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Potsdam Lebensgefährlich verletzt: Was passierte mit der kleinen Katharina?
Lokales Potsdam Lebensgefährlich verletzt: Was passierte mit der kleinen Katharina?
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17:55 31.10.2019
Dirk D. und Sophia R. stehen in Potsdam vor Gericht. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Als die kleine Katharina ins Krankenhaus kommt, ist sie aschfahl, übersät von blauen Flecken. „Das Mädchen war in einem deutlich beeinträchtigten Allgemeinzustand“, erinnert sich Anke Küsel, als Kinderchirurgin wird sie sofort gerufen, als die Zweieinhalbjährige im Mai 2017 von einem Rettungswagen in die Kinderklinik des Potsdamer Bergmann-Klinikums gebracht wird. Das Kleinkind sei wach und ansprechbar gewesen, habe aber nicht „adäquat reagieren“ können, sagt die Ärztin.

Lange Liste von Verletzungen

Die Liste der Verletzungen, die die Ärzte in den kommenden Tagen an Katharina feststellen, ist lang. Sie hat viele Blutergüsse, darunter auch zwei Veilchen, die Netzhaut ihrer Augen ist unterblutet, Katharina hat Blessuren am Arm, am Mund, am Ohr und Hirnschädigungen. Seit Mittwoch stehen Katharinas Vater, Dirk D. (32) und seine Lebensgefährtin Sophia R. (24) vor dem Potsdamer Amtsgericht. Der Vorwurf lautet auf Kindesmisshandlung und Verletzung der Fürsorgepflicht.

Die Familie lebt in einfachen Verhältnissen am Schlaatz, die beiden Erwachsenen haben keine Ausbildung abgeschlossen, leben von Hartz IV. Neben Katharina, der leiblichen Tochter von Dirk D., lebt noch ein anderes, gleichaltriges Mädchen im Haushalt, es ist die Tochter von Sophia R., außerdem zwei Hunde. Katharina ist erst seit kurzem hier, ihre Mutter hatte sich irgendwann im Frühjahr an Dirk D. gewandt, von Überforderung gesprochen und das Kind zum Vater gegeben. Tagsüber kümmert sich Sophia R. um die beiden kleinen Mädchen, Dirk D. ist auf Jobsuche – seine Verantwortung wächst, die neue Partnerin ist mit einem gemeinsamen Kind schwanger.

„Wir haben uns immer gekümmert“

Katharina sei ein schüchternes Kind, sagen die Angeklagten vor Gericht, aber vor allem sprachlich sehr gut entwickelt, fröhlich. „Wir haben uns immer gekümmert, wir waren viel draußen“, sagt Dirk D. Wenn er abends nach Hause kam, habe ihm Sophia R. immer erzählt, was sie mit den Mädchen gespielt habe, habe Fotos gezeigt. „Sie ist eine fürsorgliche Mutter“, sagt er. Gleichzeitig ist seine Tochter zu dünn, sie hat schon immer Untergewicht. Mehrmals kommt das kleine Mädchen deswegen in Krankenhäuser, auch das Jugendamt hat mit der leiblichen Mutter ab und an Kontakt. „Aber da war nie irgendetwas auffällig“, sagt Dirk D.

Dennoch muss er am 1. Mai 2017 den Notruf wählen. Am Vorabend, erinnert er sich, sei er nach Hause gekommen und habe Verletzungen am Kind bemerkt. Sophia R. kann das erklären, Katharina soll beim Toben auf eine Tischkante und gegen die Heizung gestürzt sein. Doch am nächsten Tag erbricht sich das Mädchen, wird schließlich ohnmächtig. Sophia R. ruft ihren Partner an, er ist auf dem Weg zu einem neuen Aushilfsjob. „Ich habe da falsch gehandelt, das weiß ich heute auch. Wir hätten sofort zum Arzt gehen müssen“, sagt Sophia R. Und: „Ich habe nichts mit ihren Verletzungen zu tun.“ Im Krankenhaus fragt die Kinderchirurgin Anke Küsel Katharina, ob sie gefallen oder gehauen worden sei. Gehauen, habe das Mädchen geantwortet, von Mama.

Gutachten bringt kein klares Ergebnis

Direkt danach habe Katharina zu krampfen begonnen, die Chirurgin rief ihre Kollegen von der Intensivstation dazu – es bestand Lebensgefahr. Bei ihrer polizeilichen Vernehmung erinnerte sich die Ärztin noch an ein anderes Gespräch mit Katharina über deren Geschwister, die Kleine soll gesagt haben, ihr großer Bruder gehe schon in die Schule – was nachweislich nicht stimmt. Sophia R. hat zudem ausgesagt, ihre Stieftochter habe sie nie Mama genannt. „Katharina wusste immer genau, wer wer ist“, sagt sie, „mich hat sie Phia genannt.“

Woher die schweren Verletzungen des Kindes stammen, kann auch ein rechtsmedizinisches Gutachten nicht zweifelsfrei klären. Mehr als eine Stunde lang hat sich ein Gutachter mit Katharina befasst. Neben den Verletzungen stellte er auch einen schlechten Allgemeinzustand des Kindes fest: verfilztes Haar, schmutzige Nägel, eine Gedeihstörung. „Das deutet auf Vernachlässigung hin“, sagt er. Viele der Hämatome seien auch durch Stürze erklärbar – aber eben nicht alle, hier seien stumpfe Gewalt und Schütteln möglich. Und auch Katharinas Psyche sei „hochauffällig“ gewesen: „Alles, was man mit ihr gemacht hat, hat sie einfach erduldet.“ Eingefrorenes Beobachten nennt der Fachmann dieses Verhalten, das man häufig bei misshandelten Kindern findet.

Die Verhandlung wird fortgesetzt, im November sollen auch die Mütter der Angeklagten den Umgang in der Familie beleuchten.

Von Saskia Kirf

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