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Potsdam Seltene Bilder vom Ende der DDR in Potsdam
Lokales Potsdam Seltene Bilder vom Ende der DDR in Potsdam
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08:42 10.10.2019
Kundgebung vom 4. November 1989 auf dem damaligen Platz der Nationen, heute Luisenplatz. Quelle: Wolfgang Mallwitz
Innenstadt

Der Heimkinoabend beginnt mit einer Collage: mit dem Banner „Kultur in der Natur“ zum ersten Pfingstbergfest im Frühsommer 1989, mit einem Abrissbagger zwischen staubüberzogenen Ruinen, mit brennenden Mülltonnen und einer Demonstration in Schwarz-Weiß: „Kein Diktat durch den Staat“ steht auf einem der Transparente vor der Silhouette des Potsdamer Interhotels.

Das Rechenzentrum am Dienstagabend. Links Reste der abgerissenen Rechnerhalle. Quelle: Friedrich Bungert

Carsten Linke (56) war als Mitgründer der Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtgestaltung (Argus) und später der Grünen in Brandenburg nicht nur unter den Protagonisten der Wende 1989 in Potsdam. Als leidenschaftlicher und in einer Arbeitsgemeinschaft organisierter Amateurfilmer wurde er auch zum Bildchronisten.

Im „Kosmos“, dem Versammlungsraum des Rechenzentrums, präsentierte Linke am Dienstagabend in der Veranstaltungsreihe „Wegmarken der Demokratie“ einen Ritt durch die Geschichte. Beginnend bei der Umwelt- und Friedensbewegung der 1980er Jahre in der DDR bis zur Heimkehr der Särge mit den Gebeinen der Preußenkönige Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. im August 1991.

Dazu zeigte er teils sensationelles Filmmaterial, darunter erstmals in Potsdam Sequenzen von der Protestdemonstration zum 40. Gründungstag der DDR am 7. Oktober 1989 in der heutigen Brandenburger Straße, für die eine kleine Gruppe von Bürgerrechtlern per Mundpropaganda geworben hatte.

Gesprächspartner Lutz Boede, Carsten Linke und René Borowski (v.l.) am Dienstagabend im Rechenzentrum. Quelle: Friedrich Bungert

Dieser Film ist nur viereinhalb Minuten lang. Zuerst zeigt er in Schwarz-Weiß die abgerockte Potsdamer Innenstadt, die Ruinen der Zweiten Barocken Stadterweiterung entlang der Gutenbergstraße, geborstenes Fachwerk, Trümmer, den Bagger, der im August 1989 das einstige Wohnhaus Theodor Storms in der Dortustraße zusammenschob, Volkspolizisten.

Dann folgt die rosa Blende, die überleitet in die von Menschen erfüllte Potsdamer Fußgängerzone, die alle in die selbe Richtung gehen, die sich staunend umsehen, lächelnd, heiter, manche sorgenvoll.

>>> Carsten Linkes Film: Potsdam im August und Oktober 1989

Die Schriftstellerin Sigrid Grabner erzählte zuvor in einer Dokumentarfilmeinspielung, wie sie sich trafen und bei den Händen fassten, kaum zehn Leute, am Glockenspiel vor dem Brandenburger Tor.

Wie sie sangen und schließlich losgingen „wie auf glühenden Kohlen“, ohne zu wissen, was das wird. Nach 50 Metern habe sich einer von ihnen umgedreht und gesagt: „Da sind Menschenmassen hinter uns.“ Und dann stimmten sie „Freude, schöner Götterfunken“ an.

Punks mobilisieren gegen Neonazis

Als Gesprächspartner hatte Linke im Rechenzentrum zwei andere Protagonisten der Wendezeit dabei: Lutz Boede (54), ebenfalls ein Mitgründer der Brandenburger Grünen, heute vor allem bekannt als langjähriger Hauptakteur der Wählergemeinschaft Die Andere, und René Borowski (50) als Mitinitiator der von Punks gegründeten Potsdamer Antifa, die gegen Neonazis in der DDR mobilisierte.

Als eine Kette mit Bereitschaftspolizei und Räumfahrzeugen auf Höhe Jägerstraße den Demonstrationszug blockierte und Sprecher die Auflösung der Kundgebung forderten, hätten sie dagegen gehalten: „Nö, wir machen jetzt hier weiter“, berichtet Borowski: „Natürlich waren wir dann auch die 150 Leute, die abgedrängt und verhaftet wurden.“

Mehr zur Wende 1989 in Potsdam:

>>> So kam es zur Argus-Gründung in Potsdam

>>> Der Fall des Stormhauses und der Stopp der Abrissbagger

>>> Antifa warnt vor Neonazis in der DDR

>>> Mit dem Neuen Forum am Küchentisch

Carsten Linke war da schon weg, um den brisanten Film bei einem Freund in der Wilhelm-Staab-Straße zu verstecken. Erst Wochen nach dem Mauerfall schickte er ihn zur Belichtung ins Kopierwerk. Zurück bekam er nur die wenigen Sequenzen von der friedlichen Demonstration. Die nachfolgenden Szenen waren „kaputt“, wie er sagt, jemand hatte die Perforation zerstört.

„Ab da hatte ich wirklich Angst“

Die entscheidenden Tage im Herbst 1989, sagt Linke, waren vom 7. bis zum 9. Oktober. Nach der Demonstration in der Innenstadt sei er in die SED-Kreisleitung einbestellt und wegen seiner Aktivitäten bei Argus mit einem Arbeitsverbot belegt worden. Zu Hause im Briefkasten hatte er eine Einberufung zum Wehrdienst in der NVA.

Linke tauchte unter: „Ab da hatte ich wirklich Angst.“ Am 9. Oktober zur Montagsdemonstration in Leipzig zu sein, „war nicht spaßig“, sagt er: „Alle wussten, wie ernst das war.“ Doch die 70.000 Menschen auf dem Ring boten dem Staat keinen Gelegenheit für Gewalt. Vier Wochen später fiel die Mauer.

Am 9. November wurde das Neue Forum zugelassen. Linke war am Abend im Kulturbundhaus „Bernhard Kellermann“ zu einem Gesprächsabend mit Markus Wolf, dem Ex-Spionagechef der DDR und Buchautor, der als Reformer galt.

Die Antifa erinnerte an diesem Abend erstmals gemeinsam mit der SED auf dem Platz der Einheit und später im Kulturhaus „Drushba“ an die Reichspogromnacht.

Auch im neuen Staat sahen sie sich in der Opposition.

Weitere Veranstaltungen zum Herbst 1989

Eine weitere Zeitzeugenveranstaltungzur Demonstration vom 7. Oktober 1989 gibt es am Donnerstag im Potsdam-Museum. Gesprächspartner sind Christoph Zielke und Jörg Hafemeister. Beginn: 19 Uhr.

Die Gedenkstätte Lindenstraße 54/55 lädt am 29. Oktober um 18 Uhr zu einem Themenabend „Das weibliche Gesicht der Revolution. Frauen im Aufbruch 1989 und danach“ ein.

Carsten Linke ist unter den Gesprächspartnern am 4. November im Potsdam-Museum, wenn an die größte Demonstration des Wendeherbstes in Potsdam erinnert wird.

Von Volker Oelschläger

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