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Potsdam Potsdams Ex-Oberbürgermeister wird Talk-Gastgeber
Lokales Potsdam Potsdams Ex-Oberbürgermeister wird Talk-Gastgeber
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06:16 07.08.2019
Ex-Oberbürgermeister Jann Jakobs (links) und Heinz Kleger, emeritierter Professor für Politologie an der Universität Potsdam. Quelle: Bernd Gartenschläger
Berliner Vorstadt

Potsdams ehemaliger Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) und der emeritierte Universitätsprofessor für Politologie, Heinz Kleger, werden am Donnerstag als Moderatoren im Hans-Otto-Theater eine neue Talk-Reihe aus der Taufe heben. Was die Beweggründe dafür sind, erzählen sie im MAZ-Gespräch.

Herr Jakobs, Herr Kleger: Das Thema Ihres Talks lautet: „Wunderbarer Osten?! Der Ost-Ost-Dialog“. 30 Jahre nach dem Mauerfall – müssen wir darüber noch sprechen?

Jakobs: Ja, auf alle Fälle. 30 Jahre sind eine lange und interessante Entwicklungszeit und seit 1989 hat sich viel verändert. Darüber ins Gespräch zu kommen, ist sehr wichtig. Und mindestens genauso wichtig ist, dass man das nicht nur offiziellen politischen Verlautbarungen oder dem Feuilleton überlässt, sondern Menschen zu Wort kommen lässt. Hier geht es primär darum, Biografien öffentlich zu machen, die Menschen mit subjektiven Erfahrungen zu konfrontieren. Das soll auch Anregung sein, im anderen Rahmen ein solches Gespräch zu führen.

Trotzdem zielt es ja auch ein bisschen darauf ab, eine Unterscheidung zu machen zwischen Ost und West, wenn man Ost jetzt so sehr betont. Ist das noch so sehr ein Thema?

Kleger: Das steht eben nicht im Vordergrund, sondern der Osten und seine Geschichten – da geht es nicht um den Vergleich mit dem Westen, sondern eher um den Austausch als Ostdeutsche. Das ist das Interessante. Einige waren nach der Wende sehr erfolgreich; andere sind sehr enttäuscht. Zu diesem Gespräch untereinander wollen wir einladen: zwischen den Milieus, aber auch den Generationen. Das wollen wir in einen Gesprächsfluss bringen, der immer wieder blockiert war, gerade unter Ostdeutschen. Wir wollen auch ein aktuelles Thema hinterfragen: Der Osten sei rechts; der Osten „steht auf“, wie Rechtsintellektuelle aus dem Westen plakatieren. Das sind Menschen, die den Osten instrumentalisieren, gerade den ’89er-Osten mit „Wir sind das Volk“; die diese Begriffe wie „Volk“ wieder offensiv auf eigene Weise ins Spiel bringen. Das ist nicht der Osten. Wir wollen, dass sich der Osten hier selber erzählt.

Sie glauben also, dass die Ostdeutschen nicht selber geschafft haben, miteinander zu kommunizieren?

Kleger: Zu wenig, was auch damit zusammenhängt, dass immer der Westen die Maßstäbe definiert hat. Es gibt sehr interessante Selbstreflexionen, die müssen weitergeführt werden – auch in der Breite.

Herr Jakobs, als gebürtiger Ostfriese haben Sie zumindest partiell den Osten in Ihrer Herkunft...

Jakobs (lacht): ... und Herr Kleger ist Ostschweizer.

Aber ernsthaft: Müssen Sie als „Westler“ den Ostdeutschen 30 Jahre nach der Wende beibringen, wie man untereinander kommuniziert?

Kleger: Nein, wir wollen da gar nichts beibringen. Aber wir haben in den letzten Jahrzehnten natürlich mitbekommen, wie vorurteilsbeladen über den Osten gesprochen worden ist. Und wie sehr der Westen definiert hat, was der Osten sein oder werden soll. Wir haben das auch in den eigenen Familien mitbekommen. Meine Frau ist Ostdeutsche – was die sich alles anhören musste, hätte ich nicht ertragen.

Jakobs: Ich glaube, wir sind hinlänglich neugierig, um dieses Thema ein Stück weit zu forcieren. Und ein Moderator ist ja eher einer, der gewissermaßen das Feld bereitet.

Ossi – Wessi: Haben Sie sich manchmal als „Wessi“ gefühlt hier?

Kleger: Nee. Ich habe eher diese beiden Klischees gesehen, und Verhaltensweisen, die zu diesen Klischees geführt haben – eher bei den Wessis. Ich habe das arrogante Verhalten von Leuten gesehen, die ein Land „übernehmen“ oder eine Hochschule „übernehmen“. Das war bis 1995/97. Heute ist es wieder etwas anderes. Heute diskutieren die Ostdeutschen untereinander die Erfahrung mit der Nachwendezeit. Man muss heute auch betonen, was alles geleistet worden ist – unter anderem gegen Rechts, oder an stabiler Verfassungsstruktur, wie viele Leute auch durch die Demokratie integriert worden sind – auch vormals kritische Leute von weit links durch die neue Demokratie.

Herr Jakobs, haben Sie sich je als „Wessi“ gefühlt?

Jakobs: Ich habe hier 1993 als Jugendamtsleiter angefangen und wurde auch systematisch in die Wessi-Rolle gedrängt. Ich kann mich an sehr unpopuläre Entscheidungen erinnern, die ich damals treffen musste: Schließung von Kindertagesstätten; Entlassung von Erzieherinnen und Erziehern. Da ist mir das sehr häufig begegnet – übrigens auch von Ihren Kolleginnen und Kollegen –, die mir dann das Mikro unter die Nase gehalten und gefragt haben: Wie fühlt man sich denn so als Wessi, wenn man die Ossis entlassen muss? Damit muss man sich auseinandersetzen. Eines war mir immer wichtig: Dass man das nicht persönlich nimmt.

Unter welchen Gesichtspunkten ist die Auswahl Ihrer Gäste erfolgt?

Jakobs: Wir haben uns gedacht, dass es gerade zu Anfang wichtig ist, Gäste einzuladen, die unterschiedliche Erfahrungen haben. Deshalb haben wir zwei Vertreter auf dem Podium, die im Osten verblieben sind und hier ihre Erfahrungen gemacht haben: der ehemalige Rektor der Filmhochschule, Dieter Wiedemann, und der Druckerei-Unternehmer Christian Rüss. Und zwei, die zwischenzeitlich im Westen waren, sich dort beruflich weiterentwickelt haben und dann wieder zurückgekommen sind: Theaterintendantin Bettina Jahnke und HPI-Direktor Christoph Meinel. Gerade zu Beginn kommt es auch darauf an, dass das Menschen sind, die in der Lage sind, ihre Gedanken zu formulieren.

Ihre Gäste sind gut etabliert. Die Frau, die nach der Wende in die Arbeitslosigkeit gefallen ist, kommt bei Ihrem Talk nicht zur Wort.

Jakobs: Das ist klar, aber das ist auch eher der Auftakt einer Reihe. Das ist schon so angelegt, dass wir es breiter aufstellen und auf alle Fälle fortsetzen wollen. Vorerst findet noch eine zweite Veranstaltung in Oranienburg statt; mit anders besetztem Podium.

Jann Jakobs (rechts) und Heinz Kleger in der Redaktion der Märkischen Allgemeinen Zeitung. Quelle: Bernd Gartenschläger

In Oranienburg wird auch der ehemalige SED-Spitzenfunktionär Heinz Vietze zu den Gästen zählen. Könnten Menschen, die damals unter dem System gelitten haben, das nicht in den falschen Hals kriegen?

Jakobs: Ich finde, das gehört zur Realität in Ostdeutschland, dass man auch solche Menschen zu Wort kommen lässt. Das ist auch hochspannend, die zu befragen, wie sie die Zeit erlebt haben. Und da ist keiner dabei auf diesem Podium, der sagt: Oh Gott, wenn Herr Vietze kommt, dann komme ich nicht.

Könnten Sie sich vorstellen, jemand von der AfD aufs Podium zu holen?

Jakobs: Wir haben ganz bewusst keine Leute ausgesucht, die Mitglied einer bestimmten Partei sind, sondern Lebenserfahrung haben. Es ist gar nicht ausgeschlossen, dass wir auch irgendwann mal jemanden dabei haben, der AfD-Wähler ist. Aber eines ist auch klar: Wir geben bei diesen Veranstaltungen das Setting vor und es ist keine Krakeel-Veranstaltung, wo man Parolen loswerden kann.

Debatte zur Neuauflage des Potsdamer Toleranzedikts: In der Brandenburger Straße wurde im Mai 2008 die erste Tafel aufgestellt, auf der die Potsdamer ihre Toleranz-Gedanken ausdrücken sollten. Jann Jakobs war einer der ersten, die mitmachten. Quelle: Christel Köster

Die Veranstaltung wird vom Verein Neues Potsdamer Toleranzedikt getragen. Vermissen Sie manchmal die Toleranz bei Potsdamer Debatten?

Jakobs: Ich finde nicht, dass die Toleranz in dieser Stadt zu kurz kommt. Wir haben zu wichtigen stadtpolitischen Themen immer sehr kontroverse Diskussionen in der Stadt. Das ist für jemanden, der praktische Politik treibt, manchmal enervierend. Aber auf der anderen Seite trägt es dazu bei, dass Sachverhalte geklärt werden. Man kann nicht immer Zustimmung erwarten für eine bestimmte Meinungsäußerung. Das gehört auch mit dazu: Zu lernen, dass ein anderer durchaus ganz anderer Auffassung sein kann. Das ist das Wesen der Demokratie und der freien Meinungsäußerung; das muss ich dann ein Stück weit auch aushalten.

Die Kontroverse haben Sie ja oft erlebt, Herr Jakobs. Ein Thema, das auch eine Ost-West-Sicht widergespiegelt hat, war der von Ihnen ins Spiel gebrachte Abriss des Mercure-Hotels. Bereuen Sie das heute?

Jakobs: Nein. Weil das am Ende dazu beigetragen hat, dass man bestimmte Sachverhalte klären konnte. Ich finde nach wie vor, dass das Ding scheußlich aussieht, aber ich habe politisch nichts mehr zu sagen. Mir ist auch im Laufe der Diskussion klar geworden, dass die Zeit dafür noch nicht reif ist, aber irgendwann wird sie dafür reif sein.

Kleger: Ich bin für das Mercure, aber mit neuem, originellem Dach. Es gibt ja Entwürfe von der Fachhochschule. Ich bin dafür, dass es stehen bleibt; ich möchte keine Wiese des Volkes. Ich bin für Kontraste, die Aufmerksamkeit erregen und etwas in Gang bringen beim Zuschauer.

Jann Jakobs (links) und Heinz Kleger im Interview. Quelle: Bernd Gartenschläger

Die Garnisonkirche ist auch ein Thema, das Potsdam tief spaltet. Sind Sie dafür, dass das Kirchenschiff – so es denn entsteht – in moderner Form gebaut wird?

Kleger: Für mich muss es kein Kirchenschiff geben.

Jakobs: Ich würde mir wünschen, dass noch einmal intensiv darüber diskutiert wird. Ich kann mir auch was ganz anderes vorstellen als ein historisches Kirchenschiff – etwa dass man dort Möglichkeiten findet, Künstler unterzubringen, oder ähnliche Dinge mehr. Das kann auch in einer anderen als in einer historischen Architektur stattfinden.

Nun hat Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) den Sitz der Stadt im Kuratorium bewusst nicht wahrgenommen, ehe sich nicht die Stadt-Fraktionen zur Zukunft des Projektes verständigt haben. Können Sie diesen Verzicht nachvollziehen, Herr Jakobs?

J
akobs: Das ist Herrn Schuberts Entscheidung. Aber der Sitz wird nicht wahrgenommen und das ist natürlich bedauerlich, weil man sich damit auch bestimmter direkter Einflussmöglichkeiten beraubt.

Angenommen, die Stadtverordneten würden beschließen, dass auch jemand anderer als der OB entsendet werden kann – könnten Sie sich vorstellen, diesen Sitz einzunehmen?

Jakobs: Nein, das würde ich ablehnen, weil ich es wichtig finde, dass sich die politisch handelnden Akteure berufen sehen, im Kuratorium eine Funktion wahrzunehmen – nicht jemand von außen.

Glauben Sie, es braucht so etwas wie eine Versöhnung? Beispiel: Plattners Angebot, aus dem Minsk ein Museum für DDR-Kunst zu machen. Das schien wie eine Handreichung mit den Ur-Potsdamern.

Jakobs: Plattners Entscheidung für das Minsk war eine sehr weise Entscheidung. Zum einen ging es um das Beibehalten des Gebäudes; auf der anderen Seite darum, eine sinnvolle inhaltliche Funktion zu finden. So korrespondiert das Ganze. So etwas ist für den Konsens in der Stadt eine ganz wichtige Voraussetzung.

Kleger: Ich fand das eine sehr gelungene Geste; zumal er sie mit dem Satz verbunden hat, er wolle den Ostdeutschen etwas zurückgeben.

Jakobs: Das Beispiel Plattner ist eine einzigartige Ausgangssituation. Aber auch in großen politischen Zusammenhängen betrachtet, sollte es – angesichts des strukturellen Unterschieds zwischen Ost und West – in so einer reichen Volkswirtschaft möglich sein, richtige Investitionsimpulse zu setzen im Osten.

Zurück zu Ihrem Talk: Als Moderatoren betreten Sie beide Neuland. Haben Sie Nachhilfestunden bei Herrn Jauch genommen?

Kleger (lacht): Nein, wir scheitern selber.

Jakobs: Wenn man Oberbürgermeister war, dann hatte man viele Runden mit unterschiedlichsten Interessen zu moderieren, sodass man die Grundfähigkeit des Zuhörens haben muss. Ob ich die jetzt mitbringe für so ein Veranstaltungsformat, das werden wir sehen. Wir sind jedenfalls beide schon ganz neugierig.

Gäste aus verschiedenen Sparten

Der Talk findet am 8. August, 19-21 Uhr, im Hans-Otto-Theater (Reithalle) statt. Die Gäste: Bettina Jahnke, Intendantin Hans-Otto-Theater; Christoph Meinel, Direktor des Hasso-Plattner-Instituts; Dieter Wiedemann, ehemaliger Rektor der Hochschule für Film und Fernsehen; Christian Rüss, Druckerei-Unternehmer. Der Eintritt ist frei; Anmeldung erbeten über kontakt@potsdamer-toleranzedikt.de.

 

In Oranienburg ist der Talk am 15. August, 19-21 Uhr, im Oranienwerk. Unter den Gästen: Künstlerin Angelika Mann und Heinz Vietze, Vorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Von Ildiko Röd

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