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Potsdam Reaktionen zu Fridays for Future: Woher kommt all der Hass?
Lokales Potsdam Reaktionen zu Fridays for Future: Woher kommt all der Hass?
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08:09 30.07.2019
Seit Wochen gehen Jugendliche auch in Potsdam für den Klimaschutz auf die Straße. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Weltweit gehen Jugendliche für den Klimaschutz auf die Straße – und oft schlägt ihnen dafür nicht etwa Respekt, sondern öffentlicher Hass entgegen. Auch nach dem jüngsten MAZ-Interview mit der Fridays-for-Future-Aktivistin Lea Kampe (14) aus Potsdam hagelte es auf der MAZ-Facebookseite zum Teil heftige Kritik.

Ein Beispiel ist dieser Kommentar, versehen mit Wut-Emoji: „Wär die Alte meine Tochter, dann wär Schluss mit lustig. Taschengeldsperre und mindestens zwei Wochen Hausarrest, dazu noch Handy- und Internetverbot, damit sie mal Vernunft lernt.“ Andere Nutzer fordern: „Liebe Eltern, nehmt dem Kind das Handy weg.“ Oder erklären: „Freue mich schon auf die Säuglinge-for-Future-Bewegung.“

Doch warum so viel Hass und Häme? Warum derart heftige Reaktionen ausgerechnet bei diesem Thema? Die MAZ hat bei der Aggressionsforscherin Barbara Krahé und dem Sozialwissenschaftler Wilfried Schubarth nachgefragt.

Getroffene Hunde bellen

Krahé hat sich auf Aggressionsforschung spezialisiert, ist Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Potsdam. Sie muss erst einmal Luft holen, bevor sie Erklärungen für diese Form von Hatespeech versucht. "Ein Grund ist sicher, dass sie sich durch die Kritik der Aktivistin getroffen fühlen." Es ginge ihnen dann wie dem sprichwörtlichen getroffenem Hund, der vor lauter Wut losbellt.

Klimaproteste in Potsdam im Mai. Quelle: Bernd Gartenschläger

Verstärkt werde das mitunter durch die Tatsache, dass die "Fridays-for-Future"-Aktivisten in der Regel viel jünger seien als die Angesprochenen. „Viele sind nicht bereit, sich von Jüngeren etwas sagen zu lassen, weil das ihre Autorität unterminiert." Auch die Bestrafungsfantasien deuteten darauf hin, dass die Kommentarschreiber der 14-Jährigen das Recht absprächen, sich überhaupt zu einem solchen Thema zu äußern.

Krahé vermutet, dass hinter alledem auch ein uneingestandenes Schuldgefühl steht. „Das Gefühl, dass man etwas falsch gemacht hat, löst Rechtfertigungsbedarf aus." Man versuche, denjenigen abzuwerten, der die Kritik an bestimmten Verhaltensweisen äußere – in diesem Fall auch durch persönliche Verunglimpfung. „Das Internet ist immer noch ein Ort, an dem man unerkannt antisoziales Verhalten zeigen kann“, sagt Krahé. In der Anonymität des Netzes falle das leichter. Eine viel größere Hemmschwelle würde dagegen bestehen, müsste man solche Dinge einem Menschen direkt ins Gesicht sagen. „Man weiß aus der Sozialpsychologie schon lange, dass Anonymität antisoziales Verhalten befördert.“

Eskalation weit fortgeschritten

Für den Professor für Erziehungs- und Sozialisationstheorie, Wilfried Schubarth, ist diese Bildung von Feindbildern auch „ein Abbild unserer partikularisierten Gesellschaft, die in verschiedene Milieus zerfällt und deren gemeinsame Wertebasis sich auflöst“. Die Sozialwissenschaften unterschieden zwischen unterschiedlichen Konfliktstufen, so Schubarth. Sie reichten von gelungener Kommunikation mit dem offenen Austausch von Argumenten, bis hin zur totalen Abwertung des Gegenübers und der Herausbildung fester Feindbilder. „Wir sind bei der Eskalationsstufe schon sehr weit voran geschritten“, sagt Schubarth.

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Ein Grund sei nicht zuletzt die ökonomische Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Die Suche nach dem eigenen Erfolg setze sich auch im Sozialen durch. Anstelle der sozialen Orientierung, die früher in Gestalt von Parteien, Gewerkschaften aber auch Kirchen wirksam wurde, trete heute ein Denken im Sinne von: „Was bringt mir das?“ Das eigene Interesse müsse immer und überall durchgesetzt werden und werde über ein abstraktes Allgemeinwohl gestellt. Es gebe inzwischen aber viele Menschen, die sich in ihren Belangen nicht ernst genommen fühlen und denen niemand zuhöre. Diese Ausgrenzung erzeuge Frust und der führe wiederum zu verbohrten Ideologien und Aggression.

Gute Adresse für Wut

Dass die „Fridays-for-Future“-Bewegung eine gute Adresse für Wut abgebe, ist für Schubarth kein Zufall: „Die Klimadebatte ist ein Jugendthema. Es geht um ihre Zukunft und die Jugendlichen haben ein Recht, sich dazu zu äußern.“ Allerdings waren Jugendliche schon immer ein Objekt der Kritik von Älteren. Dass „die Jugend von heute“ schlecht sei, habe man schon vor 2000 Jahren bei den alten Griechen gesagt. „Die Älteren versuchten sich dadurch aufzuwerten, obwohl die Jugendlichen natürlich immer auch ein Produkt der Erwachsenen sind.“

Krahé und Schubarth sind überzeugt, dass das Internet Spielregeln braucht. Gesetze gegen hetzerische und verleumderische Inhalte sind laut Schubarth schon ein guter Ansatz, noch wichtiger aber seien Bildung und Erziehung.

Für ihn ist die Jugend nämlich nicht nur Problem, sondern auch Hoffnungsträger. Das zeige nicht nur die Klimabewegung selbst, sondern auch das Rezo-Video mit seiner Kritik an der Regierungspolitik vor allem der CDU. Das Youtube-Video sei ansprechend und doch differenziert gemacht. „Er hat klare Haltung gezeigt. In Sachen Aufklärung und Werteerziehung kann man noch von Rezo lernen.“

Von Rüdiger Braun

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