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Potsdam Streit um wachsende Taubenschwärme
Lokales Potsdam Streit um wachsende Taubenschwärme
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00:23 27.04.2019
„Tauben sind Stubenhocker, wenn sie die Möglichkeit haben“, sagt Tierschützerin Anke Drohla. Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
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Innenstadt

Vor drei Wochen bekam Anke Drohla einen Anruf vom Ordnungsamt. „Ich sollte ihnen sagen, wer in der Innenstadt Tauben füttert.“ Das habe sie aber nicht getan. „Bin ich bescheuert?“ Denn anders als etwa in Berlin ist das Taubenfüttern in Potsdam verboten. „Das Füttern freilebender Tauben und anderer Wildtiere mit Nährmitteln und Essensresten ist eine Verunreinigung und nicht gestattet“, heißt es in der Stadtordnung. Wer füttert, riskiert in Potsdam ein Bußgeld.

Anke Drohla mit einer jungen Ringeltaube. Quelle: Varvara Smirnova

Tierschutzaktivistin Anke Drohla (49) war 2015 Mitgründerin der Arbeitsgemeinschaft Potsdamer Stadttauben. Zu der Zeit seien „immer mehr verletzte und schwache Tiere im Stadtbild“ aufgetaucht, die „eingefangen, versorgt und rehabilitiert werden mussten“. Und so sieht die aktive Taubenhilfe aus: Anke Drohla fängt verirrte Jungtauben, verletzte und kranke Tiere ein, bringt sie zum Tierarzt und päppelt sie bei sich zu Hause auf. In den ersten Jahren habe sie jeweils „mindestens über 1000 Euro gezahlt“, sagt die Krankenschwester, aus der eigenen Tasche. Für ein Tier könne man „von Anfang bis Ende mit 50 Euro rechnen“.

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Die gesundeten Tiere wildert sie im Garten ihrer Eltern aus. Ringeltauben, eine heimische Wildart, suchen sich aus eigener Kraft ein neues Revier. Stadttauben jedoch, die Nachkommen der vom Menschen gezüchteten Haustauben, seien standorttreu. „Ich hatte im vergangenen Jahr schließlich 15 Stück“, sagt Anke Drohla, „alles verletzte Tiere, die dann geblieben sind“.

Mit einem Blasrohrpfeil beschossene Taube. Quelle: Tierrettung Potsdam

Zwei mit Blasrohrpfeilen beschossene Tiere waren dabei, Tauben mit verschnürten Füßen und gebrochenen Flügeln, „Brieftauben, die irgendwo hängen geblieben sind.“ Doch im Herbst verschwand der Schwarm. „Da kam dreimal der Greifvogel. Drei Tauben hat er erwischt. Die anderen sind weggeflogen und nie wiedergekommen.“

Die AG Stadttauben setzt sich für eine Regulierung der Taubenpopulation in der Stadt ein. Im Blick haben sie die Schwärme in der Innenstadt, die nach Einschätzung von Anke Drohla und ihren Mitstreiterinnen größer werden. Der Zuwachs kommt von außen mit verirrten Brief- und Hochzeitstauben, und von innen: Ein Taubenpärchen brütet bis zu sieben Mal jährlich.

In der Innenstadt geborgenes Taubenküken. Quelle: Tierrettung Potsdam

Angeregt von der Arbeitsgemeinschaft, gab es 2017 erstmals eine politische Initiative zur Errichtung eines Stadttaubenschlages, in dem die Tiere artgerecht mit Körnern gefüttert werden und Brutplätze finden. Die Eier würden bei dem sogenannten Augsburger Modell durch Gipsattrappen ausgetauscht. Der Nachwuchs bliebe aus. Und die Tiere fänden einen geschützten Schlafplatz als Alternative zu Mauerlöchern und Fensterbrettern. „Tauben sind Stubenhocker, wenn sie die Möglichkeit haben“, sagt Anke Drohla.

Die Grünen hatten den Antrag eingebracht, doch er lief ins Leere. Die Stadtverwaltung verwies darauf, das es in der Bruno-H.-Bürgel-Straße in Babelsberg und am Schlaatzweg in der Teltower Vorstadt bereits zwei solcher Stadttaubenschläge gibt. Die Fraktion zog ihren Antrag zurück. „Durch Verwaltungshandeln erledigt“, hieß es in der Begründung.

Kranke Brieftaube in Pflege. Quelle: Tierrettung Potsdam

Grünen-Politiker Andreas Walter kündigte jedoch an, dass er sich in der Debatte zur Neufassung der Stadtordnung um zwei Änderungen bemühen wolle: für eine generelle Regelung für weitere Stadttaubenschläge und für eine Aufhebung des Fütterungsverbotes.

Doch nach Mitteilung der Stadt steht beides nicht mehr zur Debatte: „Eine Aufhebung des Fütterungsverbotes ist auch nach Überarbeitung der Stadtordnung nicht vorgesehen“, sagte Rathaussprecherin Christine Homann auf Anfrage: „Nach Auffassung vieler Verwaltungsgerichte“ sei das Fütterungsverbot „geeignet, den Bestand an Tauben im Stadtgebiet zu verringern und ihre Anzahl auf niedrigem Niveau zu stabilisieren.“

Und: „Die bereits vorhandenen Taubenschläge sind nach unserer Auffassung ausreichend.“ Die beiden Stadttaubenschläge würden seit April 2018 mit „monatlich 75 Euro für Futter und sonstige Aufwendungen unterstützt“, sagt Christine Homann.

Asyl für die Tauben vom Hauptbahnhof

Unbekannter beschießt Tauben

Taubenvergiften im Park oder Kampf um einen Stadttaubenschlag

Bei den Taubenschützerinnen um Anke Drohla sind diese Schläge umstritten, weil der Betreiber Hochzeitstauben züchtet und vermietet, um den Betrieb zu finanzieren. Das sei doch „Irrsinn“. Grundlegendes Problem aber sei, dass diese Taubenschläge viel zu weit von der Innenstadt mit ihren mehrere 100 Tauben starken Schwärmen entfernt stünden.

Die AG plädiert für einen Stadttaubenschlag im Umfeld des Bassinplatzes. „man bräuchte nur einen Zirkuswagen oder einen einen Schlag auf dem Dach“, sagt Anke Drohla. Auch Grünen-Politiker Walter will dranbleiben. „Wir wollen mit der nächsten Fraktion nach der Kommunalwahl einen neuen Anlauf nehmen“, sagte er auf Anfrage: „Wir sehen das sehr wohl als Problem.“

Tödliche Fallen für Stadttauben

Eine oft verwendete Abwehrmaßnahme gegen anlandende Tauben sind sogenannte Spikes. Tierschützer sind dagegen, weil diese Spieße bei Tauben und anderen Tieren schwere Verletzungen verursachen.

Berüchtigt sind Antitauben-Klebepasten, die das Gefieder von Tauben und anderen Vögeln verkleben und so zu einem langsamen, qualvollen Tod führen.

Eine Alternative zum Schutz von Flächen gegen anlandende Tauben sind nach Angaben von Tierschützern schräg gesetzte Bleche, von denen die Vögel abrutschen, ohne sich zu verletzen.

Eine häufige Verletzung sind verschnürte Füße. Auf der Suche nach Nahrung verfangen sich Vögel in herumliegenden Bindfäden. Ohne fremde Hilfe sterben die Füße ab.

Tauben sind ein bevorzugtes Angriffsziel von Tierquälern. So ging in der Potsdamer Innenstadt vor einem Jahr ein Unbekannter mit einem Blasrohr auf Jagd und verletzte mehrere Tiere schwer.

Die Anzahl der Taubenfreunde in der Stadt wächst, das sagt Anke Drohla. Sie entdecke immer häufiger ausgestreute Haferflocken und Sonnenblumenkerne. Und am Hauptbahnhof füttere jemand regelmäßig Brot. „Das ist alles nicht von Taubenschützern, denn das ist nicht artgerecht. Da füttern Privatleute“, sagt sie.

Für die AG Potsdamer Stadttauben herrsche derzeit die Ruhe vor dem Sturm. „Im Mai geht es wieder richtig los mit allem, was aus den Nestern fällt“, sagt Anke Drohla. Ihren ersten neuen Schützling hat sie allerdings bereits zu Ostern eingesammelt: Ein Ringeltaubenbaby, das jetzt gepäppelt wird.

Von Volker Oelschläger

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