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Potsdam Sowjetische Spuren in Villenkolonie Neubabelsberg
Lokales Potsdam Sowjetische Spuren in Villenkolonie Neubabelsberg
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18:29 22.09.2019
Der britische News Chronicle berichtete am 19. Juli 1945 über den „Generalissimo Stalin“ und „Mr. Churchill“ auf der Potsdamer Konferenz. Quelle: Rainer Schüler
Babelsberg

Potsdam unter dem Roten Stern – Hinterlassenschaften der sowjetischen Besatzungsmacht 1945-1994“. So heißt die aktuelle Sonderausstellung des Potsdam Museums, und Führungen sollen diese Spuren stadtweit zeigen. Die Villenkolonie Neubabelsberg ist dafür ein vorzeigbarer Ort, war sie doch nach Kriegsende ein verkleinertes Spiegelbild des alliiert geteilten Deutschland. Allerdings nicht ganz, denn der französische Sektor fehlte. „Man hatte die Franzosen einfach nicht eingeladen zur Berliner Konferenz in Potsdam“, sagte Robert Leichsenring von der Potsdam Marketing und Service GmbH am Samstagnachmittag bei einer Führung mit Reiseunternehmer Reiner Müller durch die „geheime Stadt“ der Konferenz, die abgeschottet war durch Schlagbäume und Militärposten, an denen Soldaten der „Großen Drei“ gemeinsam standen: Sowjetunion, USA und Großbritannien.

Stadtführung „Sowjetische Spuren in der Villenkolonie Neubabelsberg“ mit Rainer Müller (li.). Quelle: smirnova_v

De Gaulle war für Churchill „anstrengend“

„Die Franzosen hatten den Krieg ja nicht gewonnen, und General de Gaulle war in Churchills Augen ein anstrengender Partner“, erklärte Leichsenring: „Eine Besatzungszone in Deutschland sollten sie bekommen, einen Platz am Konferenztisch nicht.“ Der wurde übrigens extra in der Moskauer Möbelfabrik „Lux“ geschreinert, weil die Sowjets bei aller Plünderei der Villen nichts ausreichend Großes gefunden hatten, nicht mal einen Teppich, auf den man einen Tisch wie diesen stellen konnte. Den holte man sich aus dem Neuen Palais; er war dann allerdings zu groß für den Konferenzsaal im Schloss Cecilienhof, weshalb er dort noch immer mit eingerolltem Rand zu sehen ist.

Die Villenkolonie Neu Babelsberg hatte bis zum Krieg illustre Bewohner: Unternehmer, Künstler, Nazi-Größen, Widerständler. Nach dem Krieg vertrieben die sowjetischen Militärs die meisten Besitzer.

Fast kein sichtbarer Hinweis

Zu sehen gibt es von der sowjetischen Besatzungsmacht so gut wie gar nichts in der Villenkolonie von heute. Hammer und Sichel in roter Farbe an einer geschlossenen Fensterjalousie der Jura-Fakultät der Uni Potsdam sind ein ganz und gar neuzeitliches Graffito. Nur die Gedenktafel an der Villa Herpig in der Karl-Marx-Straße erinnert an die Besatzungszeit und daran, dass der sowjetische Dikator Josef Stalin sich dieses Haus als Konferenzsitz herrichten ließ, komplett weiß wie seine Paradeuniform. „Stalin liebte Uniformen“, berichtet Leichsenring, „auch Bankette und Parties. Eingeladen wurde nur, wer Uniform trug.“ Einzig zur Konferenz musste Stalin hinnehmen, dass Truman in zivil erschien.

Bretterzäune umgaben Sperrgebiet

Die Tour begann am Bahnhof Griebnitzsee, dessen Bahnsteige zur Konferenzzeit mit Bretterzäunen blickgedichtet waren.

Die Bahnsteige des Bahnhofs Griebnitzsee waren zur Potsdamer Konferenz durch Bretterzäune vor Blicken geschützt. Auch das sowjetische Oberkommando im früheren DRK-Präsidium war von einem Bretterzaun umgeben. Quelle: Varvara Smirnova

„Die Sowjets liebten Zäune“, erzählte Leichsenring dann an der August-Bebel-Straße auf der breiten Zufahrt zum Ex-Präsidialgebäude des Deutschen Roten Kreuzes, heute Teil der Universität. Am 26. Mai 1945 zog das sowjetische Oberkommando hier ein, entfernte das Wappen des DRK und den schwarzen Adler Preußens; ein Staatswappen der Sowjetunion wurde angeschraubt. Noch bis 1946 saß das Oberkommando in dem Komplex, der von einem 600 Meter langen Bretterzaun umgeben war.

Dauernd eine Lok unter Dampf

Marschall Wassili Sokolowski soll als Chef der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland und Oberkommandierender der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland bis 1948 am Kaiserbahnhof Sanssouci ständig einen Zug unter Dampf gehalten haben, um schnellstmöglich zum Grenzbahznhof nach Brest zu kommen, wo man alle Züge auf die sowjetische Gleisbreite nach Moskau umspuren musste. 1946 zog das Oberkommando nach Wünsdorf, doch Teile blieben bis 1950 im DRK-Gebäude.

Das frühere Zentrallager des Deutschen Roten Kreuzes und spätere DRK-Präsidium war nach Krisgsende Sitz des Oberkommandos der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Heite gehört es zur Uni Potsdam. Quelle: Rainer Schüler

Die Sowjets hatten alle umliegenden Wohngebäude beschlagnahmt und die Bewohner kurzerhand vertrieben, um rund 8000 Menschen unterzubringen, die für das Kommando tätig waren: Soldaten und Zivilisten, Handwerker zum Beispiel, die die Bretterzäune bauten und die Villen für die Konferenz präparierten: malern, einrichten, verwanzen. Den Holzzaun soll es bis 1954 gegeben haben. Am 30. August 1954 verließen die Sowjets die beschlagnahmte Kolonie.

Sowjets schotteten sich strengstens ab

Vom Leben im britischen und amerikanischen Sektor des Konferenz-Städtchens weiß man recht viel; es wurde archiviert. Von den Sowjets weiß man fast nichts. Sie hatten an Öffentlichkeit kein Interesse und alle Hände voll zu tun, den Konferenzort herzurichten; vom 17. Juni bis zum 2. August 1945 wurde verhandelt. Am 28. Mai kam der Befehl aus Moskau, die Konferenz dort abzuhalten. Für die „Operation Palma“ (dt.: Palme) rückten 1500 Tscheka-Geheimdienstler an und räumten 62 Villen mit rund 10.000 Quadratmetern Land darum. Die Rote Armee richtete eine Fernmeldezentrale ein und mehrere Objekte zur Nahrungsmittelversorgung.

Chef-Villen in himmelblau, rosa und weiß

Im „Truman-Haus“ hatte der Präsident der USA 53 Mitarbeiter. Mehr als tausend reisten an aus den Vereinigten Staaten; sie wohnten in Berlin. Die Villa wurde auf Trumans Wunsch innen hellblau gestrichen, die Villa Churchills rosa, die von Stalin weiß. Truman ließ edelste Speisen und Getränke täglich frisch aus Paris einfliegen. Als die Konferenz vorbei war, bezog Marschall Shukov seine Villa bis 1947.

Die Villa Urbig war Churchills Residenz zur Potsdamer Konferenz. Quelle: Rainer Schüler

Churchill residierte in der Villa Urbig, errichtet durch Mies van der Rohe. Am 23. Juli ’45 gab er hier eine der größten Parties der Konferenzzeit, musste aber 1500 Tschekisten die Villa bis in den letzten Winkel filzen lassen, damit Genossen Stalin nichts passieren konnte. Der hatte schon zwei Tage vorher eine Party für die Alliierten geschmissen und dazu Musiker und Ballet-Tänzer aus Moskau einfliegen lassen für eine eher stille Show. Churchill wollte das noch toppen und holte die Royal Scottish Band seiner Luftwaffe. Die machte mächtig Lärm, was Stalin ärgerte und Churchill feixen ließ. Stalin bat darum, die Lautstärke etwas zu senken; man gewährte gnädigst ihm den Wunsch.

1700 deutsche Handwerker im Dienst

1700 deutsche Handwerker waren damals in der Villenkolonie im Einsatz; mehrere Kilometer Straßen wurden neu gebaut. Die Militärs schlugen eine Pontonbrücke vom Park Babelsberg zum Glienicker Horn übers Wasser, um die Tagungsteilnehmer direkt zum Schloss Cecilienhof zu kommen zu lassen. Das Sperrgebiet am Griebnitzsee wurde zur Wende 1950/51 aufgehoben; von den früheren Villenbesitzern kam keiner wieder. „Bei den Sowjets wollte niemand von denen leben“, sagte Leichsenring.

Von Rainer Schüler

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