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Potsdam „Der erste Gang zur Tafel hat mich große Überwindung gekostet“
Lokales Potsdam „Der erste Gang zur Tafel hat mich große Überwindung gekostet“
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11:01 21.12.2019
Astrid Jach (68) ist auf die Tafel Potsdam angewiesen, weil die Rente sonst zum Leben nicht reicht. Quelle: Nadine Fabian
Potsdam

Die Ringe. Soll sie die Ringe fürs Foto nicht besser absetzen? „Die Menschen sind manchmal so ungerecht...“ Astrid Jach sieht auf ihre schlanken, gepflegten Hände. Hebammenhände, das sagt man ihr oft und immer lacht sie, denn in einem Kreißsaal hat sie nie gearbeitet. Astrid Jach (68) ist eine Frau der Zahlen, Formeln und Verträge. Eine Ökonomin, eine Betriebswirtin, Kauffrau. Bestens ausgebildet, doch nach der Wende durchs Raster gerutscht und seit Jahren auf die Tafel angewiesen. Astrid Jach ist bereit zu erzählen, wie das ist, sich immer wieder zu fragen: „Was habe ich falsch gemacht in meinem Leben?“ Ihr Name – gut. Ein Foto? Besser nicht. Die Hände – fein. Sie schiebt sie langsam auf den Tisch. „Ich hab mir die Ringe nicht gekauft. Das sind Erbstücke“, sagt Astrid Jach. Es klingt wie eine Entschuldigung.

Erst kam die Arbeitslosigkeit, dann kam Hartz IV – dann die Tafel

Astrid Jach ist 68 Jahre alt, geschieden, Mutter eines erwachsenen Sohnes. Zu DDR-Zeiten hat sie nach Lehre und Studium beim „Handelsbetrieb Möbel“ gearbeitet und für den Bezirk Potsdam eingekauft, was in die Läden und von dort in die Wohn- und Schlafzimmer und Küchen kam.

Nachdem der Betrieb nach der Wende abgewickelt und sie entlassen wurde, hat sie verschiedene Jobs. Zuletzt leitet sie für mehrere Jahre den Mieterverein. „Das hätte ich gern bis zur Rente gemacht.“ Aber es kam anders: Erst kam die Arbeitslosigkeit in ihr Leben, dann kam Hartz IV und wenig später die Tafel.

„Der erste Gang zur Tafel hat mich große Überwindung gekostet“

Als Astrid Jach das erste Mal zur Tafel geht, würde sie sich am liebsten verstecken. „Es war mir peinlich“, sagt sie. „Ich kam mit Scheuklappen, ich habe nicht nach links und nicht nach rechts geschaut. Der erste Gang zur Tafel hat mich große Mühe und Überwindung gekostet – aber es ging einfach nicht mehr.“

Mit 311 Euro im Monat muss Astrid Jach damals auskommen. Wohngeld gibt’s nicht, weil das Haus, in dem sie lebt, ihr auch gehört. Aber Wasser, Heizung, die Straßenreinigung, die Müllabfuhr, der Schornsteinfeger? Das alles muss auch bezahlt werden. „Ich hab mir Stück für Stück erkämpft“, sagt Astrid Jach. „Ich will nicht, was mir nicht zusteht – aber das, worauf ich Anspruch habe und was ich auch brauche.“

Dass sie so einen Satz überhaupt aussprechen und dahinter stehen kann, hat lange gedauert. „Ich bin in dem Geist erzogen worden, von dem zu leben, was man selbst erarbeitet hat, keine Kredite aufzunehmen, sich nicht auf den Staat zu verlassen. – Ich musste umdenken.“ Fünf Jahre lang streitet Astrid Jach vor Gericht um die Zuschüsse, kassiert Ablehnungen, legt Widersprüche ein und gewinnt. „Diese Bürokratie!“, sagt sie: „Unökonomisch!“

Arm fühlt sie sich nicht

Heute bezieht Astrid Jach Rente: 600 Euro. Sie hat Grundsicherung beantragt und eine Absage bekommen. Nicht nur die Arbeitslosigkeit schlägt sich in ihrem Rentenanspruch nieder. Astrid Jach hat auch verkürzt gearbeitet. Zunächst, um für ihr Kind da zu sein, später um die Großmutter, dann die Mutter zu pflegen. „Ich habe das für meine Familie getan – und ich habe es gern getan“, sagt Astrid Jach. Die Rechnung ist für sie simpel: „Wenn ich nichts eingezahlt habe, kann ich auch nichts rausnehmen.“ Arm fühle sie sich aber nicht. „An der Einkommensgrenze gemessen, bin ich bedürftig, ja. Aber arm? Nein. Wenn ich zum Beispiel an Indien denke, ist Deutschland ein Schlaraffenland.“

Vor kurzem hat sie Altpapier abgegeben – 5 Euro für die Reisekasse

Nach dem Fall der Mauer hat Astrid Jach die ganze Welt erkundet. Das Reisen ist ihre Leidenschaft geblieben. „Jede Reise bildet“ – auf Bildung und Kultur möchte sie nicht verzichten. „Und das muss ich zum Glück auch nicht. Viele Veranstalter gewähren Ermäßigungen, manche sogar freien Eintritt.“ Gerade hat sie in Chemnitz den „Nussknacker“ gesehen, Silvester geht’s nach Leipzig an die Oper. Unvergessen der Besuch im malerischen Seiffen: Astrid Jach tritt gerade aus der berühmten Bergkirche, da beginnt es zu schneien. „Das sind die kleinen Highlights, auf die ich spare“. Vor ein paar Tagen hat sie Altpapier abgegeben – 5 Euro für die Reisekasse.

Not, heißt es, macht erfinderisch. Astrid Jach hat die Not achtsam gemacht – und noch ökonomischer als sie von Hause schon ist. Sie verwertet alles, legt einen Vorrat an. Das, was sie sich von der Tafel holt, reicht eine Woche. „Ich brauche nichts dazu zu kaufen, weil ich aus allem etwas mache“, sagt sie. „Ich freue mich über alles, was ich bekomme.“

Im Supermarkt war Astrid Jach „seit Ewigkeiten“ nicht. Vor ein paar Tagen aber hat sie im Stern-Center vorbei geschaut, weil sie kleine Weihnachtspräsente – „Geschenke gibt es bei mir nicht“ – gesucht hat. Bei der Gelegenheit hat sie die Lebensmittelpreise gesehen. „Man kriegt einen Schreck, was das alles kostet. Ich bin der Tafel so dankbar.“

Jetzt kommt der Endspurt!

Die MAZ sammeltbei ihrer Weihnachtsaktion „Stern­taler“ Spenden für die Tafel Potsdam, die Bedürftige mit Lebensmitteln unterstützt und dringend einen neuen Kühlwagen braucht.

Unser Dankeschön geht heute an: Ilse Woelfel 50 Euro, Gerd Leukefeld 100 Euro, Renate Krebs 100 Euro, Margarete Petschack 100 Euro, Uwe und Ines Fischer 100 Euro, Gerlinde Kuhlmann 30 Euro, Ulf und Christine Sauerwald 50 Euro, Manfred und Ingrid Richter 100 Euro, Marcus und Annalena Schmidt 100 Euro, Marga und Merle Taylor 100 Euro, Karin und Lothar Hoelzer 50 Euro, Horst Domsch 50 Euro, Dagmar Jahns 30 Euro, Silka Nagel 30 Euro, Beate Hergst 50 Euro. Und einem Spender, der seinen Namen nicht veröffentlicht wissen möchte, danken wir für 50 Euro.

Unser Spendenstandbeträgt 9943,55 Euro. Jetzt kommt der Endspurt! Jeder Cent zählt – bitte spenden Sie!

Das Spendenkonto: 

Tafel Potsdam e.V.

MBS Potsdam

IBAN: DE93 1605 0000 3502 0266 44

BIC: WELADEB1PMB,

Verwendungszweck: MAZ-Sterntaler

Spendenquittungen erhalten Sie, sofern Sie Ihren Namen und Ihre Anschrift bei der Überweisung angeben.

Von Nadine Fabian

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