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Potsdam „Projekt Maramures“: Pädagoge bestätigt, dass Brandenburger im Camp waren
Lokales Potsdam „Projekt Maramures“: Pädagoge bestätigt, dass Brandenburger im Camp waren
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16:19 29.08.2019
In einem Sozialprojekt in Rumänien sollen Jugendliche aus Deutschland misshandelt worden sein – eine Spur führt nach Potsdam. Quelle: Maurizio Gambarini/dpa
Potsdam/Bukarest

Im abgelegenen Dorf Viseu de sus in Rumänien sollen sozial auffällige Jugendliche aus Deutschland zurück in die Gesellschaft finden. Nun wird das „Projekt Maramures“ des Missbrauchs verdächtigt. Die rumänische Generalstaatsanwaltschaft ermittelt gegen acht Personen wegen des Menschenhandels als „organisierte kriminelle Vereinigung“. Unter den Verdächtigen sind zwei Deutsche. Die Büroleitung hat ihren Sitz in Potsdam. Auch Jugendliche aus Brandenburg sollen an dem Projekt teilgenommen haben.

Am Dienstag seien auf „begründeten Verdacht“ acht Häuser von der Direktion für Ermittlungen gegen das organisierte Verbrechen und den Terrorismus (DIICOT), die der Generalstaatsanwaltschaft untersteht durchsucht worden. Alle acht Verdächtigen sollen mit dem „Projekt Maramures“ in Verbindung stehen. Am Donnerstag teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass es fünf Verhaftungen gab.

Lesen Sie auch den Bericht über die Verhaftungen: Geflohener Jugendlicher alarmierte die Polizei

Gewalt und Demütigung

Die Jugendlichen deutscher Staatsbürgerschaft zwischen 12 und 18 Jahren sollen in „Sklaverei“ gehalten worden sein, teilte die DIICOT am Dienstag mit. Außerdem seien sie im Rahmen eines „Umerziehungsprogramms“ mit „demütigenden, erniedrigenden Methoden“ zu Arbeiten gezwungen worden, die ihre „körperlichen Möglichkeiten überstiegen“. Wiederholte Schläge, Nahrungsentzug, Kälte und Regen hätten die Jugendlichen verängstigt und zu Traumata geführt – die zum Teil auch in Suizidversuchen mündeten.

Das Haus liegt nach eigenen Angaben des Projekt abgeschieden auf fünf Hektar Land – es ist nicht mit dem Auto erreichbar. Die DIICOT spricht in ihrer Mitteilung von Freiheitsentzug und des Verbots mit der Familie oder anderen Rumänen in der Region zu kommunizieren. Den Jugendlichen seien Ausweise und Telefone abgenommen worden. Auch Schulbesuche seien verwehrt worden.

Ähnliche Vorwürfe gegen das Programm hätte es, laut Spiegel Online, in rumänischen Medien schon vor den Ermittlungen gegeben. Die Potsdamer Büroleitung des Projekts war bis zur Veröffentlichung nicht erreichbar. Auch das deutsche Paar im rumänischen Büro gab keine Stellungnahme ab.

Hochschule evaluiert Projekt

Professor Werner Freigang führt eine vom „Projekt Maramures“ beauftragte Evaluation des Projektes an der Hochschule Neubrandenburg durch. Er hat mit mehreren Jugendlichen in Rumänien Gespräche geführt – „frei und unabhängig“, versichert er.

Die Maßnahmen der Polizei findet er irritierend. „Ich will nichts schön reden, weil ich nicht alles weiß, aber nachdem, was ich vom Projekt gesehen habe, ist der Polizeieinsatz überzogen. Im Vergleich zu anderen Projekten im Ausland gibt sich dieses Mühe“, sagt Freigang.

Einschätzung nach Interviews mit Jugendlichen

„Die Jugendlichen waren nicht an Arbeit gewöhnt, aber es gab nie die Botschaft, dass Überforderung herrsche oder sogar Menschenrechte verletzt wurden“, sagt Freigang. Die Abnahme von Telefonen und Ausweisen sei auch in deutschen Einrichtungen üblich. „Es ist ein Symbol, dass etwas neues beginnt und es soll auch den Kontakt in die Drogenszene verhindern“, erklärt Freigang. Ausweise würden nur eingesammelt, damit sie nicht verloren gingen. Jugendliche hätten auch die Möglichkeit zu Gesprächen mit der Familie in Absprache und Beisein des Jugendamts und einer Psychologin.

Freigang berichtet auch von einen Strafkonzept: „Man darf sich verweigern Hausarbeiten auszuführen, muss aber als Konsequenz mit einem 1:1-Betreuer rechnen. Die Jugendlichen werden dann für eine befristete Zeit nicht allein gelassen“, sagt er. Das soll es unbequem machen, sich aus Pflichten und dem Kontakt mit anderen herauszuziehen.

Die mutmaßlichen Misshandlungen sollen von 2014 bis August 2019 stattgefunden haben. Wie viele Jugendliche tatsächlich betroffen seien, teilte die DIICOT nicht mit. Einige Minderjährige seien aber an rumänische Sozialarbeiter übergeben worden. Freigang bestätigt, dass auch Brandenburger Jugendliche zum Beispiel aus Oranienburg an dem Projekt teilgenommen hätten.

Eigenwerbung: Gute Alternative zum Jugendknast

Das Projekt hat nach eigenen Angaben seit seiner Gründung 61 Kinder aufgenommen. Die meisten seien älter als 12 Jahre gewesen. Dabei handele es sich um Jugendliche mit psychischen Störungen und Suchtproblemen sowie um Intensivtäter. „Wir sind eine gute Alternative zur Unterbringung in einer geschlossenen Jugendhilfeeinrichtung. Eine erfolgreiche Teilnahme an unserer individual-pädagogischen Maßnahme vermeidet häufig ein Urteil der Jugendgerichte“, heißt es auf der Homepage des Projektes.

Außenamtssprecherin Maria Adebahr am Mittwoch: "In den letzten 20 Jahren sind uns keine Probleme bekannt geworden." Das Sozialprogramm "Projekt Maramures" sei dem deutschen Generalkonsulat in Temeswar bekannt.

Von Jan Russezki

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