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Potsdam Die Krankheit, der Suff und der Tod
Lokales Potsdam Die Krankheit, der Suff und der Tod
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10:53 01.08.2018
Der Angeklagte Slawomir M. – hier mit Dolmetscher und Verteidigerin– ist derzeit im Fachklinikum Brandenburg untergebracht. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Es gab einmal Zeiten, da ging es Slawomir M. richtig gut. „Zu gut“, wie er sagt. Was er nicht alles hatte! Eine Mutter und einen Vater, die fest an ihn, das einzige Kind, glaubten. Eine Freundin, eine Wohnung in der Stadt und trotz des abgebrochenen Studiums auch einen lukrativen Job. Und den Sport, den er schon als kleiner Junge so liebte, die Stunden auf dem Fußballplatz, die Spiele, bei denen er als Schiedsrichter über Recht und Unrecht zwischen den Toren wachte. Ja, Slawomir M. ging es einmal richtig gut. Er hatte das, was man leichthin eine Zukunft nennt. Dann kamen die Krankheit, der Suff und der Tod.

Slawomir M. ist 42 Jahre alt. Beinahe zehn davon hat er in der Psychiatrie verbracht, denn er ist ein schwer kranker Mann: Slawomir M. hat im Wahn seine Mutter umgebracht. An die zwanzig Jahre ist das her. Jetzt steht er erneut wegen Totschlags vor Gericht: Am 28. Oktober 2017 soll er im ehemaligen TerrassenrestaurantMinsk“ einen Mann mit Fäusten, Tritten und einer Bratpfanne krankenhausreif geprügelt und dann wehrlos zurückgelassen haben. Marek W. starb an Unterkühlung. Er wurde 43 Jahre alt.

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Ein Geständnis, Reue und lückenhafte Erinnerungen

„Es ist eine Tragödie“ sagt Slawomir M., der zum Tatzeitpunkt schuldunfähig gewesen sein soll und derzeit im Fachklinikum Brandenburg untergebracht ist. Er ringt um Fassung: „Das tut mir alles sehr, sehr leid.“ Den Tatvorwurf räumt er ein und erklärt sich bereit, dem Gericht zu erzählen, was genau in der Ruine am Brauhausberg vorgefallen ist, woran er sich erinnern kann.

Das ist nicht viel, denn Slawomir M. hat seit Langem auch ein Alkohol- und Drogenproblem. Das eskaliert vollends, als er im Juli 2017 den Job verliert – wenig später kommt er nach Deutschland, quartiert sich bei einem Bekannten in Berlin ein, später bei einer Freundin in Potsdam: „Sabrina – den Nachnamen kriege ich nicht mehr zusammen“, sagt Slawomir M. Ihre Wohnung würde er erst recht nicht mehr finden.

Das „Minsk“ war bis zu dem tödlichen Vorfall im Oktober 2017 ein beliebter Treffpunkt der Obdachlosenszene Quelle: Maz-Archiv

Als er sich mit der Liebschaft überwirft und ihm das Geld ausgeht, schläft er im Minsk, das bei Trebern ein beliebter Treffpunkt ist – oder in der Ausnüchterungszelle. „Ich habe einen Liter Wodka täglich getrunken“, sagt Slawomir M. „Ich brauchte den Alkohol, um zu funktionieren. Ich fühlte mich getrieben.“ Tagelang sei er wach geblieben, einmal eine ganze Woche.

Die Unruhe, die Aggressivität – das alles war Slawomir M. bekannt. So hatte sich seine Krankheit nach einer Phase der Entspannung 2015 zurückgemeldet: „Ich hatte Atemprobleme, Ängste, konnte nicht schlafen“, so Slawomir M. „Ich war nervös, empfindlich, sehr erregbar. Ich hatte gegen alles etwas einzuwenden und hatte einen Haufen Ideen – halluzinatorische Ideen.“ Der Arzt, den er damals aufsucht, verschreibt ihm Medikamente. „Ich habe sie abgesetzt, als ich mich wieder besser fühlte“, sagt Slawomir M. „Ich hatte die Hoffnung zurechtzukommen – und mir schien, dass ich auch die Energie habe.“

Die Männer saßen friedlich zusammen – dann rastet einer aus

An jenem Abend im vergangenen Oktober hat Slawomir M. der Krankheit offenbar nichts mehr entgegen zu setzen. Er habe mit Marek W. und zwei weiteren Männern zusammengesessen, habe mit ihnen gegessen und getrunken. Weshalb er über Marek W. hergefallen ist, wisse er nicht. „Es gab keinen Grund“, so Slawomir M. „Er war ein ganz ruhiger, normaler Mensch.“ An die Prügelei erinnere es sich schemenhaft: „Ich wollte alle da rausjagen – Marek wollte nicht gehen.“ Er konnte es vermutlich nicht mehr. Laut Anklage hat Slawomir M. den Schwerverletzten an den Füßen gepackt und vom ersten Stock durchs Gebäude ins Freie gezerrt. „Ich hab ihn hinter der Tür zurückgelassen“, sagt Slawomir M. „Er hat noch gelebt – er hat sich ja mit mir unterhalten. Ich hatte nicht erwartet, dass er so ernsthaft verletzt war.“

Die Verhandlung wird am heutigen Dienstag fortgesetzt.

Das Sicherungsverfahren: Therapie statt Strafe

In Deutschland ist zwischen Straf- und Maßregelvollzug zu differenzieren.

Beim Strafvollzug sitzen schuldfähige Rechtsbrecher eine vom Gericht verhängte Freiheitsstrafe in der Justizvollzugsantalt ab.

Der Maßregelvollzug wird in speziellen Fachkliniken durchgeführt. So sollen Straftäter, die z.B. wegen einer psychischen Erkrankung nicht oder minder schuldfähig sind, nicht nur sicher untergebracht, sondern auch fachgerecht behandelt werden. nf

Von Nadine Fabian

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