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Potsdam So kam es zur "Argus"-Gründung in Potsdam
Lokales Potsdam So kam es zur "Argus"-Gründung in Potsdam
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15:16 22.09.2014
Carola Stabe und Matthias Platzeck (l.) beim ersten Treffen der DDR-Umweltgruppen im Kulturbundhaus vor 25 Jahren. Quelle: Privat
Potsdam

Das Havel-Badewasser war das erste Thema der Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtgestaltung (Argus), die sich am 7.April 1988 im Kulturbundhaus "Bernhard Kellermann" in der Mangerstraße gegründet hatte und nun zweimal monatlich zusammenkam. Die Zustände im Templiner See waren unerträglich; vom Schlachthof in der Speicherstadt trieben Innereien heran, das Krankenhaus Hermannswerder leitete ungeklärte Kloake ein. Immer zur Badesaison gab es Erkrankungen deswegen. Öffentlich war diese permanente Katastrophe kein Thema.

Zustande kam die Argus-Gruppe auf Betreiben von Carola Stabe, Jahrgang 1955, Mutter von drei Kindern, Lehrerin für Russisch und Geschichte an der heutigen Voltaire-Gesamtschule; Tochter eines hohen DDR-Funktionärs; 1975 für kurze Zeit in Haft, weil sie laut nach Stalins Zwangsarbeitslagern gefragt hatte. Mitte der 1980er Jahre besuchte sie regelmäßig Oppositionelle in Ost-Berlin. Man traf sich privat in der Küche und im Wohnzimmer. Anfang 1988 erfuhr sie über ihren Vater, dass als Antwort auf die ökologischen Gruppen der Kirche auch beim staatsnahen Kulturbund Umwelt zum Thema werden sollte.

Carola Stabe meldete sich beim Kulturbund mit einem Vorschlag: "Mein Ziel war es, engagierte Leute zu sammeln, egal wofür sie sich einsetzen. Das meiste Interesse gab es zu den Themen Umweltschutz und alte Häuser."

Öffentlicher Argus-Protest gegen den geplanten Abriss des früheren Wohnhauses von Theodor Storm im August 1989 Quelle: Privat

Der Gründungstermin von Argus wurde von den Funktionären festgesetzt. Stabe war die einzige Frau inmitten von Männern, die mitmachen, aber nicht die Verantwortung übernehmen wollten. Also übernahm sie den Vorsitz. Argus arbeitete vielschichtig. Es gab die eigentliche Arbeitsgemeinschaft mit thematischen Untergruppen, es gab regelmäßige öffentliche Veranstaltungen und es gab einen Unterstützerkreis "von Leuten, die niemals in dieses Kulturbundhaus gegangen wären", weil es zu staatsnah war. Carola Stabe gewann einige dieser Leute, sie wurde mit der Empfehlung des einen zum anderen geschickt.

Es gab Leute, die sie unmittelbar vor der Abreise in den Westen traf, die Koffer gepackt, an den verbliebenen Möbeln Zettel, wer davon was bekommt. Das Spektrum der Unterstützer reichte vom offen oppositionellen Grafiker Bob Bahra bis zum Bezirksvorsitzenden der CDU, Christian Seidel, der im Herbst 1989 den von Argus erkämpften Stopp des laufenden Flächenabrisses der historischen Innenstadt als Beschlussvorschlag in die Stadtverordnetenversammlung einbringen sollte.

Dass viele Spitzel dabei waren, wusste sie: Doch mit ihren Mutmaßungen lag sie fast ausnahmslos daneben, wie sie später aus den Akten erfuhr: "Ich habe genau auf die falschen getippt." Bei manchen hatte sie sich später, nach 1989, für ihren Verdacht und ihr reserviertes Verhalten entschuldigt.

Matthias Platzeck war im Sommer 1988 das erste Mal dabei: "Er ist mir aufgefallen, weil er mit sehr viel Fachwissen rangegangen ist. Ich dachte, wow, was der alles weiß." Der spätere Ministerpräsident arbeitete zu der Zeit als Abteilungsleiter Umwelthygiene bei der Hygieneinspektion.

Das Wochenende des ersten DDR-Treffens der Umweltgruppen fiel zusammen mit dem ersten Jahrestag von Argus, die zu der Zeit mit der befreundeten Interessengemeinschaft Pfingstberg eine Aktion planten, an die sich viele bis heute erinnern. Die Organisation dieses ersten Pfingstbergfestes begann als Katz-und-Maus-Spiel. Die von Bob Bahra gestalteten Plakate waren schon gedruckt und verteilt, als das Verbot und die sinnlos gewordene Anweisung zum Einsammeln kam. Selbst ein Schülermalwettbewerb wurde untersagt, weil die Behörden Umweltkritik befürchteten. Auf der anderen Seite gab es Angst, dass die Teilnehmer eingekesselt und verhaftet werden könnten. Carola Stabe ging zum Stadtkommandanten der Roten Armee und bat um eine Gulaschkanone, die tatsächlich mit zwei Offizieren und zwei Soldaten als Begleitung eintraf: "Ich dachte mir: Wenn die Russen dabei sind, wird niemand verhaftet." Schließlich feierten 3000 Menschen aus der ganzen DDR Pfingsten 1989 vor der malerischen Kulisse des verfallenen Belvederes. Der Staat hielt sich zurück. Carola Stabe zitiert den vor einem Jahr gestorbenen Bob Bahra: "Er hat gesagt, das war die Wende in Potsdam. Da passierte was und es ging gut aus."

ARGUS UND DIE HISTORISCHE INNENSTADT

  • Argus war von Anfang an in die Ereignisse des Jahres 1989 eingebunden, die letztlich zum Mauerfall führen sollten. So waren Mitglieder von Argus am Nachweis des Betrugs zur Kommunalwahl vom 7. Mai beteiligt.
  • Zentrales Thema wurde der Kampf gegen den Flächenabriss in der Innenstadt. Mit dem Protest gegen den Fall des einstigen Wohnhauses von Theodor Storm in der Dortustraße im August 1989 wurde ein großer Name in die Debatte gebracht – ohne Erfolg.
  • Im Herbst 1989 schließlich erwirkte Argus einen sofortigen Abrissstopp und begann mit der Sicherung der erhaltenen Häuser in der Innenstadt.
  • Argus verließ den Kulturbund nach dem Mauerfall und setzte die Arbeit als Verein fort. Noch im Oktober 1989 wurde Argus Teil des Neuen Forums. Argus ist bis heute politisch aktiv und pflegt eine Umweltbibliothek und ein Archiv der Bürgerbewegung.
  • Carola Stabe wurde Anfang der 1990er Jahre Bundesgeschäftsführerin der Grünen Liga. Bis heute ist sie in vielen Initiativen aktiv, darunter das Forum zur kritischen Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte, das sie 2005 gemeinsam mit Bob Bahra gegründet hat.

Von Volker Oelschläger

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