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13:19 06.07.2018
Bei der Stadtteilwanderung durch das Kirchsteigfeld mit Oberbürgermeister Jann Jakobs (r.). Quelle: Bernd Gartenschläger
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Kirchsteigfeld

Sommerzeit ist Reisezeit. Auch die Stadtspitze begibt sich alljährlich auf Reisen – allerdings immer schön innerhalb der Potsdamer Grenzen. Statt Karibik hieß es also Kirchsteigfeld beim diesjährigen Stadtspaziergang. Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) machte sich gestern um 9.30 Uhr mit seiner kompletten Beigeordnetenriege und der Stadtverordnetenvorsitzenden Birgit Müller (Linke) auf gen Süden. Auf den ersten Blick hat die Destination ja nicht den höchsten Abenteuerfaktor. Doch weit gefehlt. Beim Streifzug durchs Quartier zeigten sich einerseits eine dynamische Entwicklung, andererseits aber auch noch etliche „Optimierungsmöglichkeiten“, um es im Manager-Deutsch zu sagen. Und man machte sogar einen Abstecher nach Entenhausen. Die MAZ gibt einen Überblick über die wichtigsten Stationen.

Warum das Kirchsteigfeld?

Der südliche Stadtteil ist – nach dem Bornstedter Feld – der zweitjüngste Stadtteil der Landeshauptstadt und ein besonderer obendrein. Von 1993 bis 1998 wurde er als größtes Wohnungsbauvorhaben in den neuen Bundesländern realisiert. Rund 5000 Einwohner leben in 2600 Haushalten in dem vergleichsweise jungen Stadtteil. Aber 20 Jahre nach der Fertigstellung ist teilweise auch der Lack ab, manche Hoffnung ist nicht in Erfüllung gegangen. „Wir wollen nicht nur eine Schlafstadt sein“, sagte Marcus Müller, Vorsitzender der Initiative Kirchsteigfeld – sie hat sich im letzten Herbst gegründet, um mehr Gemeinschaftsgefühl ins Quartier zu bringen und die Bürgerwünsche in die Verwaltung hinein zu transportieren.

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Gähnende Leere

„Für 95 Prozent der Zeit ist dieser Platz leer“, sagte Müller – zweifacher Familienvater, im Hauptberuf Polizist – bei der Begrüßung der städtischen Wandergruppe und zeigte auf den Ricarda-Huch-Platz. Kein Wunder: Das Ganze hat was von sibirischer Steppe. Spielgeräte? Nachbarschaftliches Klönen auf der Parkbank? Fehlanzeige. Auch der Platz am Stadtteilladen an der Kirche – eigentlich als „pulsierende Mitte“ des Viertels gedacht – ist nicht viel mehr als ein Parkplatz. Eine weitere Fläche, die als Spielplatz ausgewiesen ist, sieht mit ihren riesigen Steinen eher wie Rudis Resterampe für aussortierte Hinkelsteine aus. Auch hier: Keine Menschenseele weit und breit.

Trauer in Entenhausen

Der Hirtengraben ist bei sommerlicher Hitze nicht viel mehr als eine Kloake. Müllers Vision, die Uferfläche zum Urban Gardening (urbanen Gartenbau) zu nutzen, fand den Beifall von Rathaus-Chef Jakobs. Weiter ging’s zu einem Wehr im Wasserlauf, das Tick, Trick und Track – den jungen Neffen von Enterich Donald Duck – oft zum Verhängnis wird. Die Entenküken werden durch die Strömung über das Wehr in den Hirtengraben gespült und landen in einem Rohr, aus dem sie sich nicht raus können; die Enten-Eltern sehen hilflos zu. Nun ist immerhin Rettung in Form eines Spezialgitters in Aussicht – 50 Prozent zahlt die Stadt, 50 Prozent der Nabu.

Der Drewitzpark kommt

Ab 2020/21 kann es wohl losgehen mit der Bebauung der Brache an der Ricarda-Huch-Straße, die unter anderem Investor Henrik Aldinger gehört. „Wir wollen eine kleine Parzellierung mit normaler kleingewerblicher Nutzung“, erklärte der städtische Wirtschaftsförderer Stefan Frerichs. Voraussetzung ist allerdings, dass der Bebauungsplan geändert wird. Nach aktuellem Stand von 1993 könnten hier sogar elf bis zwölf Meter hohe Gebäude entstehen. Seinen Plan für die Errichtung eines großen Möbelcenters musste Aldinger 2010 ad acta legen – dies passe nicht ins Einzelhandelskonzept, hieß es damals. Wohnen wird es auf der Brache nicht geben, sagte Jakobs gestern auf Nachfrage eines Bürgers. „Das ist als Gewerbefläche ausgewiesen – wir haben einen Riesenbedarf an kleinteiligen Gewerbeflächen.“ Außerdem soll über einen neuen Kreisverkehr an der Trebbiner Straße noch die Anbindung an die Autobahn geschaffen werden.

Stadtteilladen mit Herz

Emotionales Zentrum des Quartiers ist der Stadtteilladen – hier finden auch Veranstaltungen für Flüchtlinge statt wie das „Sprachcafé“, wo es Hilfe bei Behördengängen, Dolmetschen und anderem gibt. Generell herrscht allerdings nicht ungetrübtes Multikulti-Glück. „Es gibt Vorbehalte in der Bewohnerschaft“, räumte Sozialpädagogin Stefanie Kelz, die eine 20-Stunden-Stelle im Stadtteilladen hat. Durch Aktionen wie das Nachbarschaftsfest seien aber neue hoffnungsvolle Kontakte zwischen Alt- und Neu-Kirchsteigfelder entstanden. 9000 Besucher kamen 2017 in den Laden. Die Hoffnung: Dass die feste Mitarbeiter-Stelle künftig aufgestockt wird, um alles zu stemmen.

Schulen sollen schöner werden

Sowohl an der Grundschule 56 Am Kirchsteigfeld als auch an der Steuben-Gesamtschule sind Sanierungen geplant. An der „Steuben“ investiert die Stadt bis 2020 insgesamt 2,3 Millionen Euro in die Sanierung der Turnhalle, Brandschutzmaßnahmen und die Renovierung aller Räume. Soweit alles gut. Aber es gibt Wermutstropen. Zum Beispiel dass die Schulsportfläche an der Grundschule gleich nach Hort-Ende abgesperrt wird. Hier würde sich die Stadtteilinitiative eine allgemeine Nutzung wünschen –auch wenn man sich des Problems bewusst ist, dass man gleichzeitig dem Vandalismus-Problem einen Riegel vorschieben müsste.

Auch an der Steuben-Gesamtschule ist nicht alles eitel Sonnenschein: Nur 60 Schüler haben sich für die 7. Klasse angemeldet. Nur aufgrund von Zuweisungen kann man doch eine vierte Klasse machen. „Wir sind aber fünfzügig“, sagte Schulleiter Frank Brandt. Viele Schüler kommen aus dem Umland. Stolz ist man darauf, dass man wieder zwei 11. Klassen eröffnen kann – und das, obwohl das öffentliche Bild der Schule wegen Berichten über Aggressionen in den Klassenzimmern aus Sicht der Schule gelitten hat. Brandt verwahrte sich gestern dagegen und sagte, er wünsche sich „mehr Wertschätzung“ für die Arbeit des Lehrpersonals. Gleichzeitig soll es ein Maßnahmenpaket geben, unter anderem ist zum Schuljahr 2019/20 ein Projekt „Gemeinsames Lernen“ für Förderbedarfe im sozial-emotionalen Bereich beantragt.

Von Ildiko Röd

06.07.2018