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Potsdam Potsdamer Mietenwahnsinn: 3335 Euro für 43 Quadratmeter
Lokales Potsdam Potsdamer Mietenwahnsinn: 3335 Euro für 43 Quadratmeter
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19:51 13.01.2020
Auch im Holländerviertel versuchen einige Vermieter mit dem Angebot möblierter Wohnungen inzwischen den großen Reibach zu machen. Quelle: Foto: Adobe Stock/ArTo
Potsdam

Schon für den normalen Mieter kann Potsdam der Horror sein. Da reicht ein Blick auf die Website Immobilienscout24. Quadratmeterpreise von 14,50 Euro sind keine Seltenheit. Wenn aber auf der Seite der Maklerfirma „Coming home“ für ein „individuelles Apartment mit Balkon und Tiefgarage“ in der Nähe des Filmparks Babelsberg für 47 Quadratmeter 1350 Euro im Monat Miete verlangt werden, macht das schon einmal hellhörig. Vor allem dann, wenn die Angebote „auf Zeit“ sind.

47 Objekte aller Größen und Lagen wurden auf der Seite bis vor Kurzem noch beworben. „Alles, was Du brauchst“ versprach zum Beispiel auch ein „individuelles Studio mit Loft feeling“ im Holländischen Viertel. Vorgestellt wurden ein „Wohnbereich, ein Schlafbereich und ein Duschbad“, wobei der „Wohnbereich“ aus kaum mehr als ein paar an den Fenstern platzierten, allerdings stilvollen Sesseln nebst Beistelltischchen bestand und den „Schlafbereich“ ein Doppelbett am anderen Raumende bildete. Das alles zusammengepfercht auf 26 Quadratmeter in einem schlauchförmigen Raum für 2390 Euro Kaltmiete.

Wunderschöne Seelage, 15.000 Euro

Wer dagegen eine ganze Villenetage in der Birkenstraße mit insgesamt 190 Quadratmeter verteilt auf fünf Zimmer haben wollte, sollte einem nicht näher genannten Vermieter 6900 Euro im Monat zahlen. Ein „wunderschönes Haus“ am Schwielowsee kostete 15. 000 Euro im Monat. Am teuersten war der „best place in town“ im Holländerviertel. Ein „fantastisches Dachgeschoss mit loft feeling“, ausgestattet mit rustikalem Holztisch und blauem Doppelbett auf insgesamt 43 Quadratmeter Fläche kostete 3335 Euro im Monat. Im Mercure-Hotel käme man günstiger weg. Erwischt man ein gutes Preisangebot, kann man in dem Hotel am Rande der City auch für 2000 Euro einen ganzen Monat lang nächtigen – inklusive Reinigung.

„Coming home“ nahm die Angebote nach einer MAZ-Anfrage zu den hohen Preisen von seiner Seite. Die Geschäftsführerin distanzierte sich in einer Mail selbst von den Preisen. Hätte man von der Preisentwicklung in Potsdam gewusst, hätte man die Angebote erst gar nicht aufgenommen, hieß es. Dass sich die Agentur unter der Flagge „Miete auf Zeit“ in Fahrwassern eines Geschäftsmodells à la Airbnb bewegt habe, weist „Coming home“ von sich. Solche Modelle machten nur die Preise kaputt, indem sie deutsche Gesetze umgingen.

„Praktisch ein Hotel, nur weniger Service“

Nicholas Graebert, Geschäftsführer von „Design Apartments Potsdam“, hat allerdings ebenfalls auf der Webseite „Coming home“ inseriert. Er stellte ein hochpreisiges Zimmer in der Kurfürstenstraße 15 vor. Dieses Apartment bewirbt er auch auf seiner eigenen Homepage. Auf dieser Seite ist aber von „Gästen“ pro Nacht und von „Buchungen“ die Rede. Das Wort „Miete“ findet sich nicht. „Es ist praktisch ein Hotel, nur weniger Service“, sagt Graebert über das Haus. Man könne die Zimmer auch pro Nacht belegen. Dadurch käme der hohe Preis für einen ganzen Monat zustande.

Sogenannter Blauer Raum in der Kurfürstenstraße 15, der von der Firma „Design Apartments Potsdam" als Unterkunft für Geschäftsleute oder Feriengäste vermittelt wird. Quelle: Design Apartments Potsdam

Früher sei das Gebäude tatsächlich ein Hotel gewesen. „Wir haben aber das Wort Hotel herausgenommen“, so Graebert. Es gebe dort zum Beispiel kein Frühstück und keine Bar, stattdessen eine Gelegenheit zum Kochen. Das ganze Haus sei als Gewerbefläche ausgewiesen und gar nicht als Mietwohnung zugelassen. Allerdings bietet Graebert auf seiner Seite ebenfalls Unterkünfte an, die sich durchaus in Häusern mit gewöhnlichen Mietwohnungen befinden, so zum Beispiel in der Geschwister-Scholl-Straße 80. Bei jenem „Design Apartment“ mitten in einem Mietshaus käme man angesichts des Übernachtungspreises auf über 3000 Euro im Monat.

Der Mieterbund ist entsetzt

Der Vorsitzende des Mieterbundes Potsdam, Rainer Radloff, zeigt sich erschreckt. Er vermutet „das bekannte Geschäfts-Modell der Ausstattung einer Wohnung mit Möbeln und der dann überteuerten kurzfristigen, zeitweiligen oder längerfristigen Vermarktung als Unterkunft“. Das erinnert ihn an das Vorgehen von Airbnb, das sich an Touristen und Geschäftsreisende richte. Dadurch werde in Potsdam der Wohnraum noch knapper gemacht. „Hier muss etwas getan werden“, sagt Radloff. Seine Hoffnung richtet sich auf das „Zweckentfremdungsverbotsgesetz“, für das Potsdam noch eine entsprechende Satzung verabschieden müsse.

„Coming home“ jedenfalls bewirbt auf seiner Homepage die Objekte als exklusive, individuelle Wohngelegenheiten mitten in der Stadt für ein kaufkräftiges Publikum. Sogar von einem – wahrscheinlich nur vorgestellten – „Hollywood-Star“ ist die Rede, „der in Babelsberg dreht und incognito wohnen möchte“. Auch die Styling-Tipps im Abschnitt „Möblierungsberatung“ mit der Betonung von „Altbau-Charme“ und „Loft-Feeling“ klingen nicht wie eine scharfe Abgrenzung vom Airbnb-Modell. Eine solche Abgrenzung findet man auch nicht auf der Webseite „Thehomelike.com“.

Zielgruppe sind Geschäftsreisende

Diese sogar weltweit operierende Agentur bietet ebenfalls für viel Geld individuellen Wohnraum auf Zeit an. Auch hier dürften die Zielgruppe vor allem Geschäftsreisende sein. Auch „The homelike“ hat Potsdam als reizvolles Geschäftsfeld entdeckt. Unter anderem zeigt es eine Einzimmer-Unterkunft für 2600 Euro im Monat im „Dutch Quarter“, also Holländerviertel. Es ist dasselbe Angebot, das noch bis vor kurzem bei „Coming home“ vorgestellt wurde.

Lesen Sie auch den Kommentar: Es wird Zeit, die Mieter vor den Touristen zu schützen

Von Rüdiger Braun

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