Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Potsdam Corona-Lage in Potsdam: Amtsärztin Kristina Böhm hält kurzen und harten Lockdown für sinnvoll
Lokales Potsdam

Potsdams Amtsärztin: Ohne Lockdown kein schnelles Ende der 4. Corona-Welle

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:19 19.11.2021
Für die Potsdamer Amtsärztin Kristina Böhm ist die aktuelle Corona-Lage noch lange nicht vorbei.
Für die Potsdamer Amtsärztin Kristina Böhm ist die aktuelle Corona-Lage noch lange nicht vorbei. Quelle: Julius Frick
Anzeige
Potsdam

Die Corona-Lage in Potsdam verschärft sich derzeit zusehends. Die täglichen Fallzahlen sind auf Rekordniveau und die Sieben-Tage-Inzidenz hat in den vergangenen Tagen immer wieder einen neuen Höchstwert erreicht. In der Stadtverwaltung und beim Gesundheitsministerium schaut man mit Sorge auf die derzeitige Entwicklung der Corona Lage in Potsdam. Im MAZ-Interview hat Kristina Böhm, Chefin der Potsdamer Gesundheitsamtes, mahnende Worte gefunden.

Hier eine Auswahl der wichtigsten Aussagen im Überblick. Kristina Böhm, Chefin der Potsdamer Gesundheitsamtes, über…

…die aktuelle Corona-Lage in Potsdam

Die Pandemie ist noch lange nicht vorbei, das dicke Ende kommt noch, schätzt Böhm die Lage ein. In den kommenden Wochen sei kaum mit einer Entspannung zu rechnen: „Die Kurve ist einfach viel zu steil, als dass man annehmen könnte, dass es in ein, zwei Wochen eine Umkehr gibt“.

…einen Ausweg aus der Krise

Die kommenden Wochen werden hart, prognostiziert die Amtsärztin. „Eine harte Umkehr würden wir nur erreichen, wenn wir den Mobilitätsfaktor einschränken“. Böhm spricht sich dafür aus, dass es „für eine kurze Zeit eine harte Einschränkung unserer Mobilität“ gibt. Eine Einschätzung, die sie mit vielen Experten teilt. „Wenn wir uns nicht einschränken, werden wir die Weiterverbreitung des Virus nicht unterbinden“, mahnt sie. Auf rein lokaler Ebene in Potsdam mit den vielen Pendler und 25 Prozent auswärtigen Schülern sei dies jedoch sinnlos.

…das nächste Corona-Weihnachten

Uns droht ein erneutes Corona-Weihnachten. Quelle: Robert Michael/dpa

Ausgeh- und Reisebeschränkungen wie es sie im vergangenen Jahr gab, wird es nach Ansicht von Böhm in diesem Jahr nicht geben – auch nicht zu den Weihnachtstagen. Um die Coronakrise zu meistern, sei es aber notwendig, dass sich jeder den Ernst der Lage bewusst mache. Und dann werden diejenigen „die sich und ihre Lieben schützen wollen, vermutlich zurückziehen. Und dann wird es tatsächlich ein sehr einsames Weihnachten“, sagt sie. Es brauche zurzeit „nicht viel Fantasie, um zu wissen, dass Weihnachten auch in diesem Jahr für viele kein schönes Fest werden wird.“

…über einen möglichen Lockdown

Kristina Böhm schließt sich der Meinung vieler Epidemiologen an, die kurzen, aber harten Lockdown fordern. „Für sieben bis zehn Tage“ müsse man dicht machen. Nur mit diesem Schritt sei die vierte Corona-Welle zu brechen. Impfungen und Corona-Tests sind gut, aber es komme jetzt auf Geschwindigkeit an und da sei ein kurzer, harter Lockdown das beste Mittel, so die Einschätzung Böhms.

Lesen Sie hier: Kristina Böhm über die befürchtete Verdreifachung der Corona-Patienten, den drastischen Anstieg der heftigen Krankheitsverläufe in den kommenden Wochen und einen Anstieg der Todesfälle.

Ein kurzer, aber harter Lockdown könnte die 4. Corona-Welle momentan viel schneller und effektiver brechen als es die derzeitige Impf-Situation hergibt. Quelle: Jens Büttner

…die momentane Situation im Gesundheitsamt

Die aktuell heftige vierte Corona-Welle wurde trotz Warnungen seitens des Gesundheitsamtes unterschätzt, so Böhm. Insgesamt habe „sich eine gewisse Entspanntheit und vermeintliche Normalität eingeschlichen“. Beim Gesundheitsamt sei während des Sommers die Corona-Arbeit zwar nicht eingestellt worden, aber man habe wieder andere Aufgaben in den Fokus genommen und sich auf ein kleines Corona-Kernteam beschränkt. Als die Zahlen im Sommer und dann heftig im Herbst nach oben schnellten, fehlte Personal. Das werde nun neu rekrutiert, auch die Bundeswehr hilft aus.

…über die Kontaktnachverfolgung

Die Kontaktnachverfolgung in Potsdam ist aktuell nicht vollumfänglich zu schaffen, räumt Böhm ein. Derzeit gebe es „eine deutliche Zeitverzögerung bei der Nachverfolgung“. Momentan lege man den Fokus „explizit auf die Gemeinschaftsunterkünfte wie Schulen, Kitas und Horte“ sowie die Pflegeeinrichtungen, wo das Risiko schwerer Verläufe deutlich höher sei.

...über den Schutz von Kindern

Für Potsdams Amtsärztin wäre eine Maskenpflicht in Hort und Grundschule durchaus denkbar. Quelle: Patrick Pleul

Kristina Böhm ist wenig zuversichtlich, dass das Virus aus den Kitas und Schulen herausgehalten werden kann: „Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Virus unter Kindern durchsetzt, ist sehr wahrscheinlich“, mahnt sie. Wenn das Virus erstmal in den Grundschulen drin sei, „dann verbreitet sich das [Virus] relativ schnell über alle Klassenstufen“. Einen echten Schutz davor gibt es ihrer Meinung nach nicht; Maskenpflicht in Hort und Grundschule wären denkbar. Sie spricht sich zwar nicht dafür aus, Sozialkontakte einzufrieren, appelliert aber an die Erwachsenen, Vorsicht walten zu lassen. Bei Zusammenkünften von Großeltern und Enkeln sollte die ältere Generation nicht nur geimpft, sondern die Kinder auch vor dem Treffen auf das Virus getestet worden sein.

…ihre persönliche Situation

Für Kristina Böhm ist die derzeitige Lage persönlich der schlimmste Moment“. Trotz aller Arbeitskraft, die sie und ihre Mitarbeiter im Gesundheitsamt investiert hätten, sei die Lage derart außer Kontrolle geraten. Die Motivation falle momentan schwer, eine Art Hilflosigkeit breite sich aus. Darüber hinaus wird die Ärztin selbst auch massiv angefeindet, bedroht und schlecht gemacht.

Lesen Sie hier: Kristina Böhm darüber, wie sich die Anfeindungen auf ihren Umgang im privaten, wie auch im beruflichen Umfeld ausgewirkt und wie sie ihr persönliches Verhalten bereits umgestellt hat.

Amtsärztin Kristina Böhm berichtete im MAZ-Interview auch von persönlichen Anfeindungen. Quelle: Julius Frick

„Potsdam ganz nah“ erleben – zweimal wöchentlich

Alle News für die Landeshauptstadt schon morgens in Ihrem E-Mail-Postfach – jeden Dienstag und Freitag. Jetzt anmelden!

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

In dem Gespräch mit Anna Sprockhoff, stellvertretende Chefredakteurin der MAZ, berichtet Kristina Böhm zudem, dass diese 4. Welle in ihrer Heftigkeit vielleicht zu verhindern gewesen wäre. Es habe bei der Rekapitulation der ersten Corona-Phase einige Versäumnisse gegeben und es wurden, nach ihrer Meinung, Fehlentscheidungen getroffen. Fehler sieht sie durchaus bei sich selbst. Darüber hinaus sei die Impfkampagne momentan keine Erfolgsgeschichte in Brandenburg. Ihrem Urteil zufolge sei die Lage in Potsdam durch die mobilen Impf-Angebote sogar noch relativ gut, im Umland hat sie diesbezüglich jedoch schwere Versäumnisse ausgemacht.

„Es werden Menschen sterben – und zwar einsam“

MAZ-INTERVIEW: Nie gab es in Potsdam so viele Corona-Fälle wie in dieser vierten Welle. Im Interview spricht die Leiterin des Gesundheitsamtes Kristina Böhm über verpasste Chancen in der Pandemie, einen weiteren Lockdown und den Alltag mit Hassmails und Bedrohungen.

Weitere Themen im Interview sind die 2G-plus-Regel im Kultur- und Gastronomiebereich, ihre Hoffnung für das kommende Jahr und sie hat eine Bitte an die Potsdamer und Potsdamerinnen.

Von MAZonline/ off