Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Potsdam Einzug bei „Speckers“: So schmeckt es in Keng’s Landhaus
Lokales Potsdam

Restaurantkritik Potsdam: Speckers ist nun Keng's Landhaus - Gastro-Check der Fusionsküche

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:22 17.11.2021
Steffen Specker hat sein Landhaus an Ngo Quang Phu übergeben – die MAZ testete die Küche.
Steffen Specker hat sein Landhaus an Ngo Quang Phu übergeben – die MAZ testete die Küche. Quelle: Julius Frick
Anzeige
Potsdam

Speckers Landhaus schließt, was für eine betrübliche Nachricht Anfang 2020. Da stand Ngo Quang Phu, man kennt seine beiden Läden My Keng und Chi Keng, aber schon bereit, um das Landhaus zu übernehmen. Um einen dritten Laden, der Vietnam auf den Teller bringt, zu eröffnen? Ja und nein.

Der Name Keng’s Landhaus gibt Aufschluss: Ja, Keng ist eingezogen. Nein, das Landhaus ist damit nicht Geschichte. Steffen Specker bleibt als Konzeptberater mit an Bord. Damit vereinen zwei Potsdamer Gastronomen ihr Potenzial und lassen daraus eine Fusion-Küche als Casual-Dining-Erlebnis entstehen. Vietnamesische Udon Nudeln treffen auf Wiener Schnitzel, mal vereint auf einem Teller, mal als Eigendarsteller aus nur einer Küchenwelt.

Keng’s Landhaus im Urban Style. Quelle: Bernd Gartenschläger

Atmosphäre und Lage:

Bananenstauden im Vorgarten deuten auf den kulinarischen Wandel hin. Das, freistehende Fachwerkhaus wurde vom Keller bis zum Dach modernisiert. Der abends schön angeleuchteten Fassade wurde ein neuer Anstrich verpasst, die Pensionszimmer im Dachgeschoss sind verschwunden und bieten nun einer schönen Eventlocation Platz.

Das Untergeschoss hat ebenfalls einen Komplettwandel hinter sich. Dort werden die Getränke gelagert, besser gesagt ausgestellt. Ein beeindruckend gefüllter gläserner Weinkühlschrank in Zimmergröße, ein vergitterter, illuminierter „Käfig“ für Champagner und Spirituosen und ach ja, auch die schön gestalteten Örtlichkeiten sind „im Keller“ zu finden.

Neonröhren an der Decke, Kerzen auf dem Tisch. Quelle: Bernd Gartenschläger

Der Gemütlichkeit des Landhauses von außen steht ein Gastraum entgegen, den man eher nach Berlin verorten würde: Urban, durchgestylt bis zu den Weingläser mit Monogram, in einer ruhigen Schwarz-Grau-Braun-Farbwelt, schmale, neonröhrenartige Deckenleuchten, mit schwarz-grünem Marmor und schwarzen Gittern versehene Wände. Der alte Parkettboden ist geblieben, dazu passend eckige Eichenholztische mit schwarzem Metallrahmen.

Der MAZ-Freizeit-Newsletter für Brandenburg

Raus aufs Land: Jetzt kostenlos für unseren Newsletter anmelden und sich dann jeden Donnerstag nach Brandenburg entführen lassen!

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Einzige Farbtupfer sind die matt orangefarbenen Sitzbänke und die kräftig rosafarbenen Blumen in den Tischvasen – ein junger Interieurauftritt, den es so in Potsdam noch nicht gegeben hat. Jetzt schon erkennbar ist die Oase im Sommer: der Garten mit Pergola, Teich und Kieswegen.

Suppe Canh Tom Tongu: Jakobsmuscheln in  Keng’s Brühe mit Tongu-Shiimeji Pilzen und Koriander. Quelle: Bernd Gartenschläger

Speisen und Getränke:

Sowohl als auch und zusammen, die Speisekarte verbindet Vietnam und Speckers-Klassiker Während beim Canh Tom Tongu, einer der Asia-Suppen mit und ohne Nudeln, Jakobsmuscheln mit reichlich Tongu-Shimeji-Pilzen in einer heißen, sehr kräftigen Keng’s Brühe Soulfood für den Herbst wahr machen, erinnert das Landhaus Beef Tatar mit Trüffelcrème und Wachtelei an das alte Speckers.

Vorspeise: Tapas-Auswahl mit Salat und verschiedenen Saucen. Quelle: Bernd Gartenschläger

Obwohl ein Fan von diesem Klassiker, wählten wir als zweite Vorspeise Tapas. Ein guter Entschluss, denn damit holt man sich ein Stück der anderen beiden Keng-Lokale an den Landhaus-Tisch. Etwas zu dunkle, aber gut gefüllte Wan-Tans, Frühlingsrollen mit Scampi, Lachsbouletten und Hühnerspießchen werden in hübscher Keramik serviert und gefallen durch die geschmackliche Vielfalt wie durch die besten zum Teilen geeignete Portionierung. Nur die Satésauce überzeugte im Gegensatz zum angenehm scharfen Tomaten-Dip nicht. Schlichtweg zu lasch.

Gastro-Steckbrief

Keng’s Landhaus, Jägerallee 13, 14469 Potsdam, Tel. 0331/60 08 13 66, www.kengs-landhaus.de

Geöffnet: täglich von 11.30 bis 22 Uhr.

Plätze: drinnen 72, draußen rund 100. Das Restaurant ist nicht behindertengerecht.

Preise: Suppen zwischen 7,60 und 18,80 Euro; Vorspeisen von 12,60 bis 19,60 Euro, Sushi zwischen 8,50 Euro und 35,50 Euro.

Ein Glas Wein (0,2 l) zwischen 7,60 und 9,50 Euro, eine Flasche zwischen 33 und 280 Euro. Bier: 0,25 l/3,80 Euro. Softdrinks: 0,2 l/3,80 Euro, hausgemachte Limonade: 6,40 Euro. Wasser: 0,75 l/7,50 Euro

Was uns gut gefiel: Eine Neueröffnung mit viel Potenzial, die kulinarische Länderverbindungen kreiert und zeigt, dass die vietnamesische Küche bestens fürs Casual Dining taugt (in Vietnam ist das längst bekannt).

Was uns weniger gut gefiel: Sonntagmittags bitte die Musik etwas leiser, auch wenn junge Pärchen dort lunchen. Die Aromenvielfalt etwas reduzieren und vielleicht bei den Hauptgerichten auch kleine Portionen, wie bei den Suppen, auf die Karte setzen.

Gar nicht so einfach, sich bei den Hauptgängen zu entscheiden. Das Wienerschnitzel vom Wiesenkalb wäre natürlich eine schöne Erinnerung an Speckers Landhaus gewesen (nächstes Mal). Aber uns interessieren die kulinarischen Brückenschläge. Bei der zarten Landhaus-Ente wird Regionalität mit Rahmwirsing, Rübchen und noch viel mehr Gemüse sowie Sauce, die extra angegossen wird, gespielt. Dazu aus Fernost Ananas und Sesambällchen. Das sind sehr viele Aromen auf dem großen, hübsch angerichteten Teller. Hängt man dem Produktpurismus an, ein bisschen zu viel des Guten.

Hauptgericht „Landhaus Ente“ mit Rahmwirsing, Rübchen, Ananas und Sesambällchen.  Quelle: Bernd Gartenschläger

Klassisch würde man dazu einen Rotwein wählen. Doch durch die Süße gerade des Sesambällchens funktioniert die Weißburgunder-Chardonnay-Cuvée von Bergdolt, Reif & Nett wie zu den Vorspeisen bestens. Das ist auch das Credo von Kredo von Ngo Quang Phu. Wein im Allgemeinen und deutsche Tropfen im Speziellen passen wunderbar zur asiatischen Küche. Entsprechend ist sein Weinkeller gut mit ausgesuchten Weinen von etablierten Weingütern wie Clemens Busch (Mosel), Markus Schneider (Pfalz) oder Cloudy Bay (Neuseeland) bestückt.

„Kalbs Tomahawk“ Mit Bohnen, asiatischen Pilzen, Tomaten und Soja-Balsamico. Quelle: Bernd Gartenschläger

Der gegrillte Thunfisch mit französischer Gänseleber ist die Landhaus-Antwort auf Surf & Turf. Innen roh wie gewünscht, fehlt mir dennoch ein wenig der Eigengeschmack des Fisches. Der andererseits eh untergehen würde beim japanischen Pilz-Allerlei, Ingwerjus, Shiso-Kresse und Bonito. Keine Chance, ob der Größe auch dieses Gerichts noch etwas von der Sushi-Karte – am Eingang mit Bar und einsehbarer Küche lächeln Thunfisch und Lachs aus einer Kühlvitirine – zu naschen.

Preis-Leistungs-Verhältnis:

Das Keng’s Landhaus ist Casual Dining. Das zieht höhere Preise nach sich (0,75 l Wasser für 7,50 Euro aber bleibt sportlich), die ob der Portionsgrößen und des Design-Gesamterlebnisses aber auch gerechtfertigt sind.

Altar in Keng’s Landhaus. Quelle: Bernd Gartenschläger

Service:

Keine Nachwuchs-Bedienungen sondern gestandene, wenn auch jüngere Mannsbilder, kümmern sich rührend, fast schon überengagiert, aber man merkt ihnen die Freude an. Mini-Wartezeiten werden dadurch wettgemacht.

Lesen Sie auch:

Bewertung:

Es ist eine Bereicherung für die Gastroszene. Nicht, dass man vieles nicht schon kennt, aber eine Fusion-Küche, die Sinn macht und die auch weiterführt, was an diesem lange von Speckers gestalteten Ort einfach nicht in Vergessenheit geraten sollte, ist ein gelungenes Konzept. Zumal ein Ort, der zeigt, wie gut vietnamesische Küche und Wein (es gibt auch hausgemachte Limonaden) harmonieren und Aromen herauskitzeln. Gelungener Neustart also, der den letzten Feinschliff hinbekommen wird.

Von Manuela Blisse