Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Überfallen, misshandelt und ausgeraubt: Prozess beginnt mit Geständnis
Lokales Potsdam Überfallen, misshandelt und ausgeraubt: Prozess beginnt mit Geständnis
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:23 23.10.2018
John R. gilt als einer der Haupttäter. Der 25-Jährige legte am ersten Verhandlungstag ein Geständnis ab. Quelle: Friedrich Bungert
Potsdam

Er wollte einen Brief schreiben und um Entschuldigung bitten, sagt John R. Er habe es aber sein lassen, weil er nicht wollte, dass sich Thorsten und Dana B. (Namen von der Redaktion geändert) erschrecken, Post von einem der Täter zu bekommen – von einem der Männer, die sie und die elfjährige Tochter in ihrer Villa am Jungfernsee überfallen, misshandelt und ausgeraubt haben. „Ich hoffe inständig, dass wir das Leben der Familie B. nicht zerstört haben.“ – Was John R. über die Nacht vom 24. auf den 25. Juli 2017 aussagen möchte, lässt er seine Anwältin verlesen.

Die Männer werden im Gericht jeweils von zwei Anwälten flankiert

Prozessaufakt in einem erschütternden und beängstigenden Fall vor dem Potsdamer Landgericht: John R. und seine Komplizen sitzen seit Montag auf der Anklagebank. Dem 25-jährigen Arbeitslosen aus Berlin sowie Jorge H. (22) und Florian G. (32) werden erpresserischer Menschenraub, schwere räuberische Erpressung und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Der vierte im Bunde, Nico N. (25), wird der Beihilfe beschuldigt. Die Männer erscheinen im Gericht jeweils von zwei Anwälten flankiert. Alle außer Nico N. wollen aussagen.

John R. macht den Anfang. Sein Geständnis ist getragen von Selbstmitleid und Schuldzuweisungen. Dabei erscheint Jorge H. als treibende Kraft – sich selbst stellt John R. als Mitläufer dar. Er habe immerzu Geldsorgen gehabt, habe nicht für seine zwei Kinder sorgen können, hätte sich früher und ernsthafter um richtige Arbeit bemühen sollen. Als Jorge H. – er stammt wie John R. aus Kuba, was die beiden offenbar verbindet – ihm sagte, er wisse etwas, wo er Geld verdienen könne, sei er dem Freund gefolgt. Sie steigen in Berlin-Mitte zu Florian G. ins Auto. Ihr Ziel: „Ein Haus in Potsdam, in dem Schwarzgeld – 140 000 Euro in bar – liegen sollen“. Den Tipp habe man von der Putzfrau bekommen. „Über die Familie hat sie nichts erzählt“, beteuert John R.: „Auch nicht, dass die Leute kleine Kinder haben“. Jorge H. habe gesagt, die Aktion sei „nicht schlimm“ – er habe so etwas schon mal gemacht. Außerdem habe man das Haus beobachtet und eine Kamera installiert.

„Ihr Gangstergetue hat mich beeindruckt“

Glaubt man John R.s Schilderungen, schaukelt sich die Stimmung auf der Autofahrt hoch. „Ich wollte nicht, dass sie denken, dass ich ein Weichei bin“, so John R.: „Ich wollte auch so ein harter Kerl sein wie die beiden. Ihr Gangstergetue hat mich beeindruckt.“ Und: 50 000 Euro habe er von der Beute abkriegen sollen – „unvorstellbar viel Geld“. Davon habe er seine Kinder unterstützen und einen Teil dem krebskranken Onkel in die alte Heimat schicken wollen: „Wer auf Kuba Geld hat, bekommt auch bessere Ärzte und Medikamente.“

Auf der Fahrt nach Potsdam habe er mit Florian G. Whisky getrunken, ein Joint sei herumgegangen: „Ich musste mich im Auto übergeben.“ In Potsdam angekommen, habe man zunächst die Kamera gecheckt, aber keine brauchbaren Aufnahmen gefunden. Man sei dann noch einmal umgekehrt und habe Nico N. abgeholt: „Weil der mehr Eier hat als wir“. Jorge H. habe die Fahrt dirigiert. Zurück in Potsdam sei rund um die Villa alles ruhig und dunkel gewesen. Die Putzfrau habe erzählt, dass die Bewohner im Urlaub seien. „Was ist, wenn wir doch auf jemanden treffen, haben wir nicht besprochen.“ Dann ging’s los.

Die Hausbewohner erwachen vom Lärm der Einbrecher

Jorge H. habe die Scheibe einer Tür eingeschlagen, nach innen gegriffen und die Tür geöffnet. Man sei die Treppe hinaufgegangen und habe Geräusche aus einem der Zimmer gehört. Dann sei plötzlich ein Mann – Thorsten B. – aufgetaucht und habe zu schreien begonnen. „Spätestens jetzt hätten wir gehen sollen“, so John R. – er sei mit der Situation überfordert gewesen. „Ich bin durchgedreht. Ich hatte nur die 140 000 Euro im Kopf.“ Ja, er habe Gewalt gegen Herrn und Frau B. ausgeübt. „Ich habe die Kontrolle über mich verloren. Ich will mich nicht herausreden, das kann man nicht anders beschreiben.“

3000 Euro erbeuten die Täter in jener Nacht, dazu Schmuck, Münzen und Silberschalen. Sie bedrohen Thorsten und Dana B. mit einem Messer, schubsen und stoßen sie, schlagen Dana B. zusammen – sie kommt später schwer verletzt ins Krankenhaus. Zufrieden sind R. und H. aber nicht und drohen den Eltern auf perfide Weise. John R. – das gibt er zu – greift sich die Tochter und nimmt sie in den Schwitzkasten. Dass er das Mädchen wie in der Anklage beschrieben gewürgt haben soll, daran könne er sich nicht erinnern. Dass er den B.s gedroht habe, dass sie die Elfjährige nicht wiedersehen, sollten sie nicht noch mehr Geld herausrücken, das könne wohl sein. Wenn er sich heute – selbst Vater – vorstelle, dass ein Kind so etwas erleben muss, zerreiße es ihm das Herz. „Es ist das Schlimmste, was ich jemals getan habe“, so John R.

Die Komplizen sind mit dem Fluchtwagen verschwunden

Das Martyrium der Familie endet mit der Flucht von Dana B. zu den Nachbarn, wo sie die Polizei alarmiert. John R. und Jorge B. sperren Vater und Tochter noch im Bad ein, bevor sie türmen – zu Fuß, denn ihre Komplizen sind mit dem Wagen verschwunden...

Die Verhandlung wird am 5. November mit der Einlassung von Jorge H. fortgesetzt. Thorsten und Dana B. sind für den 12. November geladen. Ob ihr Kind aussagen muss, steht noch nicht fest. Das kommt darauf an, wie vollständig und stimmig das Bild ist, das die Aussagen der Täter und der Eltern ergeben.

Das sind die Angeklagten

John R. ist 25 Jahre alt und in Havanna (Kuba) geboren. Er lebt in Berlin, ist Vater zweier Kinder und arbeitslos. Seit dem 26. Juli 2017 sitzt er in Untersuchungshaft in Cottbus-Dissenchen.

Jorge H. ist 22 Jahre alt und ebenfalls in Havanna geboren. Weil er zur Tatzeit 21 Jahre alt und somit Heranwachsender war, wird der Fall vor der Jugendstrafkammer verhandelt. Jorge H. ist in Berlin gemeldet und sitzt in U-Haft in Wriezen. Er muss sich nicht nur wegen des Überfalls auf die Potsdamer Familie verantworten, sondern auch wegen einer ähnlichen Tat: Ende 2013 soll er mit zwei gesondert Verfolgten in eine Villa in Wandlitz eingebrochen sein und dort Beute im Wert von 300 000 Euro gemacht haben.

Florian G. ist 32 Jahre alt und Berliner. Er ist auf freiem Fuß und soll das Fluchtauto gestellt haben.

Nico N. ist 25 Jahre alt, aus Berlin und auch auf freiem Fuß. Er soll vor dem Haus Schmiere gestanden haben. nf

Von Nadine Fabian

Ärger beim Nahverkehr: Marcus Reinhold kritisiert „falsche Fahrpläne“, die seit Dezember 2017 in Potsdam aushängen. Der Vip bessert nach, klärt aber das Problem nicht: Denn je nach Haltestelle müssen die Pläne anders gelesen werden.

25.10.2018
Werder (Havel) Werder/Havel / Kirchenkreis Potsdam - Heilig-Geist-Gemeinde sucht den Wechsel

Der geplante Kirchenkreiswechsel der Heilig-Geist-Gemeinde Werder vom Kirchenkreis Potsdam zum Nachbarkirchenkreis Mittelmark-Brandenburg wird ab Mittwoch zum Thema der Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Es geht auch ums liebe Geld.

22.10.2018
Potsdam Pannen und Schlangen im Barberini - So erlebten Besucher das Richter-Finale

Im Museum Barberini ist am Sonntag die Ausstellung zu Gerhard Richters abstrakter Kunst zu Ende gegangen und hat für einen Besucheransturm gesorgt.

22.10.2018