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Potsdam Spontan zur Hausbesetzerin geworden
Lokales Potsdam Spontan zur Hausbesetzerin geworden
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13:34 28.11.2017
Kathleen Müller (58) hat die FH mitbesetzt.  Quelle: Nadine Fabian
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Innenstadt

 Kathleen Müller ist Potsdamerin, 58 Jahre alt und seit ein paar Tagen Besetzerin. Kathleen Müller ist nicht verzweifelt, aber wütend. „Ich bin aus meiner Ohnmacht aufgeweckt worden mit diesem Objekt“, sagt sie. „Dieses Objekt“ ist die Fachhochschule (FH) am Alten Markt. Am Donnerstag haben Polizisten die zierliche Frau dort herausgetragen. „Für mich persönlich“, sagt sie, „war es eine durchaus humane Räumung. Ich habe aber auch junge Männer gehört, die vor Schmerzen geschrien haben. Ich habe erlebt, wie unsinnig gewaltsam die Polizei sein kann.“

„Recht unpolitisch“ bis zur Besetzung

Unsinnig erscheint der zierlichen Frau vieles, was in den vergangenen Jahren, Monaten und Tagen geschehen ist. Die Privatisierung von Gewässern etwa oder die Privatisierung vormals öffentlicher Flächen. „Dieses permanente Gefühl der Enteignung – ich war traurig, aber ich war auch in meiner Passivität gefangen. Jetzt gibt es ein Objekt, das in meiner Heimat ist, direkt um die Ecke.“ Dennoch: „Bis zur Besetzung würde ich mich als recht unpolitisch bezeichnen.“ Zwar sei sie dabei gewesen, als sich das Bündnis „Potsdamer Mitte neu denken“ vor drei Jahren formierte: „Aber nur als Interessierte und sehr sporadisch.“ Inspiriert habe sie vor allem Sprecher André Tomczak„mit seinem Mut, gegen etwas schier Unaufhaltbares anzutreten, dranzubleiben und sich nicht von der ersten Niederlage erschüttern zu lassen“.

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„Ich bin ein Bauchmensch“

Zur FH-Besetzung sei sie wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. Als sie am Donnerstag mitbekommen hatte, dass die FH besetzt wurde, sei sie gerade auf dem Weg zum Protestcamp gewesen – mit allem, was man braucht, um Plakate zu malen. Bei den Aktionen draußen mitmischen, klar. Aber besetzen? Nach einem Imbiss in der Mensa stößt Kathleen Müller in der FH auf eine rege Diskussionsgruppe, setzt sich dazu und bleibt. Sie bleibt auch, als es ungemütlich wird und nach der ersten Aufforderung der Polizei, das Gebäude frei zu geben. Sie bleibt nach der zweiten und dritten. „Ich bin ein Bauchmensch“, sagt Kathleen Müller. „Ich habe das nicht geplant. Und es gab absolut keinen Gruppenzwang. Jeder hatte immer wieder Gelegenheit zu überprüfen, ob er geht oder nicht. Wir waren keine homogene Gruppe. Der kleinste gemeinsame Nenner war wohl, dass wir alle für den Erhalt der FH, dieses riesengroßen Potenzials, sind. Wir waren nicht da, um etwas zu zerstören, sondern um ein Zeichen zu setzen – friedlich.“

Wie sehr sie das Thema bewegt, ist Kathleen Müller anzumerken. „Ich wünsche mir – und ich habe auch das Empfinden, dass in der Stadt etwas passiert, dass es mehr und mehr Menschen gibt, die nicht mehr hinnehmen wollen, die aktiv werden, die uns unterstützen.“ Sie selbst sei in den Tagen des Protestcamps oft mit der älteren Generation ins Gespräch gekommen. „Ich habe von vielen gehört: Ihr habt das richtig gemacht.“

Die Hoffnung bleibt, solange die Bagger nicht rollen

Am Sonntag habe sie bis zum Schluss an der FH ausgeharrt, habe beim Abbau und beim Aufräumen „bis zur letzten Zigarettenkippe“ geholfen. Am Montag sei sie einmal kurz vorbei gefahren, um zu gucken, wie dort nun aussieht. „Das Polizeiband hängt noch. Aber auch unsere goldene Folie an den Pfeilern“, sagt Kathleen Müller, ohne wehmütig zu klingen. Die Besetzung – geplatzt. Die Gespräche – im Sande verlaufen. Ihre Personalien – erfasst. „Ich bin auf keinen Fall deprimiert oder enttäuscht“, sagt Kathleen Müller. „Ich gehe gestärkt aus diesen Tagen und werde so lange mitmachen und Hoffnung haben, so lange die Bagger nicht dran sind und knabbern.“, Rollen sie eines Tages doch an, wolle sie wieder aktiv werden – spätestens dann. Die FH-Aktivisten haben angekündigt, ihre Proteste fortsetzen zu wollen. „Wenn alle legitimen Bemühungen mit einem Federstrich für nichtig erklärt werden, wo sollen wir da jetzt noch ansetzen?“, fragt Kathleen Müller. „Für mich bleibt nur noch der Weg des zivilen Ungehorsams. Der Protest hat mich wieder ins Leben geholt.“

Von Nadine Fabian

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