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Potsdam Labil, leicht zu manipulieren, ohne Mitgefühl
Lokales Potsdam Labil, leicht zu manipulieren, ohne Mitgefühl
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00:23 12.01.2019
Das Landgericht ist im Justizzentrum an der Jägerallee zu finden.
Das Landgericht ist im Justizzentrum an der Jägerallee zu finden. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Im Prozess um den brutalen Überfall auf eine Familie in ihrer Villa am Jungfernsee haben die Verteidiger eines der vier Angeklagten beantragt, ihren Mandanten von einem Jugendpsychiater begutachten zu lassen. Der Experte soll unter anderem einschätzen, ob die diversen Straftaten, die Jorge H. (23) bereits als Jugendlicher begangen hat, ein Auslöser dafür waren, dass er bei dem Überfall im Sommer 2017 mitgemacht hat. Jorge H. hatte bei seiner Aussage vor der 2. großen Strafkammer des Landgerichts selbst diesen Zusammenhang hergestellt.

Kein moralischer Kompass, kein Stoppschild

Dem Antrag der Verteidigung waren am nunmehr elften Verhandlungstag die Ausführungen der Jugendgerichtshilfe vorausgegangen. Demnach ist bei Jorge H. ein deutliches Entwicklungsdefizit zu erkennen. Seine geistige Reife sei nicht altersgemäß, er sei bis heute keine gefestigte Persönlichkeit, er sei labil, leicht zu manipulieren und zu verleiten. Jorge H. sei ein ich-bezogener Mensch ohne Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl – er verfüge über keine ausreichende Empathie und habe zudem keinen moralischen Kompass, „kein Stoppschild – weder für die geschädigte Familie noch für seine Familienangehörigen oder sich selbst“, so die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe. „Er hat nicht verinnerlichen können und nicht begriffen, was er dem Geschädigten angetan hat. – Er hat zwar angefangen, darüber nachzudenken und weiß heute, dass er eine schlimme Tat begangen hat. Was dem Geschädigten aber tief und nahe geht, hat er nicht verstanden.“

Erwachsenenstrafrecht oder mildere Jugendstrafe?

Wie berichtet, hatte Jorge H., der zur Tatzeit noch Heranwachsender war und deshalb sowohl nach dem Erwachsenem- als auch nach dem milderen Jugendstrafrecht verurteilt werden könnte, den Familienvater mit einem Messer bedroht und am Boden fixiert. Währenddessen hatte ein Komplize die älteste Tochter der Familie in den Würgegriff genommen und die Mutter auffordert, Geld, Schmuck und andere Wertsachen herauszugeben, wobei er die Frau immer wieder mit Schlägen und Tritten malträtierte. Zwei weitere Komplizen waren derweil im Fluchtwagen geblieben.

Obwohl sie ihm mangelnde Fähigkeiten, sich in andere Menschen einzufühlen, attestiert, hält die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe die Entschuldigung, die Jorge H. der Familie gegenüber ausgesprochen hat, für aufrichtig: „Ich denke, dass er Ressourcen hat, die eigene Entwicklung in die Hand zu nehmen, wenn er Unterstützung bekommt.“ Eine Verhaltenstherapie sei „absolut notwendig“ – und wäre bereits bei einem Verfahren gegen H. 2015 empfohlen, vom Gericht aber nicht als erforderlich erachtet und daher nicht angeordnet worden. Man stellte ihm lediglich eine Bewährungshelferin zur Seite: „Eine Kontrollinstanz, aber keine Therapeutin. Die rationale Seite ist das eine, die emotionale das andere.“

Er war 2013 an einem ähnlichen Fall in Wandlitz beteiligt

Jorge H., der jüngste der vier Angeklagten, hat sich bereits einiges zuschulden kommen lassen, Diebstähle etwa, Urkundenfälschung und das Erschleichen von Leistungen. Die Hauptverhandlung zum Jungfernsee-Raub ist inzwischen mit einem zweiten Fall verbunden worden: Ende 2013 war Jorge H. mit zwei anderen jungen Männern in Wandlitz in die Villa einer Witwe eingestiegen. Die Täter hatten zuvor – wie auch im Jungfernsee-Fall – einen Tipp aus dem Umfeld der Frau erhalten, dass im Haus Gold versteckt seien. Die Einbrecher zerschlugen ein doppelt verglastes Fenster, stiegen ein und durchsuchten gezielt das Schlafzimmer. Sie rückten die Schränke und Regale von den Wänden ab und stießen so auf einen Verschlag unter der Treppe – dort lagerte eine Art Schatz. Die Beute: 500 Amercian-Eagle-Silbermünzen, fünf Goldbarren à ein Kilogramm, 25 Silberbarren à fünf Kilogramm. Wert: rund 215 000 Euro.

Jorge H. soll das Geld an die Bestohlene zurückzahlen

Geht es nach dem Willen der Bestohlenen, soll das Landgericht verfügen, dass Jorge H. und seine damaligen Mittäter das Geld an sie zurückzahlen müssen. Die Nebenklagevertreterin hat nun einen entsprechenden Adhäsionsantrag gestellt.

Der Prozess wird am 23. Januar fortgesetzt. Das Urteil soll Ende Februar fallen.

Von Nadine Fabian