolonialistisches Bild kritisiert worden...

Er ist natürlich ein Kind seiner Zeit – aber er steht immer für die Schwachen ein und hat sich immer wieder für die indianische Kultur stark gemacht und sie gegen den „weißen Mann“ verteidigt. Das imponiert mir und ich muss gestehen, ich lese Karl May noch heute gern.

Wie sind Sie von der Leserin zur Erzählerin geworden?

Im tiefsten meines Inneren war ich immer eine Rampensau, aber ich habe lange gebraucht, für mich die Form zu finden, die diesem Bedürfnis Rechnung trägt. Ich habe Germanistik, Philosophie und Geschichte studiert. Ich habe geschrieben, aber ich habe keine schöne Prosaschriftsprache – meine Texte bleiben der Welt zuliebe in der Schublade. Ich habe auch ein paar Jahre Theater gemacht, aber auch die Schauspielerei konnte mich nicht auf Dauer begeistern. Alles wortwörtlich auswendig wiedergeben zu müssen, hat mich gestresst. Ich habe Gesangsunterricht genommen, Sprechunterricht... Ich wusste nicht, wohin mit meinen Talenten – ich habe von allem ein bisschen was, bin aber in keinem Fach brillant. Dann habe ich ein Programm vorbereitet, für das ich wegen des Urheberrechts geschützter Werke viel Papierkram erledigen musste und dachte, dass das für meine kleinen Auftritte den Aufwand nicht lohnt. Also habe ich selbst Geschichten geschrieben – oder viel mehr aus dem, was schon da war, gestaltet. Auf einmal wusste ich: Silvia, du bist eine Märchenerzählerin!

Nun schreiben Sie doch wieder?

Ich stehe in der Tradition derjenigen, die ein Faible für Märchen hatten und sie aufgeschrieben haben. Es wäre meinen Vorgängern unfair gegenüber in Anspruch zu nehmen, meine Märchen frei erfunden zu haben. Ich erzähle Märchen weiter – so wie es über Jahrhunderte hinweg schon immer war. In meinem Rücken sind Millionen Märchenerzähler. Ich arbeite auf, was sie uns hinterlassen haben. Im Märchen ist ja zum Beispiel immer nur von einem Mädchen oder von einer alten Frau die Rede – sie sind für mich das Skelett, ich packe Sehnen, Fleisch und Blutgefäße dazu und mache die Figuren plastisch. Ich schaffe Gestalten, die ganz nah an uns heutigen Menschen dran sind.

Es ist Advent, wir rücken zusammen – die ideale Zeit zum Erzählen?

Die selbstverständliche Antwort: Ja, natürlich – und das zeigt auch mein Terminkalender, der sich ab Oktober füllt. Herbst und Winter – die Monate, die wir im Haus verbringen – sind die traditionelle Zeit zum Erzählen.

Und welches ist die nicht-selbstverständliche Antwort?

Dass eine gute Geschichte immer und über das ganze Jahr zu erzählen ist. Ich bin ja auch das ganze Jahr hindurch tätig.

Dann können Sie vom Märchenerzählen leben und haben gar keinen Goldesel im Keller?

Für jeden freiberuflichen Künstler ist die Auftragslage mal besser, mal schlechter. Ich bin zum Glück breit aufgestellt. Zum Beispiel war ich im Museumsdorf Düppel an der neuen Dauerausstellung beteiligt. Darin erzählen sechs fiktive Dorfbewohner aus ihrem Leben – ich habe dafür Texte geschrieben und drei Gestalten im Studio selbst eingesprochen.

Braucht es einen besonderen Ort fürs Märchenerzählen?

Man kann überall erzählen. Ich komme ohnehin mit wenig Requisiten aus. Ich neige zum Purismus und arbeite fast nur mit meiner Stimme, Mimik und Gestik. Aber es gibt natürlich Orte, die sind zum Erzählen schöner als andere. Die Jurten im Nomadenland im Volkspark sind dafür geradezu prädestiniert. Dort ist es warm und lauschig. Seit neun Jahren biete ich dort monatlich ein Programm für Erwachsene und eines für Kinder an.

Sind denn Märchen nicht eher etwas für Kinder…?

Mit dieser Frage habe ich Zeit meiner beruflichen Laufbahn zu tun. Meine ersten Jahre habe ich ausschließlich für Erwachsene erzählt. Inzwischen erzähle ich auch für Kinder.

Was ist der Unterschied?

Erwachsene sind höflicher. Wenn Kindern etwas gefällt, sagen sie es und ihre Freude ist rückhaltlos. So ist es allerdings auch, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Ein Erwachsener hat gelernt, geduldig zu sein. In den ersten Jahren hatte ich extrem viel Respekt davor, vor Kindern zu erzählen. Mittlerweile – toi toi toi – vertraue ich darauf, dass meine Energie die Kinder mitreißt. Es ist schon ein echter Ritterschlag, wenn Eltern oder Lehrer zu mir kommen und sagen, sie hätten ihre Kinder nicht wiedererkannt, weil sie nur an meine Lippen gehangen haben. Ich liebe es heute, für Kinder zu erzählen – damit habe ich nie gerechnet.

Lesen Sie jeden Tag ein Märchen?

Nein, aber ich lese jeden Tag. Wobei lesen und lesen so eine Sache ist. Rein zum Vergnügen lesen, das habe ich kaum noch – diese Zeit muss ich mir ganz bewusst nehmen. Von Berufswegen lese ich viel mehr – ich bin gefordert, Neues zu suchen. Genussmärchenlesen mache ich ganz selten. Aber gerade lese ich von Jonathan Stroud „Lockwood & Co.“ und finde es großartig.

Welches ist Ihr Lieblingsmärchen?

Früher war das „Die kleine Meerjungfrau“ – das Märchen hat mich sehr und auch nachhaltig beeindruckt. Unglücklich zu lieben, zu sehen, wie andere glücklich werden und du bist nicht Teil dieses Glücks – ich kann mich sehr gut in diese Melancholie fallen lassen. Inzwischen habe ich mir aber so viele Geschichten aus verschiedenen Kulturräumen angeeignet, dass ich heute gar nicht mehr sagen kann, was mein Lieblingsmärchen ist. Es wechselt. Wenn ich viele Märchen aus dem Orient voller Palmen und Wüste erzählt habe, brauche ich bald wieder Wald, Moder und Dunkelheit – und umgekehrt.

Der fliegende Teppich, das Tischlein Deck-dich, sprechende Tiere – welchen Märchenzauber wünschen Sie sich für unsere Welt?

Wenn ich mir etwas für unsere Welt wünschen könnte, dann dass wir Lebewesen besser miteinander kommunizieren könnten. Das würde so viel auf unserer Welt verändern. Vielleicht könnten wir Lebensräume untereinander besser aufteilen und endlich gut koexistieren.

Verraten Sie uns ein Märchen, das zu Tränen rührt?

Ich erzähle gern Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“ als Prosageschichte, wandle das Ende aber ab. Es ist bei Goethe ja so, dass der Meister nach Hause kommt und das, was der Lehrling verbaselt hat, wieder in Ordnung bringt. Aber man kann nur lernen, wenn man Fehler macht. Wenn wir nicht bereit sind, das Risiko einzugehen, lernen wir nichts, denn wir lernen meist nicht aus dem, was ohnehin gut läuft. Der Zauberlehrling ist jemand, der darauf wartet, sich endlich ausprobieren zu dürfen. Er hat so oft gelunscht und sich Dinge abgeguckt – und richtet wirkliches Chaos an. Diese Freiheit, auch Fehler machen zu dürfen, verbieten wir uns. Diese Erkenntnis hat eine Zuhörerin einmal zu Tränen gerührt. Mich persönlich rührt Charles Dickens’ „Weihnachtsgeschichte“ zu Tränen. Da muss ich mich beim Erzählen zusammenreißen.

Ein Märchen, das uns erzittern lässt…

Grusel liegt immer im persönlichen Spektrum. Was in dem einen Grusel auslöst, verwundert den anderen. Richtig gruselig finde ich aber die „Krabat“-Sage in Jurij Brezans Version „Die schwarze Mühle“. Das muss man sich zumuten wollen.

Ein Märchen, das uns lachen lässt…

Es gibt eine ganze reihe von Märchen, über die wir lachen können. Ich bringe immer etwas Lustiges in meine Auftritte ein. Besonders gern mag ich die Geschichte von den zwei Fröschen – ein japanisches Märchen. Zwei Frösche aus zwei Städten, wollen mal was anderes sehen und beschließen, in die jeweils andere Stadt zu wandern. Sie treffen sich auf dem beschwerlichen Weg und kommen zu dem Schluss, dass es besser wäre, zu sehen wie die Stadt, in die sie wollen, aussieht – ob sich der Weg überhaupt lohnt. Rücken an Rücken drücken sie sich in die Höhe. Weil beim Frosch die Augen aber nach hinten sehen, schaut jeder auf seine Heimatstadt und kommt zu dem Schluss, dass sich weite Weg nicht lohnt.

Ein Märchen, das uns etwas lehrt…

Ich glaube, dass wir aus jeder Geschichte, die wir hören, etwas mitnehmen können. Zum Beispiel aus der Geschichte der zwei Frösche, deren Moral eine heitere, süße Note hat: Der erste Eindruck genügt nicht, man muss sich schon selbst hinbegeben und gucken – und sich nicht aus Bequemlichkeit von seinen Zielen abhalten lassen.

Ein Märchen, das wir jetzt unbedingt lesen sollten…

„Die zwölf Monate“ – das Märchen ist in der Weihnachtszeit auch als Zeichentrickfilm im Fernsehen zu sehen. Es geht darum, dass wir Menschen zu unmöglichen Zeiten unmögliche Dinge wollen: Veilchen und Erdbeeren im Winter zum Beispiel. Wir reden so viel von Nachhaltigkeit und doch vergessen viele, dass bei uns jetzt keine Weintrauben mehr wachsen, keine Himbeeren mehr – und greifen in den Supermärkten zu Importen aus Ägypten, aus Peru, also von sehr weit her. Wir haben unsere Gesellschaft verdreht und müssen uns fragen, ob wir uns diesen Lebensstil noch leisten können oder ob das vielleicht unser Untergang ist.

Ein gutes Schlusswort. Also: Und wenn sie nicht gestorben sind...

...dann leben sie noch heute. Das ist die Hoffnung, die bei allem mitschwingt. Ich spreche den Satz jedes mal – und die Kinder sprechen ihn jedes mal mit. Auch die Erwachsenen. Das macht warm ums Herz.

Weihnachtsmärchen im Nomadenladn

Am Samstag, 7. Dezember, heißt es im Nomadenland im Volkspark für Kinder ab 3 Jahre um 14 Uhr „Pippi plündert den Weihnachtsbaum“ nach Astrid Lindgren. Um 15 Uhr ist für Kinder ab 3 Jahre „Eine Weihnachtsgeschichte“ nach Charles Dickens zu hören. Der Eintritt kostet für Kinder 5 Euro, für Erwachsene 6,50 Euro (zuzüglich Parkeintritt).

Am Sonntag, 8. Dezember, 18 Uhr, erzählt Silvia Ladewig für Zuhörer ab 9 Jahre „Die Abenteuer des tapferen Nussknackers“ nach E.T.A. Hoffmann. Eintritt 11 Euro, ermäßigt 8 Euro.

Pippi und die Weihnachtsgeschichte sind auch am 14. und 21. Dezember zu erleben.

Die mongolischen Jurten sind im Remisenpark (Eingang zwischen den Tram-Haltestellen der Linie 96 „Viereckremise“ und „Rote Kaserne“ am Minigolfplatz) zu finden. Reservierung unter 0176/30 00 51 51 und via E-Mail an info@nomadenland.de

Von Nadine Fabian

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