Rummel unter Corona-Bedingungen: So trotzt das Potsdamer Oktoberfest der Krise
Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Rummel unter Corona-Bedingungen: So trotzt das Potsdamer Oktoberfest der Krise
Lokales Potsdam

Rummel unter Corona-Bedingungen: So trotzt das Potsdamer Oktoberfest der Krise

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:04 18.10.2020
Das Potsdamer Oktoberfest steht in diesem Jahr unter strengen Hygienevorschriften.
Das Potsdamer Oktoberfest steht in diesem Jahr unter strengen Hygienevorschriften. Quelle: Julius Frick
Anzeige
Potsdam

Zwei Mädchen fassen sich an den Händen. Das Lächeln auf ihren Gesichtern ist breit und hin und wieder kreischen sie laut auf – immer dann, wenn ihr Fahrgeschäft in rasantem Tempo seine Bühne senkrecht nach unten fährt, quasi in freiem Fall. Unten stehen Menschen und schauen zu, wie die Bühne immer wieder hoch und schnell herunter fährt.

Trotz Corona: Froh über ein Open-Air-Freizeitangebot

Es ist Oktoberfest im Lustgarten der Potsdamer Innenstadt, wie in jedem Jahr um diese Zeit. Doch dieses Jahr ist alles anders. Es ist ein Herbst, in dem die Menschen dankbar um jedes Freizeitangebot sind, das draußen stattfindet. Deswegen ist nicht nur die Bühne im freien Fall gut besucht. Wüsste man nicht, dass die ganze Welt mitten in einer Pandemie steckt, das Oktoberfest in Potsdam würde es einem nur sehr subtil verraten. Immer wieder sind Hinweisschilder auf die Hygienevorschriften zu sehen. An jedem Fahrgeschäft und an jeder Bude sind Desinfektionsmittelspender aufgestellt. Das ist aber auch schon alles, was daran erinnern könnte, dass ein gefährliches Virus grassiert.

Der Rummel im Lustgarten steht in diesem Jahr ganz im Zeichen der Pandemie. Eindrücke von einem Fest, bei dem Abstandhalten, Masketragen in den Fahrgeschäften und eine begrenzte Besucherzahl die obersten Regeln sind.

Es sind viele Menschen da. Dichtes Gedränge herrscht aber nicht. „In den vergangenen Jahren waren es nicht viel mehr Leute, vielleicht um die 1000, die gleichzeitig auf dem Gelände waren“, sagt Thomas Müller. Er ist der 1. Vorsitzender des Brandenburgischen Schaustellerverbandes und steht in einer großen Bude, in der die Menschen ihr Glück an Automaten versuchen können. „Ich bekomme stündlich Information darüber, wie viele Menschen auf dem Gelände sind. Bisher haben unsere Wachleute am Eingang nie über 800 Leute gleichzeitig gezählt.“ Er sehe kein hohes Infektionsrisiko, sagt er, weil man an der freien Luft sei. Außerdem gebe es so viel Platz, dass die Leute wirklich Abstand halten können und dies auch tun würden, so Müller. Von der Feuerwehr gab es bislang die Vorgabe, die Wege fünf Meter breit zu bemessen. „Das Gesundheitsamt hat uns in diesem Jahr zu sieben Metern angewiesen.“ Drei Buden weniger als in den letzten Jahren machen dieses Mehr an Platz möglich.

Für Schausteller Hamberger erstes Fest seit Weihnachtsmarkt

Eine Maskenpflicht gibt es auf dem Gelände nicht. Nur in den Fahrgeschäften. Und tatsächlich nutzen es viele Menschen, dass das Masketragen nur eine Empfehlung ist. Wenige tragen eine Mund-Nase-Bedeckung. Eine von ihnen ist Michelle. Die 30-jährige Potsdamerin steht etwas abseits am Dosenwurfstand. Ihre drei-jährige Tochter Lian kniet auf dem Tresen und wirft mit Bällen gegen große, glitzernde Dosen. Michelles Freund stützt das Mädchen, wirft auch nach den Dosen. „Ich bin Erzieherin und trage die Maske sowieso ständig“, sagt Michelle, „ansonsten finde ich, sollte es jedem selbst überlassen sein. Wir fühlen uns sicher, sonst wären wie nicht hergekommen.“ Sie ist froh, auf dem Oktoberfest zu sein. „Wir haben es echt durch“, sagt sie, „gerade mit Kind, drei Monate Lockdown, keine Kita. Da sind wir wirklich froh, mal rauszukommen und was zu erleben.“ Kurz zögert sie und schiebt hinterher: „Solange, wie es jetzt noch geht.“ Im Hintergrund scheppert es. Papa hat den letzten Ball geworfen und die obersten Dosen der Blechpyramide getroffen.

„Potsdam ganz nah“ erleben – zweimal wöchentlich

Alle News für die Landeshauptstadt schon morgens in Ihrem E-Mail-Postfach – jeden Dienstag und Freitag. Jetzt anmelden!

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Nicht nur der kleinen Familie ist anzumerken, was die Mutter gerade formuliert hat. Auch viele andere Besucher scheinen es zu genießen, draußen mal richtig Spaß zu haben. Sie lachen, sie kreischen, sie spielen. Und wiederum anderen ist anzumerken, dass sie es genießen, für diesen Spaß sorgen zu können. „Für mich ist es das erste Mal seit dem Weihnachtsmarkt im letzten Jahr in Rathenow und Königswusterhausen, dass ich stehen und Geld verdienen darf“, erzählt Steffen Hamberger. Der 57-jährige Schausteller aus der Nähe von Luckenwalde bietet Entchenangeln an. Seine Frau Jacqueline (44) hilft ihm an diesem Wochenende. „Wenn meine Frau nicht Vollzeit angestellt wäre, hätte ich schon lange meine Finger gehoben. Da wäre ich schon lange pleite.“

Hamberger: „Alles ein bisschen gehandicapt“

Auch wenn er froh ist, endlich wieder arbeiten zu können, „es ist alles etwas ungewohnt. Man fühlt sich nicht so richtig wohl, möchte ich mal sagen. Weil alles ein bisschen gehandicapt ist“, sagt Hamberger. Und meint damit zum Beispiel, dass er darauf achten muss, dass die Gäste an seinem Stand einen Abstand von 1,5 Metern einhalten und dass er, wie alle anderen Buden- und Fahrgeschäft-Betreiber auf dem Potsdamer Oktoberfest, einen Desinfektionsmittelspender aufstellen musste.

Hamberger steht mit seinem mulmigen Gefühl sicher nicht alleine da. Und doch: Die Potsdamer lassen sich den Spaß an ihrem Herbstfest nicht verderben. So auch die beiden Mädchen im freien Fall. Sie scheinen allerdings etwas erleichtert, als die Musik des Fahrgeschäftes leiser wird und die Bühne endgültig langsam nach unten fährt.

Von Annika Jensen