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Potsdam So lebt es sich in Potsdam ohne Auto
Lokales Potsdam So lebt es sich in Potsdam ohne Auto
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00:23 06.06.2019
Sportredakteur Lars Sittig macht einen Selbstversuch 4 Wochen ohne Auto und stieg dabei auf öffentliche Verkehrsmittel um,hier am Potsdamer Hauptbahnhof Foto:Bernd Gartenschläger Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Mein Start in das neue Mobilitäts-Zeitalter beginnt mit einer dicken Bildungslücke. Jahrelang bin ich nur gelegentlich mal mit Bus oder Straßenbahn gefahren – und als ich an diesem Tag auf dem Bahnsteig der Tram-Haltestelle Rehbrücke stehe und auf den Fahrplan schaue, muss ich mir eingestehen: Ich habe keine Ahnung, wie das mit diesen Tarifgebieten und Fahrpreisen eigentlich funktioniert.

Im Dschungel der Tarifzonen

Doch zum Glück bin ich nicht allein auf dem Bahnsteig, zwei ältere Damen stehen neben mir und erkennen, ohne fragen zu müssen: Der Junge braucht Hilfe. Es folgt ein ausführliche Beratungsgespräch über Tarifgebiete, die dazugehörenden Fahrpreise und die Frage, wann welche Wahl die beste ist. Tatsächlich gibt es so einige Möglichkeiten, von A wie Am Moosfenn nach B wie Babelsberg zu kommen. Das Fazit der beiden Damen: „Wenn Sie regelmäßig unterwegs sind, kaufen Sie sich am besten eine Monatskarte.“ Ich nicke dankbar, als mein Bus mit der Nummer 693 auch schon vor mir steht. Ich kaufe mir ein 60-Minuten-Ticket Potsdam AB – und die nächste Station in meinem neuen, persönlichen Mobilitätszeitalter ohne Auto beginnt. 

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Abschied auf dem Schrottplatz

Wie es der Zufall so will, hat mein Wagen nur ein paar Haltestellen entfernt seine letzte Ruhestätte gefunden: Endstation Schrottpresse für den alten Volvo V 70, nach 20 Jahren und 550 000 Kilometern. Der Abschied wird einfühlsam begleitet vom Inhaber der Autoverwertung, der sich mit so etwas auskennt und noch ein Abschiedsfoto für mich macht mit dem alten Schweden. Wir haben zusammen Korsika gesehen, Norwegen, Dänemark und die Färoer Inseln, die Bretagne. Und obwohl der Veteran der Landstraße in den vergangenen Jahren lange Ruhezeiten hatte, haben wir einen ökologischen Fingerabdruck hinterlassen wie eine Herde Dinosaurier.

Europäischer Tag des Fahrrads

Der Europäische Tag des Fahrrades und seit 2018 auch der Weltfahrradtag ist jährlich am 3. Juni.

Der Aktionstag soll das Fahrrad als Alternative vor allem im Stadtverkehr angesichts der zunehmenden Verkehrsdichte bewerben.

In Potsdam findet zu dem Anlass die „Parlamentarische Radtour des ADFC“ statt. Verkehrsministerin Kathrin Schneider (SPD) diskutiert mit Vertretern des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs und des Landestourismusverbandes beim radpolitischen Dialog über die Weiterentwicklung des Radverkehrs in Brandenburg.

Aber damit ist jetzt Schluss, es gibt einiges gutzumachen in Sachen umweltverträglicher Fortbewegung. Vier Monaten ohne Auto liegen inzwischen hinter mir – und ganz ehrlich: Ich habe den Schritt nicht einen Moment lang bereut. Im Gegenteil. In den vergangenen Wochen hat sich für mich eine neue Welt der Mobilität aufgetan, ein fein und klug abgestimmter Mechanismus mit Anschluss-Verbindungen, die bei meinen Fahrten völlig reibungslos funktionieren.

Wenn die Freiheit zur Unfreiheit wird

Kurzstrecke, Vier-Fahrten-Karte, Bereich ABC Berlin oder Potsdam AB – das klingt kompliziert. Dabei ist das Bezahlsystem eigentlich ganz einfach und nicht ansatzweise so nervtötend wie das Stop-and-go hinter dem Lenkrad. Ich erinnere mich noch gut an die permanent wechselnden Stresssituationen im Asphaltdschungel, an den Weg in die Werkstatt, die langwierige Parkplatzsuche, Strafzettel, die Hatz nach einer gelb-grünen Ampel und die bange Frage, wie viel zu schnell man denn nun wieder in den Blitzer gefahren ist. Dann das nervtötende Eiskratzen im Winter, die Kosten für KfZ-Steuer und Versicherung. Ehrlich? Ich bin froh, diesen Stress los zu sein. Und die mobile Autofahrer-Freiheit? Dieses Gefühl, zu jederzeit überall hinfahren zu können? Das fehlt mir nicht. Im Gegenteil: Rückblickend hat mir das Autofahren mehr Unfreiheit als Freiheit verschafft.

Abschied vom Auto: Lars Sittig hat den Absprung gewagt. Quelle: Lars Sittig

Stattdessen gibt es als Nicht-Autofahrer eine Menge Neuentdeckungen, wunderbare Erlebnisse zwischen Glienicker Brücke und Pirschheide, Stern-Center und Buga-Gelände. Die urige Seilfähre beispielsweise zwischen Hermannswerder und dem Kiewitt. Sie ist Teil des ÖPNV und eins meiner Highlights der letzten Monate. Ich höre noch, wie das Wasser plätschert und die Möwen kreischen, sehe, wie die Sonne das kleine Schiff flutet. Eine Anekdote vom Fährmann und frischer Wind bei der Havelquerung – adé Abgase im zähflüssig tröpfelnden Brückenverkehr.

Ohne Frage: Es ein Unterschied, ob man mit Kind und Kegel und viel Gepäck unterwegs ist und auf dem Land wohnt, wo die Taktzeiten dünn sind. Im ViP-Bereich aber sind die Öffis eine echte Alternative zum eigenen Auto. Vorausgesetzt man sieht den Weg zum Bus nicht als Belastung, sondern als Chance für ein bisschen frische Luft, einen Spaziergang durch die sich stetig verändernde Stadt vorbei an Ecken, an denen man seit Jahrzehnten nicht war. Öffis können entschleunigen – wenn man es denn zulässt.

Die Ausweitung des Experiments

Ob ich mir deswegen tatsächlich – wie von den beiden älteren Damen in Rehbrücke geraten – jetzt eine Monatskarte kaufen werde, weiß ich noch nicht: Denn bei dem Wetter fahre ich aktuell vor allem Fahrrad. Das Thema Auto allerdings dürfte für mich dauerhaft beendet sein.

Drei Tarifzonen der ViP

Das Tarifgebiet Potsdam ist in die Zonen A, B und C unterteilt.

A ist das engere Stadtgebiet, B ist der übrige Teil Potsdams (einschließlich Groß Glienicke, Marquardt, Satzkorn, Fahrland, Neu Fahrland, Parren, Uetz und Golm) und C steht für das Umland.

Eine 7-Tage-Karte für den Bereich A und B beispielsweise kostet 13,60 Euro. Für eine Monatskarte dieses Tarifabschnittes müssen 41,40 Euro bezahlt werden. Zeitkarten sind übertragbar.

Mehr Infos gibt es im Internet auf https://www.swp-potsdam.de

Den regionalen Test hat der Öffentliche Nahverkehr demnach bestanden. Nun werde ich den Aktionsradius für meinen nächsten Urlaub auf die kontinentale Ebene ausweiten: Cornwall, mit einem Zwischenstopp in London. 70 Euro (inklusive Fensterplatzreservierung und Reiserücktrittsversicherung) kostet die rund zehnstündige Fahrt mit einem Sparticket aus Potsdam in die englische Hauptstadt. Ich freu mich schon auf Zeit zum Lesen, Karten spielen mit der Reisegruppe und die Ausblicke aus dem Zugfenster auf die vorbeiziehenden Landstriche.

Und dann, in London? Gibt es tatsächlich eine Direktbusverbindung aus dem Herzen der Metropole in die tiefste cornische Pampa? Tatsächlich. Kostet nicht mal zwanzig Euro und bringt mich fast direkt bis vor die Haustür.

Von Lars Sittig