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Potsdam Die Potsdamer Mitte wird weiblich: So sollen die neuen Straßen heißen
Lokales Potsdam Die Potsdamer Mitte wird weiblich: So sollen die neuen Straßen heißen
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21:20 26.09.2019
Die alte Kaiserstraße wurde auf dem Gelände der ehemaligen FH gefunden und zugeschüttet. Dort entsteht bald eine neue Straße. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Die neue Potsdamer Mitte wird weiblich. So will es zumindest der Kulturausschuss. Fast einstimmig stimmten die Mitglieder am Donnerstagabend für drei Frauennamen, nach denen die historischen Straßen am Alten Markt benannt werden sollen. Die Kaiserstraße soll nach Anna Flügge benannt werden, die Schloßstraße nach Anna Zielenziger und die Schwertfegerstraße nach Erika Wolf. Die endgültige Entscheidung darüber trifft die Stadtverordnetenversammlung im November.

Mit dem neuen Quartier auf dem Gelände der ehemaligen Fachhochschule werden auch die historischen Straßen wieder neu angelegt. Die neuen Straßennamen betreffen nur die Straßenabschnitte, die auf dem Neubaugebiet liegen. Laut Christian Loyal-Wieck von der Straßenverwaltung existieren diese im Moment noch nicht. Die Kaiserstraße wurde erst Anfang September von Archäologen kurzzeitig freigelegt und wieder zugeschüttet.

Streit um die Kaiserstraße

Wie umstritten die Kaiserstraße ist, zeigt auch die aktuelle Debatte auf Facebook. Dort merkt ein Nutzer an, dass ihn die „Huldigung des Kaisers“ aus heutiger Sicht ins Grübeln bringt. Laut Klaus Arlt ist der Name allerdings auf einen Bäcker namens „Kayser“ zurückzuführen. 1752 wurde die Straße dann in Hüttengasse und 1945 zur Otto von Guericke-Straße umbenannt.

An den historischen Namen will die Bürgerinitiative Mitteschön festhalten. „Sie gehören untrennbar zum Gedächtnis der Stadt“, teilte die Initiative am Donnerstag vor der Ausschusssitzung mit. Auch Roman Kuffert von der AfD sieht das so und sagte während der Sitzung: „Die Straßennamen sind historisch und für Touristen wichtig.“ Sie seien auch nicht negativ belastet, weswegen er keinen Grund für die Namensänderung sieht.

Hier können Sie sich den Lageplan der Straßen herunterladen. Die Karte erstellte die Stadt Potsdam.

Namen als politisches Statement

Sarah Zalfen (SPD) hielt dagegen eine Rede für die drei Frauennamen: „Die vielen Umbenennungen der Kaiserstraße zeigen, dass es ein Raum der Veränderungen in Potsdam ist.“ Eine einzelne Geschichte festzusetzen, fällt ihr schwer. Ihr stellt sich die Frage, welche gesellschaftlichen Errungenschaften in Potsdam gezeigt werden sollen.

Antragstellerin Jenny Pöller (Die Andere), die sich auch im Potsdamer Frauenwahllokal engagiert, findet: „Wir haben Frauen lange vergessen. Mir ist es wichtig, sie sichtbar zu machen und ein Signal für Schritte zu tun, die die Potsdamer Mitte beleben.“

Das sind Namensgeberinnen

Die Ethnologin Jeanette Toussaint hatte im Auftrag von Pöller die drei Frauennamen aus dem Straßennamenpool der Stadt herausgesucht. Ihr sei es wichtig gewesen, einen örtlichen Bezug zum Alten Markt herzustellen – wenn auch nur symbolisch.

Anna Flügge soll der umstrittenen Kaiserstraße einen neuen Namen geben. Die SPD-Abgeordnete saß bis 1933 im Potsdamer Stadtparlament und engagierte sich auch in der Arbeiterwohlfahrt. Zudem hatte sie sich maßgeblich für die Kleingartensparte Bergauf eingesetzt.

Die frühere Schloßstraße soll künftig nach Anna Zielenziger benannt werden. Zielenziger war bis 1933 Vorsitzende des israelitischen Frauenvereins in Potsdam. Sie setzte sich für Mädchen- und Frauenbildung ein. 1943 wurde Zielenziger von den Nationalsozialisten ermordet. Toussaint sieht den Namen in der Nähe der alten und der neuen Synagoge in Potsdam passend platziert.

Für die Schwertfegerstraße soll Erika Wolf Namengeberin werden. Sie war 1945 Mitbegründerin der CDU in Potsdam und bis 1950 Stadtverordnete sowie zeitweise auch im Landesvorstand der Partei als Leiterin der Frauenabteilung. 1950 floh sie in den Westen und kehrte 1994 zurück. „Für sie spricht die symbolische Nähe zum Landtag“, erklärte die Ethnologin.

Kritik an politischen Persönlichkeiten

Schon vor der Sitzung des Ausschusses äußerte sich der Verein Potsdamer Stadtschloss kritisch: „Es verbieten sich politische Benennungen in der Mitte“, teilt der Verein mit. „Es geht um die Orientierung und erlebbare Stadtgeschichte, nicht um die Ehrung verdienter Politiker“, erklärte Vereinsmitglied Willo Göpel in einer Pressemitteilung.

Auch auf Facebook sprach sich die Nutzerin Elisabeth Karth zuvor gegen solch einen Vorschlag aus. „Es geht nicht darum, diese Persönlichkeiten nicht zu ehren, sondern nicht dort“, erklärte sie. Ihrer Meinung nach sollen nur neue Straßen neue Namen bekommen. Der Facebook-Nutzer Rüdiger Seyffer will dagegen die Gelegenheit zur Ehrung nutzen.

Neue Namen, neue Probleme?

Christian Loyal-Wieck von der Straßenverwaltung drängte auf die Entscheidung des Kulturausschusses. Die Bauherren der aktuellen Bauanträge und Bauvorbereitungen bräuchten dringend Adressen. Sein Wunsch wäre, die Straßennamen beizubehalten, damit die Hausnummern weitergeführt werden können.

Mit neuen Straßennamen würden laut Verein Potsdamer Stadtschloss zum Beispiel in der Schloßstraße die Hausnummern 1 bis 7 fehlen. Auch die Schwertfegerstraße würde laut Willo Göpel mit zwei Hausnummern als „kürzeste Straße Potsdams“ in die Geschichte eingehen. Christian Wendland vom Bürgerbündnis hingegen sah vor allem darin das Problem, denn dann müssten auch alle bisherigen Hausnummern neu vergeben werden.

Loyal-Wieck entkräftete dieses Argument: „In Potsdam gibt es viele Straßen, die nicht bei eins anfangen. Die bestehenden Hausnummern müssen nicht geändert werden.“

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Schloßstraße, Schwertfegerstraße und Kaiserstraße. Potsdam legt im neuen Quartier historische Straßen an. Um die Kaiserstraße ist der größte Streit entfacht.

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