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Potsdam Der Unbequeme
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07:04 23.08.2018
Kai Toni Okurka (52) legt großen Wert auf seine Selbständigkeit. 2001 ist er aus dem Oberlinhaus aus- und in eine eigene Wohnung gezogen.
Kai Toni Okurka (52) legt großen Wert auf seine Selbständigkeit. 2001 ist er aus dem Oberlinhaus aus- und in eine eigene Wohnung gezogen. Quelle: Friedrich Bungert
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Potsdam

Krüppelanstalt – das Wort ging den Menschen vor hundert und mehr Jahren ganz unbefangen über die Lippen. „Krüppelanstalt“, sagt auch Kai Toni Okurka und macht eine der seltenen Pausen, die seinen so energischen Redefluss für einen kurzen Moment besänftigen. Als er ein sehr junger Mann war, war das vor hundert und ein paar mehr Jahren von der evangelischen Kirche gegründete Wohnheim in dem kleinen Ort am Rande des Ruhrgebiets sein Zuhause. „Die Krüppel­anstalt“, sagt Kai Toni Okurka, „wurde da oben auf dem Berg gebaut, weil man nicht wollte, dass die Behinderten ins Dorf kommen.“ Oft hatte er dort das Gefühl, dass über die Jahrzehnte zwar das hässliche Wort verschwunden, dessen Geist aber geblieben ist. Das sei auch der Grund gewesen, weshalb es ihn 1992 aus dem Westen nach Potsdam gezogen hat. Bei einem Besuch hatte er das Oberlinhaus in Babelsberg kennengelernt – und war hellauf begeistert. „Es war alles so gerade“, sagt Kai Toni Okurka. „Es war alles so offen. Und dann war da diese große Menschlichkeit untereinander.“

Seit er denken kann, ist er auf die Hilfe angewiesen

Kai Toni Okurka (52) lebt mit einer spastischen Lähmung. Ursache dafür war ein Sauerstoffmangel bei der Geburt, womöglich auch davor oder danach. Beide Arme und Beine sind betroffen – sie sind nicht so entwickelt wie es sein sollte, sie sind steif und schwach. Sich anziehen, duschen, Geschirr spülen: So etwas schafft Kai Toni Okurka nicht aus eigener Kraft. Seit er denken kann, ist er auf die Hilfe anderer Menschen und auf den Rollstuhl angewiesen. Gerade deshalb legt er großen Wert auf seine Selbständigkeit und Selbstbestimmung.

So labil der Körper auch sein mag, seine Meinung ist stark. Als die Landeshauptstadt vor einem halben Jahr den Beirat für Menschen mit Behinderung neu aufgestellt und sich zeitgleich ein alternativer, nicht ans Rathaus gebundener Beirat gegründet hat, packte Kai Toni Okurka die Chance beim Schlafittchen: Er hat sich für beide Gremien aufstellen lassen – und wurde in beide gewählt. „Ich will den Finger immer wieder in die Wunde legen“, sagt Kai Toni Okurka, wenn er auf sein Engagement angesprochen wird. Sein Versprechen ist auch eine Drohung, denn Kai Toni Okurka ist desillusioniert, er ist zornig und geradeheraus. Das passt nicht jedem, egal ob behindert oder nicht. Kai Toni Okurka ist unbequem.

„Sollen wir ewig wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden?“

„Die Behindertenarbeit in ganz Deutschland ist weder fair noch zielgerichtet – das ist Möchtegern-Teilhabe“, sagt er. Die Mehrheit der Behinderten habe sich aufgegeben. „Es macht für sie entweder keinen Sinn mehr, sich zu wehren, weil ihre Hoffnungen zu oft enttäuscht wurden. Oder sie haben Angst, den Mund aufzutun, weil sie in Abhängigkeit leben. – Aber sollen wir ewig wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden? Niemand darf vergessen: Die Menschen, die es betrifft, haben sich ihre Situation nicht ausgesucht.“

Ein Beispiel: Wie viele andere Behinderte bekommt Kai Toni Okurka Tag für Tag Besuch vom ambulanten Pflegedienst. In der Woche gegen neun, am Wochenende etwas später. Entscheiden, wer da in seine vier Wände, in sein Privatestes kommt, kann er nicht. Was, wenn’s menschlich nicht stimmt? Wenn’s zeitlich mal nicht passt? Wenn er ausschlafen möchte? Oder früher raus muss? „Es muss doch um die Meinung, um die Bedürfnisse und Interessen des Patienten gehen“, sagt Kai Toni Okurka: „Geht es aber nicht.“

Das Pflegesystem muss umgekrempelt werden

Neulich etwa, da wollte er nach Köln aufs BAP-Konzert. Um kurz nach sechs in der Frühe ging der Zug. „Welcher Pflegedienst kommt um 4.30 Uhr, wenn ich aufstehen und mich fertigmachen muss? – Keiner.“ Hätte Kai Toni Okurka nicht ein paar zupackende Bekannte, es wäre nix geworden mit dem Trip. Manchen mag das demütig stimmen. Kai Toni Okurka macht es wütend. „Wir Behinderten haben ohnehin eine eingeschränkte Lebensqualität“, sagt er. „Und dann sollen wir den Rest an einen Pflegedienst hängen, der über uns bestimmt?“ Er wolle nicht falsch verstanden werden: Von der Pflegekrise seien auch die Dienste und deren Mitarbeiter betroffen. „Es ist das ganze System, das umgekrempelt werden muss“, sagt Kai Toni Okurka. „Es muss etwas passieren. Für beide Seiten.“

Und Potsdam? Was muss in Potsdam anders werden? Kai Toni Okurka macht eine seiner seltenen Pausen. Wo beginnen? – Wenn er sich nur das Dringendste wünschen dürfte? „Dann wäre das ein Gesetz, dass Fahrstühle unverzüglich zu reparieren sind, wenn sie ausfallen. Der Potsdamer Hauptbahnhof ist eine Katastrophe!“, stöhnt Kai Toni Okurka. Als zweites nennt er den Tram-Verkehr. „Die alten Bahnen müssen so schnell wie möglich weg und durch Niederflurwagen ersetzt werden.“ Und einen dritten Wunsch – klar, den hat er. „Dass der Behindertenbeirat mehr Mitspracherecht bekommt, dass er wirklich etwas zu sagen hat. Wer sagt, dass wir ein Meckerbeirat sind, hat Recht – wir sind zum Meckern da! Keine Stadt wird freiwillig mehr für Behinderte tun als nötig – das kostet doch.“

Morgen wird erst einmal gefeiert. Der Beirat für Menschen mit Behinderung der Landeshauptstadt lädt zum Sommerfest vors Nauener Tor. Auch Kai Toni Okurka wird da sein – auch wenn ihm nach Feiern überhaupt nicht zumute ist.

Sommerfest mit Wahlprüfsteinen

Der Beirat für Menschen mit Behinderung der Landeshauptstadt Potsdam lädt für den morgigen Freitag, 24. August, zum Sommerfest ein.

Beginn auf dem Platz vor dem Nauener Tor (Friedrich-Ebert-Straße) ist um 16 Uhr.

Das Fest bietet Gelegenheit zum Kennenlernen, Informieren, Diskutieren, Essen und Trinken – und laut Einladung vor allem zum Spaßhaben.

Den Kandidaten und Kandidatinnen zur OB-Wahl hat der Beirat im Vorfeld Fragen gestellt. Zum Beispiel: „Sind Sie der Meinung, dass Barrierefreiheit bei Neubauten der Standard sein sollte?“ und „Wie können insbesondere Kinder und Jugendliche mit Behinderungen aus sozial und/oder ökonomisch schwachen Familien unterstützt werden?“ – Die Antworten auf diese Wahlprüfsteine werden beim Fest mit der Stadtgesellschaft besprochen.

Nachdem sich im April 2017 der Beirat für Menschen mit Behinderung wegen interner Differenzen aufgelöst hatte, wurde nach einer längeren Phase der Neuorientierung im März 2018 ein neuer Beirat aufgestellt. Er zählt derzeit 20Mitglieder. nf

Von Nadine Fabian