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Potsdam 213 Bauvorhaben bis 2023 – Diese drei Männer regeln den Potsdamer Verkehr
Lokales Potsdam 213 Bauvorhaben bis 2023 – Diese drei Männer regeln den Potsdamer Verkehr
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12:01 11.07.2019
(v.l.) Thomas Jasper, Gerrit Hartmann-Engel und Andreas Olm in der Verkehrsmanagementzentrale in Potsdam. Quelle: Jan Russezki
Potsdam

Wenn Gerrit Hartmann-Engel in seinem Büro am Hauptbahnhof aus dem Fenster schaut, sieht er auf das Potsdamer Verkehrsdesaster: die Baustelle am Leipziger Dreieck. Weil eine acht Meter tiefe Baugrube in der Kreuzung klafft, leuchtet auf dem Monitor im Kontrollraum nebenan die Friedrich-Engels-Straße rot auf: Das bedeutet Stau. Seine Lösung? Das ist sie – langjährig und penibel geplant.

Herr über alle Potsdamer Baustellen

Gerrit Hartmann-Engel, 33, studierter Stadtplaner ist Baustellenkoordinator – und damit Herr über alle Verkehrsbaustellen in Potsdam. Allein 14 gibt es aktuell auf den sieben wichtigsten Hauptstraßen, und die sorgen immer wieder für Stau und Frust. „Trotzdem bauen wir immer noch zu wenig“, sagt Hartmann-Engel mit Blick auf eine Excel-Tabelle auf seinem Computerbildschirm.

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Dort sind 213 geplante Bauvorhaben bis 2023 gesammelt und farbig nach Quartieren sortiert. „Sanierungsstau“, nennt er die Lage. Umsetzen wird er wohl nur die Hälfte der notwendigen Projekte. Für mehr, sagt er, fehlt der Stadt das Geld.

Jährlich 500 Verkehrsverzögerer

„Uns sind die Baukosten egal“, sagt der Baustellenkoordinator. Er ist dafür verantwortlich, dass der Verkehr fließt. Bis zu 500 Anträge für große Baumaßnahmen landen jährlich auf seinem Tisch. Das sind 500 potenzielle Verkehrsverzögerer, die er koordinieren muss.

Gerrit Hartmann-Engel (33, aus Potsdam), Baustellenkoordinator in der Verkehrsmanagementzentrale Potsdam. Quelle: Jan Russezki

Die Planung einer Großbaustelle ist komplex – und in Potsdam nur im Team zu bewältigen. „Mir arbeiten die EWP, der ViP, die Stadt und das Land zu. Vier Mal im Jahr treffe ich mich dann mit den großen Chefs und sage ihnen, was möglich ist und was nicht“, erzählt Hartmann-Engel. Für jede Baustelle müsse es Ausweichrouten geben. Das muss genau geplant werden. Überall auf einmal bauen? Unmöglich.

Langjährige Planung am Leipziger Dreieck

Allein für das Großprojekt Leipziger Dreieck gab es zwischen den ersten Planungen 2004 und dem Baubeginn 2007 rund 60 Planungsvarianten: Kreisverkehr, Häuserabriss, Leitungen, Gleise, Kosten, Verkehrsfluss. Alles durchdacht, viel verworfen. Das letzte Wort in den großen Planungsrunden mit den Chefs hat seit 2011 immer Hartmann-Engel.

Andreas Olm (l.) und Gerrit Hartmann-Engel an der Baustelle am Leipziger Dreieck in Potsdam. Hier muss an jeder Ecke gebaut werden. Das erfordert lange Jahre Planung. Quelle: Jan Russezki

Ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden, tippt er eine Kombination auf der Tastatur, der Bildschirm wird schwarz, dann öffnet sich plötzlich eine Potsdam-Karte. Die Zeppelinstraße leuchtet grün, ein Punkt am Parkhaus Luisenplatz gelb. „Das ist ein privates Parkhaus, da kriegen wir gerade keine Daten“, erklärt Hartmann-Engel. Um die Autofahrer am Leipziger Dreieck steht es schlimmer: Rot. Stau. Frust.

Verkehrsanalyse: Google, Facebook und Infrarot

Wie schlimm es tatsächlich ist, analysiert Andreas Olm. Er ist Herr der Ampelschaltungen. Wann es wo weiter geht, entscheidet er anhand von Verkehrszahlen. Über magnetische Schleifen im Asphalt und Infrarotkameras an Masten bekommt Olm alle fünf Minuten angezeigt, wie viele Autos in einer Stunde über die Straßen fahren.

Andreas Olm (38, aus Werder), Baustellen- und Verkehrsmanager und kommissarischer Chef in der Verkehrsmanagementzentrale Potsdam. Quelle: Jan Russezki

„Das Problem ist, dass wir statisch messen. Wenn der Stau fünf Meter vor den Messpunkten endet, bekommen wir ihn nicht mit und draußen herrscht Chaos“, erzählt der 38-Jährige aus Werder (Havel). Deswegen nutzt er vor allem Google Maps und Tomtom für die Analyse in der Verkehrsmanagementzentrale: „Die haben einen Algorithmus, der die Daten von Smartphones und Navigationsgeräten abruft und ermittelt, wer wie lange für eine Strecke braucht.“

Aber auch das, sei nicht der Weisheit letzter Schluss: „Wenn Touristen irgendwo zum Schauen langsamer fahren, dann sagt Google: Da ist ein Stau. Aber das stimmt nicht.“ Olm hat gelernt: Ein Verkehrsingenieur muss alle Daten kritisch hinterfragen.

Autofahrer als Stauindiz

Auch Potsdamer Autofahrer seien ein gutes Indiz, wie es auf den Straßen aussieht. Das Team der Verkehrszentrale beobachtet Facebook-Gruppen, hat eine eigene Service-Hotline. „Wenn keine Beschwerden kommen, ist das das größte Lob“, sagt Olm.

Manche Anrufer seien aber auch so wütend, dass sie direkt aus dem Stau anrufen. Dann sei vor allem Ruhe und Aufklärung gefragt. „Wir sind dann erst mal Blitzableiter für den Frust, aber wenn wir die Baustelle erklären, legt sich die Wut meist“, erzählt Olm. Persönlich nimmt er die Kritik nicht. Er hielte sich schließlich an die Richtlinien und gäbe sein Bestes.

Mehr aus der Serie „Stadtmacher“:

Am Leipziger Dreieck gibt es wenig zu erklären oder zu hinterfragen. „Aus vier Spuren wurde eine gemacht. Wir wussten, dass das für Stau sorgen wird“, gibt Baustellenkoordinator Hartmann-Engel offen zu. Und Olm ergänzt: „Die ersten Tage sind die Schlimmsten, weil die Leute trotz Baustelle versuchen, ihre gewohnten Wege zu fahren. Aber schon bei 10 bis 15 Prozent weniger Verkehr kriegen wir den Berufsverkehr gut geregelt.“

Staugefahr dienstags und donnerstags am höchsten

Weil jeder Tag anders sei, analysiert er die Verkehrslage ständig neu. Die Staugefahr sei in Potsdam am Dienstag und Donnerstag von sieben bis neun Uhr und 15 bis 18 Uhr am höchsten. Aber auch Regenwetter oder Unfälle auf der A10 beeinflussten die Situation in Potsdam. „Wenn der Verkehr von der Autobahn umgeleitet wird, kriegen wir den in der Stadt nicht mehr abgewickelt“, sagt Olm.

Am Leipziger Dreieck klingeln die Straßenbahnglocken, Fußgänger huschen über die kirschgrüne Fußgängerampel. Die Radfahrer treten mühsam in die Pedale, während die Motoren neben ihnen gemächlich aufheulen. Jede Ampel hat zehn Programme – Ausweichrouten gibt es am Hauptbahnhof trotzdem kaum.

„Wir versuchen allen Verkehrsteilnehmern, alle 90 Sekunden grün zu geben“, sagt Olm. Verhindern lässt sich der Stau trotzdem nicht. Deswegen raten sie Verkehrsteilnehmern vor allem eins: ausweichen

Die unsichtbare Hand der Verkehrszentrale

An dieser Stelle kommt der Letzte des Verkehrstrios ins Spiel: Thomas Jasper, 44, operativer Verkehrsmanager. Er ist die unsichtbare Hand der Verkehrszentrale. Er spielt die konkreten Ampelprogramme aus, steuert die Hinweisanzeigen auf den Mittelstreifen und hält die 120 Ampeln am Laufen.

Thomas Jasper (44, aus Geltow), Operativer Verkehrsmanager in der Verkehrsmanagementzentrale Potsdam. Quelle: Jan Russezki

„Vor 20 Jahren sind Mitarbeiter durch die Stadt gelaufen und haben die Glühbirnen in den Ampeln geprüft“, erzählt Jasper. Heute sei das komfortabler. Die Verkehrskarte zeigt neben Staus auch Probleme der Anlagen an. Und Jasper kann die Hinweistafeln mit wenigen Klicks digital beschriften, die in erster Linie über die Verkehrslage informieren und nicht ablenken sollen.

Verkehrstafel sind auch Politik

Die Tafeln seien aber auch Politik: Früher sei der Verkehr mehr auf Autos ausgelegt gewesen, heute versuche die Stadt, die Verkehrslage und die Natur mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu entlasten. Deswegen steht auf einer der Hinweistafeln in der Stadt: „Ich kaufe ein I und möchte lösen: V_P T_CKET“. „Wir versuchen, manchmal einen Witz unterzubringen, aber das ist verdammt schwierig. Über Verkehr lacht man nicht“, sagt Jasper.

Schließlich geht es um die „Lebensadern der Stadt“, wie Gerrit Hartmann-Engel sagt. Auf der Verkehrstafel in der Zentrale leuchtet eine Ampelanlage rot. Es kommt wieder zu Verzögerungen, Stau, Frust. Und im Verborgenen versuchen die drei Ingenieure aus der Zentrale am Hauptbahnhof erneut den völligen Verkehrskollaps Potsdams zu verhindern.

Von Jan Russezki

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