Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Omas gegen Rechts: Initiative setzt sich für ein Potsdam ohne Rassismus ein
Lokales Potsdam Omas gegen Rechts: Initiative setzt sich für ein Potsdam ohne Rassismus ein
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
01:16 10.03.2019
Omas gegen Rechts. In Potsdam machen (v.l.) Almut Heilmann, Heike, Katrin Kowalski, Hildegard Rugenstein und Ursula Löbel den Anfang. Quelle: Varvara Smirnova
Anzeige
Potsdam

Stricken, backen, Halma spielen – von wegen! Auch in Potsdam drängen jetzt die Omas auf die Straße und machen sich stark für Toleranz, für Menschlichkeit und Demokratie – dafür, dass ihre Enkel in einer toleranten, freien Gesellschaft groß werden. Am Mittwochabend hat sich nach österreichischem Vorbild das Aktionsbündnis „Omas gegen Rechts“ in der Landeshauptstadt gegründet. „Bei uns ist zwar kein Herr Kurz gewählt worden“, sagt Hildegard Rugenstein: „Aber Potsdam braucht uns jetzt. Wir sind eine politische Kraft, wir tragen Verantwortung und wir nehmen diese Verantwortung an.“

„Ich mache mir Sorgen, ob unser Potsdam so bleibt, wie wir es kennen“

Die Pastorin der Französisch-Reformierten Gemeinde (60 Jahre alt, vier Enkelkinder) hat mit Blick auf die Kommunal- und die Landtagswahl gemeinsam mit der Grundschullehrerin Katrin Kowalski (49, zwei Enkel) die Initiative ergriffen und zum ersten Oma-Treffen gebeten. „Ich mache mir Sorgen, ob unser Potsdam so bleibt, wie wir es kennen“, sagt Hildegard Rugen­stein. Mit „unser Potsdam“ meint sie eine Stadt, in der sich Einwohner quer durch alle Altersgruppen Rechtsextremisten verlässlich in den Weg stellen. „Eine Stadt, in der das Kräfteverhältnis zehn zu eins ist für ein friedliches Miteinander.“

Anzeige

„Ich spüre einen deutlichen Ruck nach rechts in der Stadt“

Dass diese Sorge „nicht unberechtigt“ ist, bestätigt Ursula Löbel, im Rathaus die Leiterin der Servicestelle Tolerantes und Sicheres Potsdam (Tosip). „Ich spüre einen deutlichen Ruck nach rechts in der Stadt“, sagt Ursula Löbel, die auch das Bündnis „Potsdam bekennt Farbe“ koordiniert. Am Bündnis habe man jüngst gesehen, wie sich die Gesellschaft immer weiter spaltet: Weil sich das vor 17 Jahren eigens gegen Rechts gegründete Bündnis nicht gegen jegliche Art von Extremismus – also auch nicht gegen Linksextremismus – bekennt, wollte die CDU dessen neue Leitlinien nicht mittragen und stellte zudem die Finanzierung in Frage. „Es besteht durch diesen Vorstoß der CDU zwar keine Gefahr für das Bündnis“, sagt Ursula Löbel. „Aber genau so beginnt es: mit Sticheleien.“

Sie sei einerseits als Bündnis-Botschafterin zu den Omas gekommen, sagt Ursula Löbel: „Um den Kontakt zur neuen Initiative herzustellen, denn wir können und sollten uns gegenseitig unterstützen.“ Zum anderen sei sie (61, eine Enkeltochter) als Oma da: „Ich war auch mal jung und ein bissel rasanter unterwegs. Wenn’s bei Demos mal schwierig wird, können wir Omas mit unserer Erfahrung Ruhe in die Situation bringen.“

Kein harmloses Kaffeekränzchen

Demonstrationen, Protestaktionen, ziviler Ungehorsam: Dass sie kein harmloses Kaffeekränzchen sind, sondern in die politische Debatte eingreifen und auf der Straße protestieren wollen, ist erklärtes Ziel der Omas gegen Rechts. Sie verstehen sich als überparteiliche Initiative – und sind auch offen für Omas ohne Enkel, für Opas, Tanten, Patenonkel... „Für alle, die wie wir wissen, dass rechts nicht gut ist“, sagt Hildegard Rugenstein.

Almut Heilmann (58, neun Enkel) ist anderthalb Jahrzehnte nach dem Krieg geboren, aber Trümmer und körperlich wie auch seelisch Versehrte haben ihre Kindheit bestimmt. „Mein Vater ist im Nationalsozialismus aufgewachsen“, sagt die Sozialpädagogin. „Seine Erzählungen gehen mir noch heute so nah – es ist nötig, dass wir uns immer wieder daran erinnern, wohin Rassismus und Hetze führen können. Es ist nötig, dass wir die Dinge klar benennen. Wir können das aus unserer eigenen Familiengeschichte, aus den Erlebnissen unsere Eltern und Großeltern noch weitergeben. Wehret den Anfängen!“

Gemeinsam für Menschenrechte und Demokratie

Omas gegen Rechts ist eine zivilgesellschaftliche Plattform, die im November 2017 in Österreich auf Facebook gegründet wurde und dort inzwischen als Verein firmiert. Mittlerweile haben sich auch in Deutschland Omas zusammengetan – bereits in 45 Städten sind Oma-Regionalgruppen aktiv.

In Potsdam suchen die Omas noch Mitstreiterinnen. Wer sich engagieren möchte, schreibt eine E-Mail an omasgegenrechtspotsdam@web.de oder fragt im Eine-Welt-Aktionsladen in der Gutenbergstraße 77 nach.

Das nächste Oma-Treffen findet am Mittwoch, 10. April, um 16 Uhr im Eine-Welt-Laden statt. Eine Anmeldung erleichtert die Vorbereitungen, muss aber nicht unbedingt sein. nf

Von Nadine Fabian