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Potsdam „Wie soll ich mir das Leben in dieser, meiner Stadt finanzieren?“
Lokales Potsdam „Wie soll ich mir das Leben in dieser, meiner Stadt finanzieren?“
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19:47 11.12.2019
Sänger und Schauspieler Christian Näthe ist in Potsdam geboren, aufgewachsen und geblieben. Über seine Heimatstadt hat er das Lied „Kleines saubres Städtchen“ geschrieben. Quelle: Friedrich Bungert
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Potsdam

Ach mein Potsdam, schon die aufs Papier gebrachten sieben Buchstaben unseres Stadtnamens lösen etwas aus, Euphorie und Beklemmung. So als würde ich nach langer Reise heimkehren, voll von Neugier, Heimweh und unheilvoller Vorahnung, während ich das Ortseingangsschild passiere.

43 Jahre lebe ich nun hier, geboren in Babelsberg, aufgewachsen in Potsdam West. Die etwa einjährige Unterbrechung mit Wohnsitz in Berlin kehre ich mal unter den Teppich – weil ich sie, mehrheitlich in der Bahn oder im Auto sitzend, auf dem Weg nach Potsdam verbracht habe.

Wenn ich mit Freunden die Welt erkundete, die außerhalb dieser Stadt lag, verbrachten wir dort, in der Fremde, ganze Stunden in der geteilten Erinnerung an den Geruch der Havel, an Parkspaziergänge und an wilde Nächte, befeuert von der Musik unserer Subkultur.

Was für eine Stadt! Sie durfte sogar ein bisschen „piefig“ sein. Unaufgeregt, weder Architektur noch Egos kratzten an den Wolken, keine von diesen gestressten Metropolen.

Erstaunlich, wie viele meiner engsten Freundinnen und Freunde tatsächlich hiergeblieben sind oder wieder hierher zurückkehrten. Wir suchten und wir brauchten uns und darüber hinaus etwas, das sich nur hier auf dem Kopfsteinpflaster, in den Hinterhöfen, Kneipen, Gewässern, in der Sprache, im Zusammenwirken der Menschen finden ließ.

Christian Näthe. Quelle: Friedrich Bungert

Nun leben wir in einer boomenden „City“! Wandel und Veränderung gehören zum Leben, auch zum städtischen. Aber es lebt sich weitaus besser, wenn sich das Gefühl einstellt, dass wir den Wandel mitgestalten können. Das Gefühl ist mir persönlich abhandengekommen!

Es weicht eher einer Existenzangst und der Frage: Wie soll ich mir das Leben in dieser, meiner Stadt finanzieren? Wann spuckt mich der besagte Wandel aus?

Potsdam – eine Marke

Der Abriss der Fachhochschule (FH) Am Alten Markt, die Rekonstruktion der dortigen „Guten Stube“ und die wahrscheinlicher werdende Fertigstellung des Garnisonkirchenturms, sind Teil eines sich immer stärker manifestierenden Potsdams – aus dem ich mich ausgestoßen fühle! Denn es blockiert in einer sich verdichtenden und enger werdenden Stadt andere Energien mit finanziell weniger gut aufgestellten Lebensentwürfen. Die geografische Nähe von Rechenzentrum (RZ) und erstarkendem Garnisonkirchenturm legen dafür Zeugnis ab!

Wie zwei Tiere umlauern sich diese Gebilde – das eine ist ein vom Abriss bedrohtes halbes Haus – das andere, ein im Aufbau befindlicher halber Turm. Und während das eine auch dank seiner teils prominenten Fürsprecher immer mehr erstarkt und offensichtlich die Deutungshoheit über Niveau, das kulturelle Erbe und eine sogenannte historische Verantwortung anstrebt – verliert das andere an Vitalität und Raum! Was ist (eine) unsere Stadt? Eine Marke, die fast ausschließlich nach wirtschaftlichen und historisch-ästhetischen Maßstäben betrachtet wird, mit hochpreisigen Immobilien in einer hochpreisigen Kulisse?

Haben die „Realos“ gewonnen?

Ist dieser Wandel nicht nur geduldet, sondern sogar gewünscht? Sind Kultur und Schönheit wieder ein Privileg, das sich eben nicht jeder leisten kann und soll? Haben schlussendlich doch die „Realos“ in der Politik und unseren Köpfen gewonnen, ist unsere soziale Fantasie soweit amputiert, dass sich das „Malen nach Zahlen“ in fast allen Lebensbereichen durchsetzt, auch in unserer Stadt?

Die Aktivisten für einen Erhalt der FH beziehungsweise die FH-Befürworter werden gerne als Minderheit dargestellt – was für die Aktivisten wahrscheinlich traurigerweise auch zutrifft. Aber ich glaube nicht, dass es in Potsdam eine Minderheit ist, die das Wegradieren der letzten funktionalen innerstädtischen Ost-Moderne-Architektur zugunsten einer „schönen alten Welt“ skeptisch betrachtet! Die meisten haben nur schon resigniert und/oder sind zu gefangen im Hamsterrad aus Arbeit und Stress, um sich ihren Lebensstandard hier zu halten, als noch Engagement zu zeigen. Und doch passiert etwas in den Menschen! Im Zusammenspiel mit den nach 30 Jahren Mauerfall fast fertig sortierten Besitzverhältnissen, von denen viele Potsdamer wahrscheinlich eher weniger profitieren, kommt ein „Trotz“ auf! Längst sind die FH und das RZ auch zu Trutzburgen, zu Symbolen geworden gegen diese Entwicklung, die die leisen kritischen Stimmen seiner Eingeborenen nicht mehr hören kann.

Christian Näthe am Alten Markt. Quelle: Friedrich Bungert

Eine gesunde Stadt ist ein Biotop, verdichtete Vielschichtigkeit. Das Flair einer Stadt machen neben der Fassade auch die mannigfaltigen Beziehungen und Netzwerke unterschiedlichster Akteure aus! Dafür braucht es Lücken, Nischen – bezahlbaren Wohnraum und kreative Begegnungsstätten. Das hält unter anderem die viel beschworene und wichtige Stadt und Zivilgesellschaft zusammen!

Meine Fantasie ist noch nicht in Gänze versiegt! Ich kann mir als friedensliebender Barde das Rechenzentrum auch immer noch ganz gut ohne Garnisonkirche vorstellen – und male hier deshalb mal mein persönliches Zukunftsszenario:

Die verschiedenen Befürworter des Wiederaufbaus der Garnisonkirche, darunter Vertreter aus Politik, der Bürgerinitiative Mitteschön, sowie einige prominente Potsdamer gestehen sich ihren Irrtum ein, und finden sich zeitnah zu einer christlichen Zeit auf der Baustelle „Breite Straße 7“ ein, um in völliger Demut den begonnenen Turm Stein für Stein wieder abzutragen. Ich bin mir sicher – hierbei gehen ihnen zahlreiche Potsdamer hilfreich und unentgeltlich zur Hand, ebenfalls in stiller Demut, weil sie den Baubeginn dieser „gotteslästerlichen Bude“(Christoph Dieckmann) nicht verhindert haben!

Die Hälfte des wiederverwertbaren Baumaterials wird für den Bau eines Proberaumhauses in Potsdam zurückgelegt und von der anderen Hälfte errichten wir dann an selbiger Stelle gemeinsam einen wahren Friedenstempel, der allen Menschen und Religionen offen steht und sich selbstredend in seiner Architektur viel kleiner und bescheidener vor dem nun wieder frei atmenden Rechenzentrum verneigt! Eine hiesige Steinmetz-Firma wird beauftragt, eine lebensgroße Statue von John Lennon mit Gitarre davor zu platzieren.

Der AfD den Boden entziehen

Und um den regionalen Bezug nicht zu verlieren, sollte noch eine Stein-Tafel mit den letzten Worten des Romans „Heeresbericht“ von dem in Potsdam seinerzeit lebenden Schriftsteller Edlef Köppen prominent platziert werden. Dessen Protagonist sagt, nachdem er, wie der Autor selbst, die Hölle des Krieges erlebt hat, und nun in einer Nervenstation sitzt, nur noch einen Satz: „Es ist ja immer noch Krieg – leckt mich am Arsch!“

Der AfD wird mit dieser Aktion zumindest im Städtischen Raum ebenfalls der Boden entzogen – weil sich viele Menschen ihrer Stadt nicht mehr so entfremdet fühlen und so erst gar nicht in die Versuchung kommen, den falschen Propheten von „Über-Ich“ und Heimat hinterher zu rennen. Nach der wenig pompösen aber feierlichen Einweihung des Tempels ziehen alle ins RZ, wo wir bei einer Tasse Tee gemeinsam überlegen, wie und wo wir mit genau derselben Energie in Potsdam weiter machen!

Klingt doch eigentlich ganz schön oder?!

Herzlichst – ihr Christian Näthe

Zur Person

Christian Nähte ist 1976 in Potsdam geboren und hier aufgewachsen. Sein Vater war bis 2013 Inselgärtner. Christian Näthe arbeitet als Schauspieler, Sprecher, Sänger und Musiker. In seiner Band „Hasenscheisse“ singt er, textet und spielt Gitarre.

Näthe spielte in zahlreichen Serien, Fernseh- und Kinofilmen mit, unter anderem „Gegen den Wind“ (1993 bis 1995), „Mensch, Pia“ (1995), „Der Baader Meinhof Komplex“ (2007) und „Berlin – Der geteilte Himmel“.

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Von Christian Näthe

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