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Potsdam Schubert: „Krampnitz konnten wir nicht einfach laufen lassen“
Lokales Potsdam Schubert: „Krampnitz konnten wir nicht einfach laufen lassen“
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07:10 28.11.2019
Der Oberbürgermeister der Stadt Potsdam Mike Schubert ist nun ein Jahr im Amt. Quelle: Friedrich Bungert
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Potsdam

Ein Jahr Oberbürgermeister der Stadt Potsdam: Im Interview spricht Mike Schubert (SPD) über schwere Entscheidungen, große Aufgaben und die Frage des richtigen Tempos.

Seit einem Jahr stehen Sie an der Rathausspitze. Wie fühlen Sie sich?

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Mike Schubert: Das erste Jahr ist wie der Start eines Kanurennens. Wenn man ein Boot anfährt, braucht die Besatzung erst einmal ein paar schnelle Schläge, um das Boot in Bewegung zu bringen. Das kostet viel Kraft. Irgendwann geht man in den längeren Streckenschlag über, weil das Boot sich dann vorwärts bewegt. Wir haben mit den Beigeordneten und den Mitarbeitenden im Rathaus gemeinsam im ersten Jahr eine Menge angeschoben. Unser Boot hat Fahrt aufgenommen. 

Hat Ihnen das erste Jahr denn viel Freude bereitet?

Es macht mir immer noch genauso viel Freude. Wir arbeiten hier zusammen und setzen Ideen um. Die eigene Heimatstadt zu gestalten, macht Spaß. Deswegen sind bei mir vor allem die Sprechstunden, Bürgerdialoge und Stadtteilwanderungen hängen geblieben - die Resonanz darauf und die direkten Kontakte freuen mich. Es ist ein sehr fairer Umgang, sehr problemorientiert – auch wenn man Ärger zu klären hat.

Schubert in seinem Büro im Rathaus. Quelle: Friedrich Bungert

Sie konnten als Beigeordneter gut vorbereitet in das neue Amt starten. Aber was hatten Sie vorher nicht gesehen?

Der Unterschied zwischen dem Beigeordneten-Amt und der Position des Oberbürgermeisters ist, dass ich jetzt in jeder Situation die abschließende Verantwortung habe und nicht nur für einen Ausschnitt. Ein weiterer Unterschied ist, wie auf Vorschläge des Oberbürgermeisters reagiert wird. Viele halten einen Vorschlag von mir nun häufig für das Ende der Diskussion und nicht für den Anfang. Das ist nicht meine Auffassung von Politik. Ich mache Vorschläge hinter denen ich stehe, bin aber bereit, dann nach gemeinsamen Kompromissen zu suchen. 

Was waren die schwersten Entscheidungen, die Sie im neuen Amt treffen mussten?

Die schwerste Entscheidung war sicherlich die Entwicklung von Krampnitz aufgrund des Arbeitsstandes, den ich zur Tram vorgefunden habe, zu verlangsamen. Die Zeitpläne zur Straßenbahn-Erschließung waren viel zu optimistisch. Die Entscheidung zu bremsen war schwer, weil wir den Wohnraum dringend brauchen. Aber ohne eine funktionierende Verkehrslösung können dort nicht so viele Menschen wohnen. 

Welche schweren Entscheidungen stehen an?

Der Doppelhaushalt, bei dem wir trotz der guten Haushaltslage Prioritäten setzen müssen. Gute Arbeitsbedingungen, umweltgerechte Mobilität, eine gute Bildungsinfrastruktur und soziales Wohnen, darauf müssen wir uns als Pflicht konzentrieren. Und ich möchte bei Diskussionen, die wir schon lange führen, nicht nur eine mehrheitliche Entscheidung, sondern einen mit breiter Mehrheit getragenen Kompromiss finden. Dazu gehört zum Beispiel die Frage der Bebauung an der Plantage, wo wir bei Garnisonkirche, Kreativquartier und Rechenzentrum Entscheidungen brauchen und die zu einer besseren Bezahlung im Klinikum.

Geht Ihnen auch etwas nicht schnell genug?

Ach da gibt es viele Punkte. Ich würde mir wünschen, dass die Mitarbeiter im Rathaus schneller gute Arbeitsbedingungen haben. Dann würden wir es auch einfacher haben, neues Personal zu finden. Und dann sind Engpässe, wie wir sie etwa beim Kita-Tipp erlebt haben, schneller aufzufangen. Aber Sanierung oder neuer Rathaus-Bau brauchen etwas Zeit für Planung und Umsetzung.

Wie schätzen Sie denn selbst Ihre Arbeit nach einem Jahr ein?

Für ein Zwischenzeugnis ist es noch zu früh, aber vielleicht kann man sagen: Er hat sich auf den Weg gemacht, erste Meilensteine erreicht und Grundlagen geschaffen.

Keine Selbstkritik?

Doch sicher, es gibt auch Punkte, die man hätte anders angehen können. Wenn man im Nachgang schaut, findet jeder, und natürlich auch ich Punkte, wo man sagt, dass man irgendwo früher reden oder länger hätte planen können.

Wie geht es weiter mit dem Rechenzentrum? Eine Frage, die es in der Stadt noch zu lösen gilt. Quelle: Friedrich Bungert

Um Ihre Metapher aufzugreifen - haben Sie beim Start vielleicht zu viel von den Ruderern in ihrem Boot verlangt?

Was wir geschafft haben, wäre nicht ohne die Mitarbeitenden im Haus gegangen. Und wenn ich dann den Anspruch der Stadt an ihre Stadtverwaltung sehe, könnte man den Eindruck gewinnen, dass wir trotzdem aus Sicht einiger noch zu wenig geschafft haben in diesem Jahr. Man könnte auch sagen, wir sind eine Stadt, die sich schnell verändert, die sich aber ihre Ungeduld bewahrt hat. Die Menschen wollen, dass alles möglichst schnell umgesetzt wird und da muss ich manchmal Erwartungen bremsen. Zwischen Idee, Diskussion und Umsetzung vergeht eben Zeit. Das beste Beispiel ist der Stadtkanal. Ich spreche von einer Aufgabe für die kommenden 30 Jahre, den Befürwortern ist das viel zu langfristig. Aber ein schnelleres Tempo würde die Möglichkeiten der Stadt überfordern, weil wir noch wichtigere Aufgaben haben. 

Den Eindruck dass Sie der Bremser sind, hat aber kaum jemand in der Stadt. Haben Sie sich beim Anschieben Ihrer Pläne vielleicht zu viel vorgenommen?

Ich habe Sachen angepackt, die in meinem Wahlprogramm stehen. Das wird auch erwartet. Vieles von dem, was jetzt begonnen wurde, braucht aber von Planung bis Umsetzung sicher mehr als fünf Jahre. Deswegen mussten wir starten. Und parallel gab es Themen, die in den letzten Jahren liegengeblieben waren. Krampnitz konnten wir nicht einfach laufen lassen. Bei Minsk und Garnisonkirche ging es darum, Debatten, die unsere Stadt seit Jahre spalten, zu einem Ende zu führen. Und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Rathaus duldet keinen Aufschub mehr. Wenn es durchregnet oder der Platz für neues Personal fehlt, dann muss man sofort handeln. 

Wie verlief eigentlich Ihr Jahr als Familienvater und als Ehemann?

Im Vergleich zum Beigeordnetenjob hat sich nicht viel verändert. Auch da hat man in Potsdam viel zu tun. Es gibt feste Termine für Familie und Freizeit, wo ich regenerieren kann. Ohne den Rückhalt zuhause ginge es nicht. 

Sehen Ihre Kinder den Papa nun anders?

Wirklich schwerer geworden ist für die beiden, dass ich mehr erkannt und angesprochen werde. Ich bin auch privat weiterhin mit meiner Frau und den Kindern in Potsdam unterwegs. Sie mussten sich daran gewöhnen, dass Papa auch in der Freizeit in der Stadt den Beruf nicht einfach zuhause lassen kann. Aber noch mögen sie es.

Interview: Peter Degener

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