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Potsdam Mann am Hauptbahnhof niedergestochen? Opfer schweigt vor Gericht
Lokales Potsdam Mann am Hauptbahnhof niedergestochen? Opfer schweigt vor Gericht
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02:19 04.07.2019
Der Hauptbahnhof gehört zum Entree der Landeshauptstadt – und gilt als Kriminalitätsschwerpunkt. Quelle: Varvara Smirnova
Potsdam

Zwei Männer, die sich nicht mögen und schon öfter aneinander geraten sind, treffen an einem Sonntagabend in einem Imbiss aufeinander. Sie sitzen sich gegenüber. Wechseln ein paar Worte. Gehen nach draußen. Minuten später sackt der Ältere blutüberströmt im dunklen Hinterhof zusammen. Der Jüngere verschwindet – jetzt wird ihm vor dem Potsdamer Landgericht der Prozess gemacht.

Was am Abend des 28. Oktober 2018 zur besten Krimi-Zeit im Dönerladen am Hauptbahnhof geschehen ist, haben viele mit angesehen – dank Überwachungskameras auch die drei Richter und zwei Schöffen, die nun darüber zu entscheiden haben, ob Haben M. (21) versucht hat, seinen Widersacher zu töten. Aber was genau hinter dem Imbiss passiert ist, das wissen nur der Angeklagte und sein mutmaßliches Opfer – beide schweigen.

Eine Schlägerei geben die Männer zu

Was die Männer einräumen: Sie haben sich geschlagen. Für M. endet das handfeste Zusammentreffen ohne Verletzungen, für seinen Kontrahenten endet es mit einer Not-OP, bei der ein Team aus 15 Medizinern um sein Leben kämpft. Die Verletzungen sind massiv: Der Geschädigte hat vier tiefe Einstiche in der linken Flanke, einen Stich im Rücken, zwei weitere im linken Oberarm, zudem zwei Schnitte im Gesicht und ein gebrochenes Nasenbein. Lunge, Zwerchfell und Milz sind versehrt. Vor Gericht erklärt er, dass er nicht wisse, woher all diese Verletzungen stammen.

Angeklagter will nicht mitbekommen haben, dass der andere verletzt ist

Der Verdacht liegt zwar nahe, dass er vom Angeklagten mit einem Messer niedergestochen wurde – der hatte zuvor auch noch geprahlt, „dass man dem die Luft aus seinem dicken Hintern ablassen muss“. Ein Messer aber wurde nicht gefunden. Von einem Messer will das Opfer nichts wissen. Von einem Messer sagt auch der Angeklagte nichts. Er habe jedenfalls keins dabei gehabt, sein Gegner habe aber plötzlich „einen Gegenstand“ in der erhobenen rechten Hand gehalten – dagegen habe er sich verteidigen wollen und in den Arm gegriffen. Dass sein Widersacher wenig später verwundet war, will M. aber nicht gesehen haben. „Das habe ich erst bei der Polizei erfahren.“ Aber ja, er habe am Ende des Kampfes auf dem Boden gekniet. „Hätte ich gewusst, dass er verletzt ist, hätte ich doch den Krankenwagen gerufen.“

Der Beschuldigte kehrt zum Tatort zurück

Einige Zeit später greift M. dann doch zum Handy. Ein Freund ruft an, um ihm zu sagen, dass die Polizei nach ihm sucht – M. kehrt daraufhin zum Tatort zurück. „Ich bin ein legaler Mensch“, sagt er vor Gericht: „Ich bin nicht illegal in Deutschland – das wollte ich klären.“ M. stammt wie sein Kontrahent aus Eritrea. Er hat sich mit seiner Freundin im Sommer 2016 auf den Weg nach Europa gemacht: über den Sudan, durch die Sahara, über Libyen, Lampedusa und die Schweiz erreicht das Paar Anfang Oktober 2016 Deutschland. 7700 Euro habe er den Schleppern bezahlt: „Zu Fuß, mit dem Lkw, dem Boot und dem Zug sind wir unterwegs gewesen“, erzählt M. Sein erstes Kind – eine Tochter – kam auf der Flucht zur Welt, „ohne Arzt, meine Freundin wäre fast verblutet.“

„Ich habe lang genug im Knast gesessen“

Inzwischen hat das Paar zwei Kinder, kurz vor der Bluttat am Bahnhof wurde der Sohn geboren. „Ich liebe meine Kinder“, sagt M. „Ich möchte ein guter Vater sein.“ Er sehe zwar ein, dass er verhaftet wurde. Er könne sich aber nicht damit abfinden, noch länger eingesperrt zu sein: „Er wollte mich angreifen – ich habe nicht vorgehabt, irgendjemandem etwas zu tun.“ Die Zeit, die er im Gefängnis verbracht habe, sei unbezahlbar. „Jetzt haben Sie gesehen, wie es alles abgelaufen sein könnte“, sagt M.: „Ich habe lang genug im Knast gesessen. Ich bin genug bestraft worden.“

Urteil fällt am Mittwoch

Der Staatsanwalt sieht das anders und fordert eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren. Für ihn sei klar, dass M. nicht in Notwehr gehandelt habe, dass er es gewesen sei, der das Messer dabei hatte – und „dass der Angeklagte die Stiche in Tötungsabsicht ausgeführt hat“. Der Verteidiger hält die Forderung für überzogen. „Wir haben hier einige Versionen gehört – es bleiben zu viele Zweifel, welche die zutreffende ist.“ Aber: „Es gibt keinen Plan zur Tötung eines Menschen – selbst wenn man davon ausgeht, dass der Angeklagte das Messer geführt hat.“ Auf Freispruch plädiert der Anwalt dennoch nicht. „Ich gehe davon aus, dass es zu einem Faustschlag gekommen ist.“ – Das Urteil ist für Mittwoch angekündigt.

Bahnhofskriminalität auch am Amtsgericht Thema

Am Hauptbahnhof hat sich ebenfalls ein Fall zugetragen, der am 11. Juli am Amtsgericht verhandelt wird.

Einem einschlägig bekannten Potsdamer (29) werden dabei u.a. vorsätzliche Körperverletzung und Nötigung zur Last gelegt: Er soll am 9. Mai 2018 einen Mann am Hauptbahnhof gezwungen haben, seine Bauchtasche herzugeben – dabei soll der Angeklagte die Freundin seines Opfers gefragt haben: „Willst du ihn heute noch lebend nach Hause nehmen oder nicht?“ Als die Frau die Polizei rufen wollte, soll er ihr Schläge angedroht haben.

Ein zweites Mal soll der Angeklagte am 18. Dezember 2018 am Hauptbahnhof aufgefallen ein. Nach einer verbalen Auseinandersetzung mit einem Mitarbeiter des am Bahnhof eingesetzten Hausmeisterdienstes soll er den Mann mit der Faust in den Halsbereich geschlagen haben. nf

Von Nadine Fabian

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