Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Ilse Badtke feiert 101. Geburtstag
Lokales Potsdam Ilse Badtke feiert 101. Geburtstag
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:36 18.03.2019
Ilse Badtke lebt im Pflegewohnstift Waldstadt. Geboren ist sie in Muddel, im heutigen nördlichen Polen.
Ilse Badtke lebt im Pflegewohnstift Waldstadt. Geboren ist sie in Muddel, im heutigen nördlichen Polen. Quelle: Foto: Bernd Gartenschläger
Anzeige
Waldstadt

Es herrschte noch Krieg in Europa, als Ilse Badtke geboren wurde. Der erste Weltkrieg. Am Sonntag feierte sie bei ihrer Tochter in Hamburg ihren 101. Geburtstag. Gestern empfing sie nachträgliche Gratulanten in Potsdam.

„Es wird dunkel draußen“, sagt sie und schaut aus dem Fenster ihres Zimmers. Die zierliche Frau wirkt körperlich und geistig sehr agil. Sie lebt im Pflegewohnstift Waldstadt, hat einen schönen Blick auf die Umgebung aus dem zweiten Stock. Bilder ihrer Brüder in jungen Jahren hängen an der Wand.

Ilse Badtke vor ihrem Geburtstagskuchen. Quelle: Bernd Gartenschläger

Geboren wurde sie als viertes von sieben Kindern in Muddel, im damaligen Kreis Stolp, heute nördliches Polen. Mit ihrer Mutter und den sechs Geschwistern floh sie nach dem zweiten Weltkrieg von Pommern nach Wismar. Zu Fuß überquerten sie die Oder. „Das war eine schwierige Situation damals“, sagt Badtke.

In Schwerin angekommen, kamen sie bei ihrer ältesten Schwester unter. „Sie war ein Anker für uns alle“, sagt Ilse Badtke. „Dort haben wir uns alle gesammelt.“ Auch der Vater kam dorthin nach.

Innerdeutsche Grenze trennte die Familie

Badtke war damals, 1945, schon dreifache Mutter. Knapp fünf Jahre später wurde sie erneut stark gefordert. Ihre Eltern flohen in den Westen. Ihre Enkelin, Badtkes Tochter Ingrid, nahmen sie mit. „Sie gingen mit dem Ziel, uns alle nachzuholen“, erzählt die Rentnerin.

Doch die politische Entwicklung mitten im geteilten Europa verhinderte diese Pläne. Die Konfrontation zwischen den beiden deutschen Staaten wurde immer größer, das Reisen über die innerdeutsche Grenze hinweg immer schwieriger. Keinem weiteren Familienmitglied gelang es, den Eltern nachzureisen.

Jahre lang sah sie ihre Tochter nicht

Erst viele Jahre später konnte Ilse Badtke ihre Eltern und ihre Tochter besuchen. Ihre Tochter war sieben Jahre alt, als sie sie das letzte Mal sah. Nun war aus dem Mädchen eine junge Frau geworden, die gerade ihre Ausbildung bei der Post abgeschlossen hatte.

Fiel es ihrer Mutter nicht schwer, einen so großen Teil ihrer Entwicklung nicht mitzuerleben? „Nein, ich wusste, dass Ingrid sehr an meinem Vater hing“, antwortet Badtke. „Außerdem musste ich noch meine andere Tochter und meinen Sohn versorgen.“

Von der Gärtnerin zur Lehrerin

Sie war alleinerziehend. Von ihrem Mann, den sie in Pommern geheiratet hatte, hatte sie sich Anfang der 1940er Jahre scheiden lassen. Man hatte sich auseinandergelebt, sagt sie. Ende der 1930er Jahre machte sie eine Ausbildung zur Gärtnerin in Borkheide bei Brück. In diesem Beruf arbeitete sie aber nur kurz.

Nach dem Krieg lernte sie in Schwerin den Lehrerberuf. Wenig später konnte sie ihre erste Stelle antreten. So kam sie nach Babelsberg. Dort unterrichtete sie an der Berufsschule in der Wichgrafstraße. Bis zu ihrer Rente. Heute ist sie Großmutter von vier Enkeln, hat fünf Urenkel und zwei Ururenkel.

„So alt bin ich? Wer hätte das gedacht?“

Ilse Badtke sitzt auf ihrem Bett, verschränkt die Arme vor der Brust. Immer wieder schaut sie aus dem Fenster. Überlegt. Fragt: „Wann bin ich geboren?“ Um zurückzurechnen, wann welches Ereignis in ihrem Leben stattfand. Schließlich sagt sie: „So alt bin ich? Wer hätte das gedacht?“.

Von Annika Jensen